Der Berliner Tatort formuliert ein klares Bekenntnis zu seinem Standort. Das wäre ein Satz, den man imagepflegend und pressemeldungsmäßig raushauen könnte zur Ausstrahlung der Folge Meta (RBB-Redaktion: Josephine Schröder-Zebralla). Denn am Startwochenende des größten deutschen Filmfestivals läuft die neue Episode demonstrativ über den roten Teppich vor dem Berlinale-Palast.

Es gibt peinlichere Wirklichkeitsbesuche von ARD-Sonntagabendkrimis als den Auftritt von Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) auf dem Marlene-Dietrich-Platz, der vor interessierten Fans auf einer Großleinwand übertragen wird. Aber dass der Ausflug der Kommissarinnen für die Handlung zwingend gewesen wäre, lässt sich auch nicht behaupten. Die Szene zeigt viel mehr, welche Konventionen diese Krimi-Erzählung dominieren: dass man einen Verdächtigen an einem möglichst extravaganten Ort aufsucht, um ihm ein paar Fragen zu stellen.

Das fällt in Meta (Drehbuch: Erol Yesilkaya, Regie: Sebastian Marka) auch deshalb auf, weil der Film ansonsten aus der Reihe tanzt. Der Titel ist Programm, und das wird den Aficionados der – was immer das ist – "klassischen Tatort"-Episode Bauschmerzen bereiten. Karow und Rubin bekommen den Hinweis auf die Leiche eines vor Langem getöteten Mädchens zugeschickt, und die Spuren führen zu einem Film, der genau diese Geschichte noch einmal erzählt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Dieser Film heißt Meta, wie die Folge, und natürlich hat das den Effekt, dass im Film-im-Film zu sehen ist, was im Tatort auch passiert. In einer Szene sitzt Karow im Kino, um sich im Film-im-Film anzugucken, wie sein Alter Ego darin (Ole Puppe, mit Fabian Busch als lustigem Assistenten) ebenfalls im Kino sitzt, um einen Film zu sehen, in dem ein Kommissar im Kino sitzt.

Das sind die Stellen, an denen sich das Spiel mit den Verdopplungen und Spiegelungen verlieren kann in reiner Mechanik. Tatsächlich hängt Meta, also der Tatort, nach ungefähr einem Drittel ein wenig, weil es nach dem aufregenden, ungewöhnlichen Beginn Momente der Gewöhnung gibt. Der Geschichte gelingt es an dieser Stelle nicht immer, die beiden Ebenen der Handlung in ein spannungsreiches Verhältnis zu setzen.

Fahrt nimmt der Krimi erst wieder auf, als sich hinter der verschachtelten Erzählung der eigentliche Fall zu erkennen gibt. Der Mord an dem Mädchen, im Film-im-Film wie im Tatort, verweist auf ein Bordell, in dem Minderjährige sexuelle Dienste erbringen müssen. Einer der Kunden ist ein BND-Mitarbeiter namens Dierke (im Tatort: Stephan Grossmann), für den der Drehbuchautor des Films-im-Film gearbeitet hat. Die ganze Inszenierung mit den ausgelegten und im Film-im-Film bereits verarbeiteten Spuren für Rubin und Karow wird so als Versuch erkennbar, durch den Film-im-Film, also durch die Kunst, etwas zu erzählen, das sich anders nicht sagen lässt.

Im Hintergrund raunt eine hübsche Verschwörungstheorie: Dass die Organisation Gehlen – ein nach seinem Altnazi-Chef benannter Nachrichtendienst, der 1956 im Bundesnachrichtendienst aufging – praktisch nie aufgelöst wurde. Dass sie bis heute besteht als eine Art Schattendienst des BND und für die eigentlichen Schweinereien, die sehr heiklen Geheimdienstoperationen verantwortlich ist. Und dass Dierke nur scheinbar für den BND arbeitet, tatsächlich aber für Gehlen.

Das Jonglieren mit diesem Phantasma öffnet den Raum zwischen Film-im-Film und Tatort. Dort muss ermittelt werden, um am Ende einen anderen Schluss zu finden als den in der Fiktion bereits erzählten. Das betrifft vor allem Karow, der, angetriggert von der unheimlichen Geschichte, sich gegen die Warnungen Rubins in der paranoiden Weltwahrnehmung des Drehbuchautors zu verlieren scheint.