Auf der Schauspielschule habe man ihr gesagt, sie sei nicht "von Natur aus begabt", das erzählt Frances McDormand in diesen Tagen ihres Triumphs immer wieder. Um dann mit unverhohlenem Stolz hinzuzufügen: "Ich musste dafür arbeiten." Die 60-Jährige kultiviert ihren Status als Proletarierin im Glamour-Beruf Schauspielerin. Mit Arbeiterführerinnengeste betrat sie am Sonntagabend auch die Bühne des Dolby-Kinos in Hollywood, um ihren Oscar als Beste Darstellerin entgegenzunehmen. "Ich habe etwas zu sagen", begann sie ihre Dankesrede, die darin gipfelte, dass sie alle nominierten Frauen aufstehen ließ und dann das Publikum zum Applaus aufforderte. "Wir alle haben Geschichten zu erzählen und Projekte, die es verdienen, finanziert zu werden!" Sie rief weiter dazu auf, diese Frauen nicht auf den After-Oscar-Partys anzusprechen, sondern sie in ein paar Tagen zu Meetings und Geschäftsgesprächen einzuladen. Womit es ihr als wohl erster Frau in der 90-jährigen Oscargeschichte gelang, statt durch Tränen und Gefühlsduselei mit sachlichen Argumenten Standing Ovations zu provozieren. 

Große Geste: Frances McDormand bittet alle weiblichen Nominierten bei der Oscarverleihung, aufzustehen. © Ed Herrera / Kontributor/ via Getty Images

Der Oscar als Beste Schauspielerin war der Höhepunkt einer ganzen Serie von Preisen, die McDormand in den letzten Wochen für ihre Rolle in Martin McDonaghs Drama Three Billboards Outside Ebbing, Missouri bekam, darunter so prestigeträchtige wie der Golden Globe und der Bafta. Bei allen Verleihungen, egal wie glamourös sie waren, erschien die Schauspielerin fast ungeschminkt, die kurzen, grauen Haare nur nachlässig in Fasson gebracht, und in Kleidern, die in Form und Farbe das Gegenteil von dem waren, was man figurbetont oder sexy nennt. Wenn die Kamera während ihrer Dankesreden prominente Gesichter im Publikum zeigte, wurde der Kontrast noch deutlicher: Jessica Chastain, Sally Hawkins oder Carey Mulligan, Meryl Streep, Margot Robbie oder Emma Stone, alle mit sorgfältig aufgelegtem Fest-Make-up, Dekolletés und Glitzerlook, wirkten fast wie artige Püppchen gegenüber dieser Frau, die unerschrocken ihr Alter zeigt und schon vor Langem aufgehört hat, im herkömmlichen Sinn gefallen zu wollen.

Eine Frau wie ein geladenes Gewehr

Diese Auftritte passen bestens zu ihrer Rolle der Mildred Hayes in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri. Denn auch Mildred ist eine Frau, die es aufgegeben hat, nett sein zu wollen. Der irisch-britische Theaterautor und Regisseur Martin McDonagh hat ihr diese Rolle auf den Leib geschrieben: eine Mutter, die Gerechtigkeit verlangt für ihre vergewaltigte und ermordete Tochter und dafür der Polizei ihres gemütlichen Heimatstädtchens den Kampf ansagt. McDormand spielt ihren Part, als wäre sie ein Cowboy mit gesporten Stiefeln und Pistolengurt; die Breitbeinigkeit eines John Wayne übersetzt sie in die Körpersprache einer zierlichen Frau über 50 und verleiht ihrer Figur damit eine Autorität, wie sie Frauenrollen nur sehr selten haben. Sie ist das zentrale Ereignis des Films, ein sprichwörtlich geladenes Gewehr, das alle anderen, den Zuschauer eingeschlossen, für die Dauer des Films vollkommen in Beschlag nimmt.

McDormand überzeugt mit ihrer Darstellung so sehr, dass die Bewunderung für sie sogar die Kritik überlebte, die den Film wegen seines Umgangs mit den schwarzen Nebenfiguren und der angeblich zu positiven Darstellung eines rassistischen Cops einholte. Ihr ist es letztlich zu verdanken, dass man den Film und seine Themen wie Rache, Vorurteil und Vergeltung so ernst nimmt, dass man mehr darin sehen will – mehr tatsächliche Gerechtigkeit, mehr Weisheit und das, was McDormand am Oscarabend forderte: mehr realistische Repräsentation.

