Todesangst und Gaffertum

Eine Fußgängerzone in Köln, ein Auto, umringt von Medienleuten und Schaulustigen. In dem Wagen sitzen zwei bewaffnete Männer, die zuvor eine Bank in Gladbeck überfallen haben, ihre Komplizin sowie zwei Geiseln. Das ganze Land weiß, dass hier Verbrecher auf der Flucht sind, dass einer der Männer kurz zuvor einem 15-Jährigen in den Kopf geschossen hat. Hier aber, in der Fußgängerzone, werden Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner bestaunt wie Promis bei einer öffentlichen Pressekonferenz. Es ist ein Riesenspektakel, das erst endet, als ein Reporter ins Auto steigt und den Männern den Weg aus der Stadt weist.

Damals, 1988, hätte man sich lächerlich gemacht, hätte man eine solche Szene in einen Spielfilm geschrieben. Heute wirkt das Geiseldrama von Gladbeck wie ein "Urknall, was die 
Medialisierung eines Verbrechens angeht", sagt Kilian Riedhof, der die 54 Stunden im August 1988 nun für den ARD-Zweiteiler Gladbeck verfilmt hat. Dieser "Fall von kollektivem Medienversagen", wie es der damalige Chefredakteur des Kölner Express, Michael Spreng, kürzlich in der ZEIT formulierte, war ein Vorbote der Medienlandschaft der Gegenwart. Spätestens seit der 1994 live im Fernsehen übertragenen Fluchtfahrt des mordverdächtigen O. J. Simpson wissen wir, dass ein realer Kriminalfall für noch bessere Zuschauerquoten sorgen kann als der beste Thriller. Wir wissen heute, dass Smartphones auf alles gehalten werden, was sich bewegt, Liveblogs bisweilen schneller befüllt werden, als Erkenntnisse vorliegen. Wir wissen, was für Freaks wir sind.

Wir sehen das Verbrechen noch einmal

Wie ist auf der Grundlage dieses Wissen nun dieser Film über ein Verbrechen zu bewerten, das vor 30 Jahren gefilmt wurde? Gladbeck ist sehr detailgetreu, die Realität ist ja auch gut dokumentiert. Der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt stützte sich in seiner Recherche außerdem auf die Untersuchungsausschussberichte aus Bremen und Köln. Gedreht wurde an vielen Originalschauplätzen der Verbrechen. Die Hauptdarstellerinnen und -darsteller ähneln den echten Tätern und Opfern frappierend. Zum Teil werden sogar die dokumentierten Gespräche und Interviews wörtlich wiederholt. Wir sehen also das Verbrechen im Grunde noch einmal, freilich komprimiert auf drei statt der 54 tatsächlichen Stunden. Dem Film wurde deshalb bereits vorgeworfen, dass er der Wirklichkeit hinterherturne und sie quasi verdopple. Da ist etwas dran. Aber man darf eben nicht vergessen, dass wir die Bilder von damals heute anders sehen.



Gladbeck entwickelt gerade wegen dieser schon vielfach erzählten Geschichte eine enorme Sogwirkung. Aber nicht, weil man wissen will, was geschieht, sondern weil man wissen will, wie das alles geschehen konnte. Das ist die Verdopplung der Realität, die dieser TV-Film vornimmt.

Also, wie konnte das alles geschehen? Wie konnte die Polizei derart versagen, wie konnten die Medien – private und öffentlich-rechtliche unterschieden sich da wenig – ein nicht politisches Verbrechen für derart relevant erklären, dass selbst die Tagesschau an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen mit den neuesten Meldungen zum Fall aufmachte? Und wie konnte sich bei den Zuschauern eine derartige Faszination einstellen? 



Hans Meiser ruft in der Bank an

Der Film zeigt, als eine Antwort darauf, die Dynamik des Entgleitens. Beispielhaft dafür stehen drei Szenen, in denen man den Einsatzleiter der Polizei in Recklinghausen (Ulrich Noethen) auf dem Rücksitz seines Dienstwagens sieht. In der ersten dieser Szenen, noch bevor er mit dem Bankraub konfrontiert wird, liest er eifrig ein Arbeitsorganisationspapier. Er glaubt, dass man Probleme lösen könne, indem man tue, was man sich vorher in aller Ruhe überlegt hat. In der zweiten 
Rücksitzszene, als er schon ahnt, dass seine Theorie nicht zur komplizierten 
Praxis des Falls passt, betrachtet er ratlos die Fotos der Geiseln. In der dritten Szene hört er die neuesten Informationen nur noch aus dem Radio. Die Polizei rennt zu dem Zeitpunkt nur noch hinterher; die Medien haben längst den besseren Zugriff.



Den Medienleuten wiederum entgleitet der Fall, weil sie tun, was sie immer tun: alles mitkriegen, alles aufzeichnen, mit möglichst vielen Beteiligten reden. Als der erste Journalist in der Bank anruft und, weil es spontan möglich ist, einen der Geiselnehmer interviewt, fallen alle Schranken: Wenn es Bilder und O-Töne gibt – dann wollen alle welche haben. Ohne jede Zurückhaltung. Es entstehen später gar Fotos, wie Dieter Degowski (Alexander Scheer) mit der geladenen Waffe am Kopf der Geisel Silke Bischoff (Zsá Zsá Inci Bürkle) Interviews führt. Und ein Reporter fragt die junge Frau allen Ernstes: "Wie fühlen Sie sich?" Man würde es nicht glauben, wenn es diese Aufnahmen nicht tatsächlich gäbe

