87 Minuten können viel verändern, ein Land in einen Abgrund stoßen.

Am 22. Juli 2011 erschoss der norwegische Rechtsextreme Anders Breivik auf der Insel Utøya nahe Oslo 69 Menschen, 33 verletzte er. Die meisten von ihnen nahmen an einem Ferienlager der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei teil. Der Täter kam um 17 Uhr als Polizist verkleidet auf die Insel. Um 18.27 Uhr wurde er von einem Sondereinsatzkommando festgenommen. 87 Minuten dauerte das Massaker, bei dem der Mörder Kinder und junge Erwachsene jagte und exekutierte. 87 Minuten dauert auch das Drama Utøya 22. Juli des norwegischen Filmemachers Erik Poppe.

Aber geht das überhaupt? Einen Spielfilm zu drehen, in dem Dutzende junger Schauspieler auf der Insel Utøya darstellen, wie sie in Panik geraten, weglaufen, sich verstecken, ins Wasser springen und versuchen, schwimmend zu fliehen? Und wie manche von ihnen sterben?

Erik Poppe gehört zu Norwegens renommiertesten Filmemachern. Viermal wurde er bereits mit dem norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet – so oft wie keiner vor ihm. Auch auf der Berlinale war er bereits zweimal vertreten: 1999 mit seinem Debüt Schpaaa und 2017 mit The King's Choice – Angriff auf Norwegen. Bevor er Filmemacher wurde, war Poppe als Pressefotograf für eine Nachrichtenagentur unter anderem in der Republik Kongo und in Afghanistan unterwegs. Später, nachdem er sich entschlossen hatte, Film zu studieren, beschäftigte er sich vor allem mit der Frage, wie man mit einem fiktionalen Werk eine größtmögliche emotionale Wirkung erzielen kann. Seine Antwort, über die er 2015 auch promovierte: indem man eine persönliche, also höchst subjektive Erzählperspektive wählt.

Zwischen Wirklichkeit und Fiktion

In seinem Film Utøya 22. Juli, der nun im Wettbewerb der Berlinale läuft, hat er diese Überlegungen umgesetzt. Die Wirkung ist gewaltig. Die Frage ist, ob Poppe uns mit seiner emotionalen Perspektive manipuliert. Der Regisseur stellt dem eigentlichen Film eine Art Prolog aus dokumentarischem Material voran: Bilder aus Überwachungskameras in Oslo und Luftaufnahmen der Hauptstadt vom früheren Nachmittag des 22. Juli. Breivik hatte, bevor er auf die Insel übersetzte, eine Bombe vor einem Regierungsgebäude gezündet, durch die acht Menschen starben.

Nach einer Schwarzblende mit der Zeitangabe 17.10 Uhr findet sich der Zuschauer dann auf Utøya wieder. Eine junge Frau spricht unmittelbar in die Kamera: "Du wirst es nie verstehen", sagt sie resigniert und fordert dann: "Hör mir zu!" Natürlich klingt das wie eine direkte Zuschaueransprache, doch die 19-jährige Kaja telefoniert nur. Ihre Mutter macht sich Sorgen wegen der Anschläge in Oslo. Kaja verspricht, ihre Schwester zu suchen, damit sie die Mutter zurückruft. Bis zum Ende des Films verfolgt die Kamera nun Kaja auf dieser Suche. Poppe hat seinen Film als One-Take gedreht, also in einer einzigen langen Einstellung.

Kaja ist eine fiktive Figur. Was sie in dem Film auf Utøya erlebt, oder genauer: durchmacht, ist so nicht passiert. Und doch ist alles so gewesen. Poppe und seine zwei Drehbuchautorinnen haben sich lange und intensiv nicht nur mit vorhandenem Archivmaterial und Akten über das Attentat befasst, sondern auch Überlebende getroffen und eng mit ihnen zusammengearbeitet. Wie hätten sie es sonst wagen können, einen solchen Film überhaupt zu drehen – und später zu vermarkten, womöglich Preise mit ihm zu gewinnen?

Ja, Poppe manipuliert uns

Und wie hätten der Regisseur, seine Autorinnen, Schauspieler und Schauspielerinnen sonst jemals wissen können, wie es sich tatsächlich anfühlt, am 22. Juli 2011 auf Utøya gewesen zu sein? Die Verwirrung, nicht zu wissen, was eigentlich gerade geschieht. Sind das die Schüsse des Attentäters? Oder der Polizisten? Ist das eine Übung? Und warum antwortet die Polizei nicht auf Notrufe? Wer wurde getroffen? Wohin fliehen?

Kaja erlebt all das. Die junge Schauspielerin Andrea Berntzen hat es in einem riesigen Kraftakt vollbracht, den Schrecken und die Flucht darzustellen. Sie versteckt sich zunächst mit den anderen im Gruppenhaus, später durchsucht sie das Zeltlager nach ihrer Schwester, findet sie nicht, flieht allein in den Wald. Dort trifft sie auf ein Mädchen, das durch einen Schuss schwer an der Schulter verletzt ist.

Es wäre unrealistisch, den Tod in so einem Film nicht zu zeigen. Gleichzeitig geht es hier um Menschen, die tatsächlich gestorben sind, die Eltern, Geschwister, Freunde haben, die nach sechseinhalb Jahren noch immer trauern. Poppe musste eine Lösung für dieses Dilemma finden. Bis auf eine Ausnahme zeigt seine Kamera keine Schauspieler, die Tote darstellen. Aus Respekt vor den Opfern. Es gibt nur dieses eine Mädchen, auf das Kaja stößt und mit dem sie die letzten Minuten verbringt, bis es in Kajas Armen stirbt. In den Armen eines mitfühlenden Menschen.

Ja, Poppe manipuliert uns. Er tut es mit den besten Absichten. Das ist streitbar. Aber es ist auch genau das, was er mit dem Film will. Denn eine wichtige Motivation Poppes, diesen Film überhaupt zu drehen, war die Aussage mehrerer Überlebender, dass es so unendlich schwierig sei, über das Erlebte zu sprechen. Gleichzeitig merkten viele, dass die Erinnerung der Menschen an die Tat verblasst. Jetzt hätten die Hinterbliebenen diesen Film, sagt eine junge Frau, die dem Massaker entkam, auf der Berlinale. "Ihr werdet es nie verstehen. Aber schaut zu!" Danach kann man darüber reden.