Kennen Sie den schon? Kommt ein Raumschiffkapitän abends nach Hause und erwischt seine Frau mit einem blauhäutigen Außerirdischen im Bett. Vor Aufregung, womöglich auch als Zeichen seiner körperlichen Befriedigung, spritzt aus der Stirn des Außerirdischen eine blaue Flüssigkeit. Ob das nun ein Schweißausbruch sein soll oder doch eine Ejakulation, der Außerirdische wird jedenfalls noch blauer im Gesicht. Quasi: bluer in the face.

Ha! Ho! Lustig. Lustig? Über Humor sollte man ja unbedingt streiten.

Das ist bloß schwierig, wenn man nicht genau weiß, ob der Witz ein Witz sein soll und Teil einer Persiflage. Oder ob das alles nicht viel eher eine Hommage ist, die insofern eine sehr genaue wäre, als dass sie genauso schlecht gespielt ist wie das älteste Original. Der Gag mit dem Außerirdischen ist ein Schlüsselmoment in der zweiten Folge der neuen Science-Fiction-Serie The Orville, und die soll entweder Raumschiff Enterprise in lustig sein (und sämtliche danach entstandene Star-Trek-Franchises dazu) – oder ist ein einziges Zitat dieses Sci-Fi-Universums, nur wesentlich schlechter. Die erste Staffel von The Orville ist vergangenen Herbst sehr erfolgreich in den USA angelaufen bei Fox, in Deutschland läuft die Serie nun auf ProSieben.

Seth MacFarlane hat sich The Orville ausgedacht und spielt dann auch die Hauptrolle des gehörnten Captain Mercer, der wie ein eher zufällig menschliches Klonschaf der früheren Kapitäne James T. Kirk und Jonathan Archer wirkt (nichts gegen Schafe, aber Schweine im Weltall sind echt lustiger). MacFarlane hat vor einigen Jahren Animationsserien wie Family Guy und American Dad erfunden, mochte sich damit jedoch nicht begnügen. Was in MacFarlanes Fall leider bedeutete: Er wollte richtige Filme machen und sich selbst vor richtige Kameras stellen. Heraus kamen in den vergangenen fünf Jahren die möglicherweise komischen, ganz sicher aber erfolgreichen Filme Ted und Ted 2 sowie der weder lustige noch erfolgreiche A Million Ways to Die in the West.

Wie sich unschwer an den vorangegangen Zeilen feststellen lässt, findet deren Verfasser in seiner temporären Funktion als Kritiker das künstlerische Schaffen MacFarlanes: relativ doof. Wäre das schon mal geklärt. 

Mehr als 90 Prozent der Zuschauer finden "The Orville" gut

Nun gibt es ja das Vorurteil, Kritiker und Zuschauer seien oft sehr unterschiedlicher Meinung, was die Qualität von Filmen und Serien betreffe. Kritiker neigten zu Humorlosigkeit und zum Mäkeln, Zuschauer zum Jubeln, heißt es. Seit im Netz sogenannte review aggregators wie Metacritic und Rotten Tomatoes existieren, Websites also, die sowohl Kritiker- wie Zuschauerurteile auswerten, lässt sich mit mathematischer Präzision überprüfen, inwiefern dieses Vorurteil wohl zutreffen mag. Die Kritikerwertung kommt bei Rotten Tomatoes dadurch zustande, dass Mitarbeiter der Website publizierte Kritiken nach Werturteilen durchsuchen und diese gewichten; die Publikumswertung entsteht, indem registrierte Nutzer der Seite Filme und Serien auf einer Skala von 1 (mies) bis 5 (super) bewerten.

Betrachtet man die Zahlen, die die erwähnten MacFarlane-Filme etwa bei Rotten Tomatoes erreichen, so stellt man fest: Kritiker und Zuschauer kamen zu nahezu übereinstimmenden Urteilen, die Differenz zwischen den beiden Prozentwerten, die den Grad an Gefallen ausdrücken, war je äußerst gering. Ted: 67 Prozent bei Kritikern, 73 Prozent bei Zuschauern. Ted 2: 46 Prozent bei Kritikern, 50 Prozent bei Zuschauern. A Million Ways to Die in the West: 33 Prozent bei Kritikern, 40 Prozent bei Zuschauern. Wir alle sind uns womöglich viel einiger, als es uns mitunter erscheint oder gar lieb sein mag.

The Orville nun hat nach Ausstrahlung der ersten Staffel bei Rotten Tomatoes eine überragende Zuschauerzustimmung von 93 Prozent. Bei Kritikern hingegen kommt die Serie auf ein Ergebnis von nur 19 Prozent. Die Differenz von 74 Punkten ist eine fast schon historisch große. Ein Datenjournalist des Guardian hat vor einigen Jahren die Auswertungen von insgesamt 10.000 Filmen verglichen, die zwischen 1970 und 2013 herausgekommen sind: Lediglich sechs von 10.000 wiesen bei Rotten Tomatoes eine höhere Differenz auf zwischen negativer Kritiker- und positiver Zuschauermeinung, als es nun bei der Serie The Orville der Fall ist.

Warum wohl bewerten Zuschauer MacFarlanes Serie bislang im Gegensatz zu seinen Filmen so grundsätzlich anders als Kritiker, und wieso finden Letztere wiederum The Orville noch mal viel schlechter als zuvor MacFarlanes Kinofilme?

Ein Raumschiff aus Pappmaché

Anhand der ersten beiden Folgen, die ProSieben deutsche Kritiker vorab anschauen ließ, wird das Rätsel der Zuschauergunst für The Orville nur größer und größer. Allein schon die Weltraumszenen: billig gemessen am heutigen Sci-Fi-Serienstandard. Angesichts des Designs des titelgebenden Raumschiffs fragt man sich, ob die absurd verschnörkelte und also wenig funktionell wirkende Heckpartie ironisch gemeint sein soll, also ein Argument fürs Parodistische der Serie liefern könnte – oder bloß hässlich ist. Die Kulissen erinnern, das wiederum spricht für die Möglichkeit einer Hommage, an das Pappmaché von Raumschiff Enterprise.

Ein Plot ist, jenseits des ebenfalls von der Enterprise übernommenen Nur-ein-Ausflug-pro-Folge-bitte-Schemas, nicht erkennbar. Der vom Hauptdarsteller dauerhaft gebrauchte eine Gesichtsausdruck (hilfloses Grinsen) macht es einem schwer zu entscheiden, ob irgendetwas, das Captain Mercer sagt oder tut, vielleicht doch eine Pointe sein soll. Lacher vom Band wären zum besseren Verständnis des Dargestellten wirklich hilfreich, doch selbst diese simpelste aller Serienfernsehdienstleistungen versagt einem The Orville zumindest in der englischsprachigen Originalversion.

Nach Betrachten dieser zwei Folgen, und womöglich ist das ja das Geheimnis dieser Serie, ist man als Kritiker derart verzweifelt ob des eigenen Nichtkapierens dessen, was da auf dem Bildschirm vorgeht, dass man am liebsten nie wieder eine Kritik schreiben würde. Um danach zu den 93 Prozent glücklichen Zuschauern von The Orville zu gehören.

The Orville läuft ab 27. Februar 2018 immer dienstags um 20.15 Uhr auf ProSieben.