Zehn Jahre nach Erscheinen des erfolgreichsten französischen Films aller Zeiten ist nun die Fortsetzung von Willkommen bei den Sch'tis angelaufen. Als würde das Schlagwort Sch'tis nicht ausreichen, um auch das deutsche Publikum scharenweise in die Kinos zu locken, wurde der Originaltitel La ch'tite famille bei uns großzügig ausgeschmückt: Die Sch'tis in Paris – Eine Familie auf Abwegen. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Französische Filme müssen in Deutschland bereits im Titel zeigen, wohin die Reise geht, nämlich entweder ins Turbulent-Komödiantische oder ins Verträumt-Dramatische. Dass es etwas zu Lachen gibt, wird ziemlich plump via Titeln mitgeteilt wie Voll verschleiert! (OT: Cherchez la Femme), Alles unter Kontrolle! (Débarquement immédiat!), Die Vollpfosten (Les Seigneurs) oder Ein Dorf sieht schwarz (Bienvenue à Marly-Gomont). Hingegen schwingt bei Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste (Le Grand Partage) das heitere Savoir-vivre, aber auch die weinschwere Rührseligkeit so elegant in jeder Silbe mit wie bei Die Schüler der Madame Anne (Les Héritiers), Ein Kuss von Béatrice (Sage Femme), Das unerwartete Glück der Familie Payan (Le Petit Locataire), Mademoiselle Hanna und die Kunst, nein zu sagen (Je suis à vous tout de suite) und nicht zuletzt Der Wein und der Wind (Ce qui nous lie).

Die Geschichte des deutschen Filmimports ist auch eine – nicht immer rühmliche, oft kuriose – Geschichte der Eindeutschung fremdsprachiger Filmtitel wobei Ein Schotte macht noch keinen Sommer, Eddie krault nur kesse Katzen und Das turbogeile Gummiboot bloß die Spitze des Eisbergs sind.

Allerdings sollte man den Begriff Eindeutschung in Anführungszeichen setzen, denn nicht selten tragen Filme hierzulande einen zwar anderen Titel als das Original, aber eben einen in der Originalsprache. Man möchte einerseits Weltläufigkeit signalisieren, andererseits die Zielgruppe nicht überfordern. So wird dann aus einem Titel wie The Hitman's Bodyguard das auch für Englisch-Laien verständliche Killer's Bodyguard. Auch ein Wort wie vault setzt man offenbar nicht als geläufig voraus, nennt die deutsche Fassung von The Vault dann jedoch nicht Der Safe, sondern The Safe. Der bekannteste Vertreter dieser Simplifizierungstaktik dürfte Kick it like Beckham sein, das man in England als Bend it like Beckham kennt. Unter Voraussetzung eines gewissen Grundwortschatzes lassen sich mutmaßlich kompliziert benamste Movies wie Toxic Avenger, Trainwreck, The Well, The Outcasts und Cradle 2 the Grave reißerisch verkaufen als Atomic Hero, Dating Queen, The Last Survivors, Cool Girls und Born 2 Die.

"Beyond" – eine zumutbare Präposition

Es geht aber auch andersherum. Aus dem Horrorfilm mit dem simplen Titel The Woods wurde The Hallow – ein Wort, das nicht unbedingt im Schulunterricht eine Rolle spielt. Das Science-Fiction-Abenteuer Tomorrowland startete bei uns als A World Beyond, nachdem man bereits bei dem Thriller Beyond the Darkness (OT: Beneath the Darkness) die Präposition beyond als zumutbar eingeschätzt hatte. Als fast schon berufsgruppendiskriminierend kann man die Wandlung von Pawn Shop Chronicles zu Gangster Chronicles ansehen: Sind Pfandleiher Gangster? Rätselhaft bleibt auch, warum die Ghosts of Goldfield im germanophonen Raum als Paranormal Ghosts herumspuken – als wären normale Geister nicht gruselig genug.

Natürlich soll mit dem Adjektiv paranormal auf die bekannte und beliebte Paranormal-Activity-Reihe angespielt werden, wie es auch bei Death of a Ghost Hunter getan wurde, indem man es zu Paranormal Investigations ummodelte. Dieser Werbekniff, an vergangene Kassenschlager zu gemahnen, wird (sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch) gerne eingesetzt. Als Reminiszenz an den Kultstreifen Der blutige Pfad Gottes nannte der deutsche Verleih den irischen Abenteuerfilm Pilgrimage (2017) Gottes Wege sind blutig. Wenn eine kleine skandinavische Produktion namens Her er Harold zu Kill Billy wird, geschieht das ganz offensichtlich mit zahlungswilligen Tarantino-Fans im Auge, mit Ben & Mickey vs. The Dead (OT: The Battery) lockt man Freunde des Slasherhits Tucker and Dale vs Evil. Weil 2011 die Cameron-Diaz-Comedy Bad Teacher solide Einspielergebnisse erzielte, durften Zuschauerinnen und Zuschauer in Deutschland kurz darauf Tickets für Bad Sitter statt einfach für The Sitter lösen, und folgerichtig wurde auch den Neighbors (2014) ein Bad vorangestellt. Dass die Nullnummer Career Opportunities von 1991 als Kevins Cousin allein im Supermarkt vermarktet wurde, ist mit demselben Kalkül zu erklären, nach welchem seit 1966 Dutzende Western auf den Markt geschmissen wurden, in denen ein angeblicher Django vorkommt (Django spricht das Nachtgebet, Django – Leck Staub von meinem Colt, Django Nudo und die lüsternen Mädchen von Porno Hill) – der selbstredend jeweils nichts mit dem von Sergio Corbucci geschaffenen Helden zu tun hat.