Es war Hans Meiser, damals bei RTL Plus, der in der Bank anrief, und Udo Röbel, 
damals beim Kölner Express, der in der Fußgängerzone zu den Tätern ins 
Auto stieg. Aber der Film, federführend produziert von der ARD Degeto, verschweigt auch nicht, dass die Öffentlich-Rechtlichen genauso bei dem medialen Rennen mitmachten. Silke Bischoffs Großvater (Uli Krohm) etwa sieht man mehrfach vor den Nachrichten sitzen. Beim ersten Mal schaltet er noch zu einem Western um. Beim zweiten Mal, als die Tagesthemen Szenen eines von einem ARD-Reporter geführten Interviews mit Rösner ausstrahlen, kann er nicht wegschauen. Er hört die Sprecherin von einem "makabren Dokument" sprechen und schimpft: "Makaber ist, dass die so was zeigen!"



Ein deutsches Drama, dem niemand entkommt

Auch in diesen Szenen sehen wir eine Dynamik des Entgleitens: Aus einem 
Banküberfall wird, weil ihn so viele verfolgen, ein deutsches Drama, dem niemand entkommt. Die Sensation besiegt die Zurückhaltung. Die Anfangsmelodie der Tagesschau, mit der ein Bild unterlegt ist, wird dabei zur Hymne einer Gesellschaft des Spektakels, die Nachrichten zum Straßenfeger wie sonst Wetten, dass..?.

Nebenbei liefert Gladbeck damit auch eine Deutung des Begriffs Nachricht. Eine Nachricht ist, wenn alle darüber reden und es Bilder gibt. Das ist auch die Erklärung dafür, warum es in der ARD auch heute eher einen Brennpunkt gibt, wenn es in Deutschland heftig stürmt, als wenn irgendwo auf der Welt, jenseits des Zugriffsraums der Korrespondenten, ein Anschlag verübt wird.



Die Täter halten ihre Nasen in jede Kamera

Hier aber, im realen Gladbeck-Fall wie im Spielfilm, gibt es mehr als genug Bilder. Die Täter halten irgendwann ihre Nasen in jede Kamera. Rösner (Sascha Alexander Geršak) produziert sich für das besagte ARD-Interview mit Waffe im Mund. Auch den Tätern entgleitet aber das Geschehen. Dass sie derart berühmt werden würden, hatten sie nicht geplant. Als sie auf der Flucht eine Komplizin abholen, trägt Degowski wieder eine Gesichtsmaske, und die Frau sagt: "Dieter, du kannst das Ding ruhig abnehmen, ihr wart in den Nachrichten, die wissen, wer du bist."

In diesen irrwitzigen Momenten, in denen man sieht, wie alle Beteiligten die Kontrolle verlieren, ist der Zweiteiler am stärksten. Die Qualität von Gladbeck besteht nicht unbedingt darin, dass der Film die Originalfernsehbilder von 1988 so täuschend echt nachstellt, auch wenn es schauspielerisch wirklich bemerkenswert ist. Die Qualität besteht vor allem darin, dass der Anschein der Echtheit so gut mit der Aussage des Films korreliert. Die Zuschauer sind den Filmfiguren stets einen Schritt voraus und können sehen, was diese nicht sehen: die Folgen ihres Handelns.



Als der Einsatzleiter der Polizei etwa die Bankräuber zunächst fliehen lässt, um das Leben der Geiseln nicht zu gefährden, weiß man, dass diese Entscheidung unweigerlich zur Katastrophe führen wird. Wegen der Passivität des einen Polizisten werden andere Polizisten später überstürzt agieren. Im Schusswechsel auf der Autobahn stirbt schließlich eine zweite Geisel, Silke Bischoff. Hat der Einsatzleiter unvernünftig agiert oder verantwortungslos? Das sind die falschen Kategorien. Er hat vor allem die Rechnung ohne die Irrationalität der Täter gemacht. Und ohne die Überforderung aller anderen Beteiligten.



Das Kunststück von Gladbeck ist, dass der Regisseur Kilian Riedhof einen Film gemacht hat, der erst heute so entstehen konnte. Man sieht zwar die Schulterpolster und Seidenblusen aus den Achtzigern, ahnt aber, dass dies keine Erzählung einer abgeschlossenen Vergangenheit ist. Wir sehen Antriebe und Wirkmacht allgemeiner Aufregung. Wir sehen emotional ausgewählte Nachrichten: Wer laut schreit, kommt in die Medien – das Spiel wird heute noch viel häufiger gespielt als 1988. Wir sehen auch Instinktlosigkeit und Hilflosigkeit beim Versuch, mit der Irrationalität anderer umzugehen, auch darin steckt Gegenwart.

Und vor allem wird im Film das Leid der Opfer nicht so marginalisiert, wie es lange Zeit der Fall war. Für den 15-jährigen Emanuele di Giorgi gab es 1988 in Italien einen Trauerzug mit 25.000 Menschen. In Deutschland wurde die Familie damals praktisch allein gelassen. Im Film bekommen sie Raum – da ist Gladbeck nach den Diskussionen über die Opfer des Anschlags vom Breitscheidplatz auf der Höhe. Wir sehen das Jahr 1988 als eine Geburtsstunde der Gegenwart. 

"Gladbeck" läuft am 7. und 8. März um 20.15 Uhr in der ARD. Im Anschluss an den zweiten Teil läuft um 21.45 Uhr die Dokumentation "Das Geiseldrama von Gladbeck – Danach war alles anders".