Die Mädchengruppe sieht in der italienischen, französischen und deutschen Version relativ ähnlich aus: Überall gibt es die leicht arrogante Blondine, eine schwarze Protagonistin und ein Mädchen, das Hidschab trägt. In der deutschen Version übernehme man zwar die Haupthandlung, sei aber in den Dialogen und den Nebensträngen völlig frei gewesen, sagt Kaesgen. "Wir haben zum Beispiel die Muslima-Thematik anders bespielt als im Original. Und es kommt auch eine Willkommensklasse vor."

Genau diese Szene zeigt gut, welche Chancen das Format bietet: Zwei Schüler fragen Hanna, ob sie nicht Nachhilfe geben möchte für die Geflüchteten in den Willkommensklassen. Hanna, die selbst mit dem Stoff zu kämpfen hat, lehnt zunächst ab, bekommt aber dennoch einen Flyer aufgedrängt. Amira, ihre muslimische Mitschülerin, die ihr gegenübersitzt, wird gar nicht erst gefragt. Erst als diese den Refugees-welcome-Shirt-tragenden Initiator direkt anspricht, reicht er auch ihr etwas verschämt einen Zettel. Es ist eine schöne Miniatur über Willkommenskultur und Alltagsrassismus, verpackt in wenige Sätze. Wenn Druck hält, was es ankündigt, wird es mehr davon geben. 

"Kannst halt andere Sachen besser: Gut aussehen zum Beispiel"

Angenehm ist auch, dass die Serie nichts Moralisierendes oder Belehrendes hat. Die Themen schwingen einfach im Subtext mit: Wenn sich Frauen untereinander als Schlampen bezeichnen etwa oder wenn Jonas Hannas schlechte Note mit der Bemerkung quittiert: "Kannst halt andere Sachen besser: Gut aussehen zum Beispiel". Hanna lacht nach diesem Kommentar ihres Freundes, aber in ihren Augen sieht man, wie seine Worte sie verletzen.

Ob sich die Schicksale der Jugendlichen zu einem glaubhaften Panorama aktueller gesellschaftlicher Debatten aufziehen, ist nach knapp zwei Wochen und knapp 40 Minuten Sendezeit noch nicht zu sagen. Die Figuren hat der Drehbuchautor Alexander Lindh jedenfalls erstaunlich präzise gezeichnet. Und die Regisseurin Pola Beck (Am Himmel der Tag) hat um sie herum eine spannungsgeladene, aber auch leicht melancholische Atmosphäre geschaffen. Hanna wirkt immer etwas verloren, isoliert an ihrer Schule, entfremdet von ihrem Vater, der eine neue Familie hat. Ihr Freund Jonas wiederum gefällt sich als politisch unabhängiger Geist, braucht aber dennoch seinen dauerbekifft wirkenden Freund Matteo als Entourage. All dies in nur wenigen Minuten herauszuarbeiten mit Darstellerinnen und Darstellern, die großenteils Laien sind, ist bemerkenswert.

Druck zeigt, wie kreativ das Format Serie immer noch sein kann, wenn man ihm die Schwere, das Showrunnerhafte nimmt. Speziell für das deutsche Fernsehen könnte diese kleine Webserie auch ein gutes Lehrstück über Tempo, Dialog und Dramaturgie sein. Wer auf 90 Sekunden die Spannung hält und einen guten Gag platziert, kriegt es im nächsten Schritt vielleicht auch auf längeren Strecken hin. Aber das muss gar nicht sein. Wer es schafft, sein Publikum von Clip zu Clip mitzuziehen, hat in der Ära des Binge Watching schon ziemlich viel von serieller Erzählung verstanden.  

"Druck" läuft auf funk und YouTube. Alle Clips und Links zu Snapchat und den Instagram-Profilen sind auf https://www.druck-serie.de/ zu finden.

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Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung des Artikels stand, ZDFneo sei in die Produktion von "Druck" involviert gewesen. Richtig ist, dass das ZDF die Serie für funk produziert hat. Wir haben das entsprechend korrigiert.