Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne "Hildegard von Binge" besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Barry"

Serienkiller gerät in Schauspielklasse und entdeckt seine neue Berufung. Klingt bescheuert? Stimmt. Aber die HBO-Serie Barry beweist, dass gute Dialogregie und ein Ensemble, das die Pointen sicher setzt, aus jeder Grundkonstellation etwas machen können. Die Hypothese, dass Auftragskiller und Schauspieler in einer ähnlich brutalen Umgebung operieren, ist nicht neu. Aber selten hat man die Skrupellosigkeit und Egozentrik aufstrebender Schauspielerinnen und Schauspieler treffender und lustiger dargestellt gesehen als in der Klasse des alternden Schauspielcoachs Gene Cousineau (Henry Winkler).

Man weiß gar nicht, wen man im Laufe der Serie lieber gewinnt: den narzisstischen Lehrer oder sein Pendant auf Killerseite, Monroe Fuches (Stephen Root), der mit seinem Motivationsgelaber sogar den tschetschenischen Folterschergen davon abbringt, ihn mit der Motorsäge zu zerteilen. Oder eben doch die Hauptfigur Barry (Bill Hader) selbst, mit seinem unbewegten Gesicht, in dem nur die Augenbrauen zu sprechen scheinen. Dem Saturday-Night-Live-Star, der auch das Buch geschrieben hat, ist hoch anzurechnen, dass er sich selbst zugunsten seiner großartigen Partnerinnen und -partner zurücknimmt.

Was außerdem positiv auffällt zwischen den vielen auf Unendlichkeit getrimmten Serienplots: Barry erzählt eine ganz klassische Geschichte, mit Einleitung, Höhepunkten, Katastrophe und einem Ende, das diesen Namen auch verdient. Das heißt zum Glück aber nicht, dass eine Fortsetzung ausgeschlossen wäre.
(Carolin Ströbele)
Die acht Episoden von "Barry" laufen ab dem 26. März auf Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand.

"Love 3"

Manchmal sind Serien gerade deshalb gut, weil ihre Prämisse keinen Sinn ergibt. Breaking Bad zum Beispiel: Ein Mann erkrankt an Krebs und alle anderen sterben. Oder Love: Menschen ohne Gemeinsamkeiten stürzen sich in Beziehungen und am Ende sind alle irgendwie glücklich. Mehr denn je stehen in der dritten Staffel der Serie von Judd Apatow, Lesley Arfin und Paul Rust zwei Paare im Fokus, die es eigentlich nicht geben dürfte.

Während der pedantische, noch immer unmögbare Karohemd-Nerd Gus (Rust) und die draufgängerische Mickey (Gillian Jacobs) im streckenweise ernüchternden Alltag ihrer Beziehung ankommen, versucht die lebenshungrige Expat Bertie (Claudia O'Doherty) vergeblich, sich von dem schmusebärigen, aber nichtsnutzigen Randy (Mike Mitchell) zu trennen. Zwischen Wochenendausflug, Katastrophenhochzeit und Gesprächen über Klopapier vermeidet Love beinahe alle Klischeepointen, die sich aus dieser Konstellation herauskitzeln ließen. Es sind gerade nicht Gus' Vorlieben für Rollenspiele und Horrorfilme oder Berties australische Marotten, die den Charakter der Serie prägen.

Stattdessen zeigt sie eine (zugegeben sehr weiße und heteronormative) Version von Los Angeles und dessen Bewohnerinnen und Bewohnern, die ungewöhnlich erscheint, weil sie so gewöhnlich ist. Bezeichnenderweise arbeiten Gus und Mickey in den Randgebieten der Traumfabrik: er als Privatlehrer eines Kinderstars, sie als Produzentin einer angesagten Podcasterin. Am Beispiel der beiden beweist Love, dass Beziehungsarbeit immer anstrengend und selten glamourös ist – aber doch die besten Geschichten schreiben kann. Mit ihren kleinen Beobachtungen, selbstironischen Episoden und großen Gesten läuft die Show in ihrer finalen Staffel zu ganz großer Form auf.
(Daniel Gerhardt)
Die zwölf Folgen der dritten Staffel von "Love" laufen auf Netflix.