So wird das doch nichts. Da adaptieren ZDF und der digitale Jugendkanal funk, eine Kooperation zwischen ARD und ZDF, die erfolgreichste norwegische Webserie aller Zeiten und tun dann alles dafür, dass keiner es merkt. Statt Skam – auf Deutsch Scham – geben sie dem Ding den maximal sperrigen Titel Druck und bewerben es so wenig wie möglich.

Doch genau so soll es sein, sagt die deutsche Producerin Eva Kaesgen in einer kurzen Telefonpause zwischen zwei Schnittschichten, so habe man es in Norwegen damals auch gemacht. Druck sei als eine Art "Überraschungsformat" gedacht. Und tatsächlich ist es work in progress im besten Sinne, was die Kölner Produktionsfirma Bantry Bay (Club der roten Bänder, Weinberg) gerade veranstaltet. Die ersten Clips erschienen bereits am 19. März auf funk, der Website Druck und YouTube, bis Ende April wird aber noch parallel gedreht und geschnitten.

Skam eröffnete, als die Webserie 2015 in Norwegen anlief, einen völlig neuen Zugang zum seriellen Erzählen. Die Geschichte um eine fünfköpfige Freundinnenclique an einer Schule in Oslo wurde nicht in 30 oder 45 Minuten linear erzählt, sondern in viele kleine Clips aufgespalten, von denen manche nicht länger als 90 Sekunden dauerten. Diese kurzen Szenen wurden zur "Echtzeit" veröffentlicht: die Unterhaltung auf dem Schulhof zur Pausenzeit am Vormittag, die wilde Party am Samstagabend. Jeden Freitag fasste eine etwa 20-minütige Folge, die aus den Clips sowie Extramaterial bestand, die Geschehnisse auf der Website des Senders NRK zusammen. Zusätzlich wurden für die wichtigsten Charaktere der Serie Instagram-Accounts bespielt, es gab fiktive Chatprotokolle zum Nachlesen und natürlich eine Playlist der Songs auf Spotify.

Ein Haufen von Mosaiksteinchen

Die Serie war damit das Gegenteil einer epischen, endlosen Erzählung, wie sie das "Goldene Zeitalter" der Serien hervorbrachte und die bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern inzwischen zu einem gewissen Ermüdungsbruch geführt hat. Skam war kein langer, ruhiger Fluss, sondern ein hingeworfener Haufen von Mosaiksteinchen, aus denen sich erst im Laufe der Wochen und Monate ein Bild zusammensetzt.

So entsteht, und auch das ist eine Besonderheit dieses kleinteiligen Formats, für jede Betrachterin ein anderes Gesamtbild. Es gibt zwar jede Woche eine zusammenfassende Episode, aber aus Chatprotokollen, Instagram-Schlaglichtern und Snapchat-Videos kann jeder Zuschauer seine eigene Geschichte spinnen. Auf YouTube findet man viele Beispiele, wie sich norwegische Fans die Szenen ihrer Lieblingspaare zu einem eigenen Film zusammengeschnitten haben.

Die Ansprache funktionierte: Schon die erste Staffel erreichte mehrere Hunderttausend Menschen, zu ihren besten Zeiten machte Skam mehr als die Hälfte des Traffics auf der Seite des staatlichen Senders NRK aus. Die letzte Episode der vierten Staffel im Frühjahr 2017 sah eine Million User.

Natürlich kann man diese Zahlen nicht auf andere Sendemärkte übertragen, schließlich hat Norwegen nur etwas mehr als fünf Millionen Einwohner. In Oslo und Umgebung habe sich die Serie daher auch ohne große Werbung durch Mundpropaganda verbreitet, sagt Kaesgen. Gleichwohl ist Skam ein globales Phänomen, denn der Erfolg beschränkte sich eben nicht nur auf Norwegen. Er dehnte sich zunächst auf ganz Skandinavien aus, und dann begannen plötzlich auch junge Leute in Utah oder Mexiko Stadt sich für die Sorgen und Nöte der Osloer Gymnasiastinnen zu interessieren. Neben der Frage "Wer geht mit wem?" ging es in Skam immer auch um größere Themen wie Homosexualität und das Outing vor Freunden und Familie, Vergewaltigung und Mobbing. Norwegische Fans begannen, auf YouTube die Folgen auf Englisch zu untertiteln, es entstand eine große, weltweite Fan-Community.

Wie ticken die Jugendlichen in der italienischen und französischen Version?

Der britische Produzent Simon Fuller, der schon Pop Idol (Deutschland sucht den Superstar) zu einer internationalen TV-Cashcow machte, erwarb Ende 2016 die Rechte an dem Stoff für den nordamerikanischen Markt. Mit einiger Verspätung ziehen nun die europäischen Sender nach. Skam France, Skam Italia und Druck gingen beinahe zeitgleich Mitte März online. Auch in den Niederlanden und in Spanien wird das Format derzeit produziert.  

Die staatlichen Sender sehen Skam offensichtlich als Chance, eine Zielgruppe zu erreichen, die eigentlich schon verloren schien. Auch Sozial- und Medienwissenschaftler müssten jubeln, bietet die Serie doch die unvergleichliche Chance, zeitgleich zu beobachten, wie das Lebensgefühl der 14- bis 20-Jährigen in unterschiedlichen Ländern aussieht. Die verschiedenen Versionen geben nicht nur Auskunft über die möglicherweise unterschiedlichen Arten von Jugendkultur, sondern auch darüber, wie diese über Medien transportiert werden. 

Vergleicht man nur die Teaser der französischen und deutschen Versionen, muss man allerdings erst mal tief aufseufzen. Nicht nur, dass der deutsche Titel Druck so erdenschwer klingt, auch der Text, der aus dem Off von ernster Jungenstimme deklamiert wird, erinnert eher an Guido Knopp als an Jugendsprache: "Nazis sind zurück im Reichstag, Donald Trump im Weißen Haus, Wladimir Putin, Erdoğan – klar ist man dagegen. Ich glaube allerdings, dass die meisten in meiner Generation im Grunde unpolitisch sind."

Dass dieser Text Teil einer Hausarbeit ist, erfährt man erst in der zweiten Folge von Druck und das lässt wieder aufatmen. Denn so staatstragend wie in der Ankündigung sind die bisher erschienenen Clips und Episoden keineswegs. Es geht um ein junges Pärchen, Hanna und Jonas: sie ein wenig schüchtern und sehr verliebt, er sehr selbstsicher und offenbar auf mehr Kanälen unterwegs, als seine Freundin ahnt. Zur Fünfermädchenclique, die sich um die Hauptfigur Hanna bildet, gehören noch die feministische Muslima Amira, die etwas naive Tänzerin Kiki, die entspannte Hip-Hopperin Sam und die zum Perfektionismus neigende Mia.