Der Fernsehfilm hat dem Kinofilm gegenüber den Vorteil, dass die Rechte für Musikstücke das Budget nicht in astronomische Höhen treiben. Der Kieler Tatort: Borowski und das Land zwischen den Meeren (NDR-Redaktion: Sabine Holtgreve) macht davon ordentlich Gebrauch. Einmal fährt Boro (Axel Milberg) auf dem psychedelisch ausufernden Getrippel von Riders on the Storm von den Doors mit seinem Volvo durch die melancholisch karge Küstenlandschaft, für die ein Sturm angekündigt ist.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Und der schön traurige Skeeter-Davis-Klassiker The End of the World (Why does the Sun go on shining? / Why does the Sea rush to Shore? / Don't they know it's the End of the World? / 'Cause you don't love me anymore), der in der zeitgemäß distanzverzweifelten Coverversion von Sharon von Etten ertönt, hat es den Machern des Films (Regie und Drehbuchmitarbeit: Sven Bohse) offenbar noch stärker angetan: Das Lied wird auch während der Dialogszenen am Beginn von Boros Insel-Ermittlungen gespielt; die Musik muss also dauernd runter- und wieder hochgedreht werden.

Terrain der Investigation ist in Borowski und das Land zwischen den Meeren die fiktive Insel Suunhold. Dort hat die auf dem Eiland rasend begehrte Bäckerei-Gehilfin Famke Oejen (Christiane Paul) ihren Liebhaber Oliver Teuber (Beat Marti) tot in der Wanne gefunden, als sie vom morgendlichen, neoprenbewehrten Schwimmen im Meer mit frischem Backwerk nach Hause zurückkehrt. Wie man das so macht, wenn die See vor der Türe rauscht.

Nordseeinsel-Krimis sorgen zwar für hübsche Bilder von Natur und Abgeschiedenheit (Kamera: Michael Schreitel), in die man sich schmiegen kann wie in einen Strickpullover mit einer Tasse Tee in der Hand. Aber dafür ist die Verdächtigensituation dürftig – alle kennen sich und die Inselpolizei duzt jeden Verhörten. Der Kieler Tatort entziehtsich diesem Dilemma, indem er nach Boros Ankunft einen zweiten Mord präsentiert und dem Ermittler später noch zwei tote Auftragskiller aufbahrt.

Erzählerisch funktioniert das relativ linear und damit womöglich als Antidot zu der komplexen Berliner Geschichte von letzter Woche: Teuber war als korrupter Beamter mit Schmiergeld für einen Puff-Bau auf die Insel geflohen, um ein neues Leben anzufangen. Das Schmiergeld wiederum hätte Bauer Iversen (Marc Zwinz) gut gebrauchen können, um wiederum eine Sexarbeiterin aus ihrer Abhängigkeit auszulösen, die in dem Kieler Bordell beschäftigt war, dem Teuber sein Geld verdankt. 

Dummerweise hatte aber sein Freund, der Bäcker Torbrink (Yorck Dippe) das Schmiergeld in Teubers Versteck gefunden und kann es mit Iversen nicht mehr teilen, weil der in der Zwischenzeit von den abgesandten Schergen aus dem Puff zu Schweinefutter verarbeitet worden ist. Torbrink sorgt danach für Ruhe, indem er die beiden Killer kurzerhand totfährt und das dann auch bei der Inselpolizei (Anna Schimrigk, Jörn Hentschel) erzählt.

Spannung ist also nicht unbedingt das, womit die Geschichte (Buch: Peter Bender, Ben Braeunlich) in die Annalen der ARD-Sonntagabendkrimi-Geschichte einzugehen vorhat. Der Akzent liegt auf der – bei Nordseeinsel-Settings – wohl unvermeidlichen Atmosphäre, die hier durch die immer mal wieder zitierte Theodor-Storm-Novelle Eine Halligfahrt gestützt wird. Da geht es um mythenfürchtiges Zusammenleben,eine wehmütige Liebesgeschichte und die vergebliche Suche nach Glück.

Groß machen will Borowski und das Land zwischen den Meeren die Liebe, in die der Kommissar – bei Tatort-Folgen muss das wohl so sein, seufz –hineingezogen wird, als er mit Famke Oejen "eine Nacht verbringt". Dass die Kommissarsfigur danach trotzdem weiter ermitteln kann und, von einem Schladitz-Anruf abgesehen, keine größeren Diskussionen durchstehen muss, ist eine Schwäche (auch) dieser Folge: Der Tatort macht es sich damit zu leicht, weil er in der Fiktion, die er ist, natürlich tun und lassen kann, was er will.

Mythische Nordsee: Axel Milberg im "Tatort: Borowski und das Land zwischen den Meeren" © NDR/Christine Schroede

Aber dass dem Kommissar seine Autorität abhanden kommt, spürt die Zuschauerin schon, wenn er im Gasthof nach verbrachter Nacht den Spitzen der Dorfbewohner nichts entgegensetzen kann. Vor allem sieht sie auch nicht, dass es zwischen Klaus und Famke wenigstens zur Greatest Love of all (Whitney Houston) gekommen wäre; dass der Kommissar also so sehr verliebt ist in die Frau, dass ihm Dienstanweisungen schnurz wären. Die Nähe zwischen den beiden scheint sich eher durch ein Status-Ding zu erklären – da die Famke-Frau ein Synonym fürs Begehren sein soll, darf Boro als Hauptfigur des Films natürlich nicht unberücksichtigt davon bleiben.

Zur Liebesbeschwörung wird das allerschönste Brecht-Gedicht Erinnerung an Marie A. motivisch durch den Film gezogen (Und über uns im schönen Sommerhimmel / War eine Wolke, die ich lange sah / Sie war sehr weiß und ungeheuer oben / Und als ich aufsah, war sie nimmer da): Die Liedversion ist im Film eine Spieluhrmusik, die den Teuber-Oli an seine Familie erinnert, die er nach dem Betrug verlassen hat und nach der er sich dann aber doch so sehr sehnt, dass ihm selbst der Crush mit Famke darüber irgendwann egal wird. 

Die hat damit ganz klar das Motiv zur Tötung. Das Highlight der doch recht langen letzten 20 Minuten besteht daher in der Aufklärung der Todesart: Famke hat Teuber rittlings in der Badewanne ertränkt, während der sie oral befriedigte. So jung kommen Eros und Thanatos auch nicht wieder zusammen.