Es ist McDormands zweiter Oscar. Ihren ersten gewann sie vor 21 Jahren, für ihren nicht minder unvergesslichen und einprägsamen Auftritt als schwangere Polizistin Marge Gunderson in Ethan und Joel Coens Film Fargo. Als leibhaftige moralische Instanz, so furchtlos wie indigniert ob der Schandtaten um sie herum, stapfte sie da durch den Schnee. In ihrer gleichmütigen Reaktion auf Leichenteile und Blutspuren – wenn sie sich übergibt, liegt das nur an der schwangerschaftsbedingten morgendlichen Übelkeit – steckte fast eine folkloristische Karikatur auf die Trägheit des Menschenschlags im Mittleren Westen. Die Szenen im heimischen Bett mit ihrem depressiven, Briefmarken bemalenden Ehemann waren eine Idylle rechtschaffener Gemütlichkeit und erzählten im durchtriebenen Humor der Coen-Brüder gleichzeitig eine ungewöhnliche Umkehr der Geschlechterverhältnisse.

Zum Oscarabend 1997 erschien McDormand übrigens noch in einer Art Abendkleid aus dunkelblauem Satin mit breiten Trägern und freiem Rücken. Aber ihr Gesicht war schon damals auf "ungeschminkt" geschminkt und ihre Dankesrede begann sie mit einem "Was soll ich hier?". Es war als demütige Verneigung vor ihren Konkurrentinnen um den Oscar für die Beste Schauspielerin gedacht, aber in McDormands forscher Art und Weise klang es auch damals schon wie eine Kampfansage an den falschen Glanz des Hollywoodkinos und seines Starsystems.   

Mit 40 ging es bei ihr erst richtig los

Sie war nie richtig Teil davon: 1957 in Chicago geboren und mit anderthalb Jahren von einer Pfarrersfamilie adoptiert, studierte sie an der Schauspielschule in Yale (wo sie mit Holly Hunter ein Zimmer teilte) und begann, in New York Theater zu spielen. 1983 sprach sie dort für eine Rolle in einem Film namens Blood Simple vor – und lernte so ihren späteren Ehemann Joel Coen kennen und kam zu ihrem Kinodebüt. In insgesamt sieben Filmen des regieführenden Brüderpaars war sie dabei, mit stets markanten Auftritten – zuletzt spielte sie in Hail, Caesar! eine kettenrauchende Cutterin –, bis auf Fargo waren es aber keine wirklich tragenden Rollen.

Wie überhaupt das Kino der Achtziger und Neunziger nicht wirklich etwas mit McDormand anzufangen wusste. Schon als 30-Jährige passte sie weder in die hübschen Püppchenrollen noch in die des übersehenen Mauerblümchens, das gerettet werden muss. Erst Alan Parker wusste ihre besondere Intensität, ihren Hang zur unbedingten Ehrlichkeit 1988 in seinem Südstaaten-Thriller Mississippi Burning richtig einzusetzen. Für ihre Rolle als Ehefrau des Ku-Klux-Klan-Sheriffs wurde sie als beste Nebendarstellerin nominiert.

Die übliche Karrierekurve für Filmschauspielerinnen führt meist mit 40 bergab. Bei McDormand ging es erst richtig aufwärts, als sie die 40 überschritt. Im Jahr 2000 spielte sie in Cameron Crowes Almost Famous die überfürsorgliche Mutter des Musikjournalistentalents William und erntete viel Lob dafür, genauso wie für ihren Auftritt als Michael Douglas' Geliebte in Curtis Hansons WonderBoys. 2002 fand sie in Lisa Cholodenko schließlich eine Regisseurin, bei der sie ihr Talent in ganzer Breite ausspielen konnte. In Laurel Canyon spielt McDormand eine Musikproduzentin mit Hippie-Gebaren, eine eigensinnige, sinnliche und verführerische Frau, die von Männern und deren Zustimmung völlig unabhängig ist.

