Die Verwandlung des Willi Herold (Max Hubacher) vollzieht sich in wenigen Minuten. Eben noch hören wir das Keuchen des desertierten Soldaten, der in den letzten Weltkriegstagen 1945 ausgehungert und entkräftet von den eigenen Leuten gejagt wird. Kurz darauf sehen wir denselben Mann im Offiziersmantel, mit strammem Befehlston lässt er sich von seinem soeben rekrutierten Untergebenen chauffieren.

Kleider machen Leute, so sagt der Volksmund, und eine Uniform verleiht ihrem Träger Autorität. Der 19-jährige Herold, eine historisch verbürgte Figur, wurde auf diese Weise vom einfachen Gefreiten zum vermeintlichen Hauptmann, schließlich zum "Henker vom Emsland". Von diesen Ereignissen, einer grausamen Köpenickiade, erzählt Der Hauptmann, der neue Film des zuletzt in Hollywood tätigen Regisseurs Robert Schwentke (Flightplan, R.E.D.).

Als Willi Herold auf seiner Flucht die herrenlose Offiziersuniform findet, in einem Wagen am Wegesrand, wittert er seine womöglich letzte Überlebenschance. Er streift sie über, und binnen Kurzem weicht die Todesangst in seinem Gesicht einer eisigen Miene. Schnell wächst Herold hinein in seine neue Rolle, die ihn zum Kriegsverbrecher machen wird.

Auf seinem Weg durchs norddeutsche Nirgendwo schließen sich ihm weitere Soldaten an, angeblich versprengt von der Truppe, in Wirklichkeit Deserteure wie er. Die "Leibgarde Herold" ist geboren, zu ihr gehören der demütige Freytag (Milan Peschel) sowie Kipinski, ein zwielichtiger Raufbold (Frederick Lau). Und siehe da: Jeder nimmt dem scheinbaren Hauptmann seine Identität ab oder tut zumindest so – aus Angst, selbst aufzufliegen.

Herolds Lügen geraten immer wagemutiger, auf Widerstände stößt er kaum. Im Gegenteil: Einer Kontrolle seines Soldbuchs entgeht er, indem er von einem Sondereinsatz fabuliert, einer Weisung "von ganz oben". Sein Blendwerk führt ihn bis ins Strafgefangenenlager Aschendorfermoor im Emsland, wo der SA-Führer eine Direktive für den Umgang mit Häftlingen, vornehmlich Dieben und Fahnenflüchtigen, herbeisehnt. Herolds "Führerbefehl" wird nur halbherzig geprüft, und so beginnt der Soldat – trunken von der frisch erlangten Macht – ein regelrechtes Massaker. Mehr als 100 Gefangene erschossen der echte Willi Herold und seine Kumpanen innerhalb von acht Tagen. Ein deutsches Militärgericht ließ ihn am 3. Mai 1945 zunächst laufen, bevor er im August 1946 von einem britischen Militärgericht in Oldenburg zusammen mit sechs Mitgliedern seiner Gruppe zum Tode verurteilt wurde.

Schwentke erzählt anhand dieser wahren Geschichte, wie gerade in den letzten Tagen des Naziregimes die verheerendsten Folgen eines hierarchisch legitimierten Systems deutlich wurden. Der "Befehl von oben" hat endgültig jede Form moralischer Selbstbefragung außer Kraft gesetzt. In dieser Endzeitstimmung kann ein skrupelloser Blender wie Willi Herold unbehelligt seine barbarischen Taten begehen.

Die Täter bedienen das Klischee

Wie alle Filme über den Zweiten Weltkrieg muss sich auch Der Hauptmann der Frage stellen, wie explizit er die Gräuel dieser Zeit darstellt. Florian Ballhaus' Kamera meidet zwar den Blick in die Leichengrube, die die Gefangenen sich selbst schaufeln mussten, sie zeigt keine Toten in Nahaufnahme. Abgesehen davon spart der Film aber nicht an Drastik und verwendet quälend lange Minuten auf die Erschießung von Gefangenen. Die Szene, in der eine britische Fliegerbombe den SA-Führer zielgenau und effektvoll zerfetzt, wäre sicherlich gut aufgehoben in einem Trash-Spektakel. In einem Historiendrama mit Anspruch auf Seriosität wirkt sie deplatziert.

Subtiler hätte man sich auch die Figurenzeichnung gewünscht. Dass sich jene Täter, von denen Der Hauptmann erzählt, schon auf den ersten Blick als Widerlinge entpuppen, als dümmlich, lüstern, trinksüchtig oder schlichtweg ordinär, bedient das Klischee. Dadurch fällt es den Zuschauern zu leicht, eine Distanz aufzubauen zwischen sich und "denen".

Ein Abspann zum Fremdschämen

Einen ähnlichen Effekt hat die Entscheidung fürs Schwarz-Weiß. Das Geschehen wird so als längst vergangen gekennzeichnet. Wie es anders geht, bewies zuletzt László Nemes' Oscar-prämierter Holocaustfilm Son of Saul. Farbaufnahmen sowie eine Handkamera, die meist nah bei der Hauptfigur blieb, das Grauen der Gaskammer in nüchterne, damit umso wirkungsmächtigere Bilder überführte: So vermittelte sich das Unfassbare auf gegenwärtige, noch nicht gesehene Weise.

Diese originäre Bildsprache fehlt Robert Schwentkes Film. Auch sein Versuch, mit dem Abspann noch Aktualität herzustellen, fällt zu plump aus. Dort patrouilliert die "Leibgarde Herold" in ihren Uniformen, unterlegt mit heiteren Dreißigerjahre-Rhythmen, durch das Görlitz von heute, kontrolliert Ausweise von Passantinnen und Passanten und nimmt ihnen Wertsachen ab. Egal ob das satirisch gemeint oder ein Hinweis darauf sein soll, dass die Macht der Uniform und der Respekt vor Obrigkeiten noch immer gelten: In jedem Fall verhebt sich Schwentke mit diesem Kniff gewaltig. Sein Er-ist-wieder-da-Moment verharmlost Herolds Schreckensregiment und entlässt den Zuschauer mit einem Gefühl von Fremdscham aus dem Film.

"Der Hauptmann" läuft ab 15. März bundesweit in den Kinos an.