Wie alle Filme über den Zweiten Weltkrieg muss sich auch Der Hauptmann der Frage stellen, wie explizit er die Gräuel dieser Zeit darstellt. Florian Ballhaus' Kamera meidet zwar den Blick in die Leichengrube, die die Gefangenen sich selbst schaufeln mussten, sie zeigt keine Toten in Nahaufnahme. Abgesehen davon spart der Film aber nicht an Drastik und verwendet quälend lange Minuten auf die Erschießung von Gefangenen. Die Szene, in der eine britische Fliegerbombe den SA-Führer zielgenau und effektvoll zerfetzt, wäre sicherlich gut aufgehoben in einem Trash-Spektakel. In einem Historiendrama mit Anspruch auf Seriosität wirkt sie deplatziert.

Subtiler hätte man sich auch die Figurenzeichnung gewünscht. Dass sich jene Täter, von denen Der Hauptmann erzählt, schon auf den ersten Blick als Widerlinge entpuppen, als dümmlich, lüstern, trinksüchtig oder schlichtweg ordinär, bedient das Klischee. Dadurch fällt es den Zuschauern zu leicht, eine Distanz aufzubauen zwischen sich und "denen".

Ein Abspann zum Fremdschämen

Einen ähnlichen Effekt hat die Entscheidung fürs Schwarz-Weiß. Das Geschehen wird so als längst vergangen gekennzeichnet. Wie es anders geht, bewies zuletzt László Nemes' Oscar-prämierter Holocaustfilm Son of Saul. Farbaufnahmen sowie eine Handkamera, die meist nah bei der Hauptfigur blieb, das Grauen der Gaskammer in nüchterne, damit umso wirkungsmächtigere Bilder überführte: So vermittelte sich das Unfassbare auf gegenwärtige, noch nicht gesehene Weise.

Diese originäre Bildsprache fehlt Robert Schwentkes Film. Auch sein Versuch, mit dem Abspann noch Aktualität herzustellen, fällt zu plump aus. Dort patrouilliert die "Leibgarde Herold" in ihren Uniformen, unterlegt mit heiteren Dreißigerjahre-Rhythmen, durch das Görlitz von heute, kontrolliert Ausweise von Passantinnen und Passanten und nimmt ihnen Wertsachen ab. Egal ob das satirisch gemeint oder ein Hinweis darauf sein soll, dass die Macht der Uniform und der Respekt vor Obrigkeiten noch immer gelten: In jedem Fall verhebt sich Schwentke mit diesem Kniff gewaltig. Sein Er-ist-wieder-da-Moment verharmlost Herolds Schreckensregiment und entlässt den Zuschauer mit einem Gefühl von Fremdscham aus dem Film.

"Der Hauptmann" läuft ab 15. März bundesweit in den Kinos an.