Frau ohne Schmerzgrenze

Den Hang zum Ungefälligen zu entdecken, der McDormand so gut steht, das erlaubten ihr bezeichnenderweise erst Regisseurinnen. Wie etwa die Neuseeländerin Niki Caro, die sie in Kaltes Land gegenüber von Charlize Theron als taffe Minenarbeiterin besetzte. Oder Nicole Holofcener, die ihr 2006 in Freunde mit Geld die Gelegenheit gab, dem weiblichen Trauma Gestalt zu verleihen, im Alter unsichtbar zu werden. Mit bestechender Direktheit zeigt McDormand auf, wie ihre Figur an Grenzen stößt, die außer ihr keiner wahrnehmen will, wie sie von ihrer Umgebung in die Rolle der hag, der älteren, ärgerlichen Frau, gedrängt wird und diese dann selbst annimmt.

Frances McDormand als depressive Mathematiklehrerin Olive Kitteridge in der gleichnamigen HBO-Serie. © HBO

Als Frau, die keine Schmerzgrenzen kennt, wurde McDormand 2015 auch einem Fernsehpublikum bekannt. Für die HBO-Miniserie Olive Kitteridge, ebenfalls unter der Federführung von Lisa Cholodenko, erhielt sie gleich zwei Emmys: als Hauptdarstellerin und Produzentin. In der Tonlage bildet Olive Kitteridge eine gute Vorbereitung für Three Billboards: Wie Mildred ist auch Olive eine Frau, die nicht mehr weinen kann. Eine Frau, die keine Verletzlichkeit mehr zeigen will, um Sympathie zu erregen, sei es die ihrer Mitfiguren oder die der Zuschauer.

Sie habe um diese Kompromisslosigkeit kämpfen müssen, erzählte McDormand damals. Man fürchtete um das Identifikationspotenzial der weiblichen Hauptfigur. Aber McDormand ist als Olive so punktgenau, so klar und verzweifelt ehrlich, dass ihre sarkastisch-scharfen Beobachtungen regelrecht einschneiden. Der depressive Witwer Jack (Bill Murray) fragt sie einmal, warum sie jeden Morgen aufstehe. "Keine Ahnung", antwortet Olive, "ich warte auch nur darauf, dass der Hund bald stirbt und ich mich erschießen kann." Als Zuschauer ist man genauso hingerissen wie Jack in der Serie.

Unabhängig, ungefällig, ungehalten: Eigentlich wäre McDormand die ideale Ikone für #MeToo und #TimesUp in Post-Weinstein-Zeiten. Aber sie lässt sich eben nicht gerne vereinnahmen, auch nicht für die gute Sache. Bei den Golden Globes trug sie Dunkelblau statt Schwarz, bei der Screen-Actors-Guild-Preisverleihung sprach sie von "Repräsentation" und dankte damit ihren Agenten, bei den Baftas strich sie an ihrem betont bunten Kleid herunter und meinte: "Ich hab' halt Schwierigkeiten mit der Konformität – aber stehe hier in voller Solidarität mit meinen Schwestern in Schwarz."

Die Gleichberechtigung liegt ihr am Herzen, wie ihre Oscarrede erneut bewies. Aber McDormand fordert und reklamiert lieber, als dass sie sich dem Beklagen anschließt. Mehr Geld fürs unabhängige Kino, mehr Geld für Filme von Frauen und natürlich gleiche Bezahlung für Schauspielerinnen, auf diese Punkte kommt sie schon seit Jahren zu sprechen. Einzig für Transformers 3 sei sie standesgemäß bezahlt worden, erzählte sie etwa bei einem Auftritt in Cannes 2015; darauf sei sie stolz, auch wenn es immer noch viel weniger war als das, was die männlichen Kollegen bekommen hätten.

Im Juni wird McDormand 61 Jahre alt und wirkt dabei so kraftvoll, frisch und unternehmungslustig wie kaum eine jüngere Frau am Beginn ihrer Karriere. Auch wenn sich in Hollywood die Dinge nicht so schnell ändern wie dieser Tage gerne versprochen: Frances McDormand wird Wege finden, ihre Geschichten zu erzählen, sei es als Darstellerin oder Produzentin, so viel scheint sicher.