Wenn sich ein Mensch selbst tötet, gehört dies zu den tragischsten Ereignissen überhaupt. In der Regel berichten wir nicht darüber, um Gefährdete keinem weiteren Risiko auszusetzen. Doch nun hat der schwedische Theaterleiter Benny Fredriksson Suizid begangen. Am 5. Dezember des vergangenen Jahres hatte die schwedische Tageszeitung Aftonbladet eine Recherche zu dessen Führungsstil publiziert. Darin berichteten mehr als 40 Theaterleute von Erlebnissen mit Fredriksson, die einen autoritären, manchmal diktatorischen Führungsstil beschrieben. Seitdem habe in den schwedischen Medien eine "Treibjagd" auf den Theatermacher stattgefunden. So bezeichnet es jetzt jedenfalls der Interimschef des Theaters. Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Seit Fredrikssons Tod bekannt ist, empören sich viele Schweden über die vorangegangene Berichterstattung: Sie sei durch die #MeToo-Debatte angeheizt und einseitig hetzerisch gewesen.

Bereits im Februar brachte sich in den USA die Filmproduzentin und Agentin Jill Messick um. Deren ehemalige Klientin, die Schauspielerin Rose McGowan, hatte durch ihre Enthüllungen den Weinstein-Skandal mit ausgelöst und in der Folge schwere Vorwürfe auch gegen ihre ehemalige Managerin Messick erhoben. Auch nach Messicks Selbsttötung stellten manche in den sozialen Medien die Frage nach der Schuld an ihrem Tod.

Die Fragen können jedoch nicht lauten: Ist die Journalistin von Aftonbladet schuld an Fredrikssons Tod? Oder: Ist die Schauspielerin Rose McGowan verantwortlich für Messicks Suizid? So bar jeglichen Kontextes verdeutlichen die Fragen vielmehr, dass es diesen direkten Kausalzusammenhang gar nicht geben kann. Vor dem Hintergrund solcher oft sehr lauten Kritik und Schuldzuweisungen – gegenüber den Medien, gegenüber einzelnen Personen – ist es vielleicht ein guter Moment, über Grautöne zu sprechen.

Manchmal war der Lärm fast unerträglich

Grautöne sind nicht spektakulär. Aber notwendig, um aus schlichter Schwarz-Weiß-Malerei ein differenziertes Bild entstehen zu lassen. Genau darum geht es bei seriöser Berichterstattung. Darum sollte es wenn möglich auch in den sozialen Medien gehen. Seit Beginn der #MeToo-Debatte sind Grautöne allerdings besonders schwer wahrzunehmen.

Enthüllungen, Vorwürfe – gerechtfertigte wie ungerechtfertigte, erwiesene wie noch nicht erwiesene –, Stellungnahmen und Gegendarstellungen treiben Medienschaffende und Leser seit Monaten um. Die einen publizieren, was die Recherchen oder der Klatsch hergeben. Die anderen lesen oder überfliegen und wiederholen es in den sozialen Medien. Manchmal war der Lärm fast unerträglich. Wie an jenem Tag, als die Forderung aufkam, dem Schauspieler und ehemaligen Theaterleiter Kevin Spacey den Oscar abzuerkennen, den er vor Jahren für seine schauspielerische Leistung bekommen hatte. Jetzt gibt es sogar zwei Todesfälle, die man mühelos und knallig mit der Debatte in Verbindung bringen könnte.

Dabei ist am wahrscheinlichsten, dass mehrere Faktoren Messicks tragischen Tod bedingten. Zwar hatte die Schauspielerin McGowan ihre einstige Managerin heftig angegriffen, weil sie sich von Messick nach den Übergriffen durch Weinstein nicht ausreichend unterstützt fühlte. Doch es hatten sich auch namhafte Schauspieler gemeldet, die Messick als angenehme und kompetente Agentin und Produzentin beschreiben. Außerdem wurde bekannt, dass Messick unter Depressionen litt. Kein Schwarz, kein Weiß. Viel Grau.