Der Tatort ist die SPD unter den Fernsehformaten. Er ist nicht besser oder schlechter als andere, aber er muss dauernd herhalten als Beispiel für das Format schlechthin, das krisenhaft ist und damit Symptom fürs problematische Fernsehen überhaupt. Man braucht halt etwas, über das man reden, meistens: über das man sich aufregen kann.

Das weiß der Tatort durchaus und deshalb macht er sich mitunter angreifbar, wenn er, wie im Fall der Bremer Folge Im toten Winkel (RB-Redaktion: Annette Strelow) ein gesellschaftliches Thema zu seinem Gegenstand wählt, das auf den ersten Blick besser für die Anne Will-Runde danach geeignet zu sein scheint als für einen Krimi.

Um die Pflege geht's diesmal. Ein crowdpleaser, wie es im fachbegrifflich so hochentwickelten Amerikanischen heißt, ist das nicht, wiewohl das Thema viele, wenn nicht jeden irgendwann betrifft. Der Tatort geht die Sache entsprechend einfühlsam an.

Er verbringt viel Zeit mit dem Ehepaar Claasen, bei dem sich Vater Horst (Dieter Schaad) entschlossen hat, dem Leben ein Ende zu bereiten – dem von Frau Senta (Liane Düsterhöft), die an Alzheimer leidet, und dann dem eigenen, weil er nicht alleine zurückbleiben will. Weil Vater Horst die Sache zu aufgeräumt angeht, der Nachwelt auf keinen Fall Ärger hinterlassen will, informiert er telefonisch die Polizei über sein Vorhaben. Hat aber die Rechnung ohne die Beamten gemacht, die natürlich so schnell am Ort des Geschehens eintrifft, dass Horst das Sterben noch nicht gelungen ist.

Der gewiefte Tatort-Zuschauer könnte an dieser Stelle Betrug wittern: Der schöne ARD-Sonntagabendkrimi soll einem wichtigen "Thema" geopfert werden! Pflegenotstandskritik sticht spannende Ermittlung. Dabei kann man sich, gerade als Aficionada des Formats, ja kaum was Spannenderes vorstellen als die Frage, wie es diesem Bremer Fall gelingen könnte, sein Pflegenotstandsprogramm in den Farben eines Krimis zu erzählen. Wie kommt der Fall in eine Erzählung hinein, die ihn eigentlich nicht braucht?

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Man hält also Ausschau nach dem Kevin Kühnert dieses Tatort: einem erfrischenden, überraschenden Move. Der Anfang ist durchaus vielversprechend, weil es mit dem wider Willen überlebenden Horst Claasen einen Täter gibt, über dessen Schuld man semesterlang in Philosophie- oder Jura-Seminaren diskutieren könnte.

Und weil die Nüchternheit, mit der Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) sich dem häuslichen Drama widmen, eine hübsche Variation auf den üblichen Kommissarinnen-Ehrgeiz ist – hier muss ein Fall ermittelt werden, auf den niemand Lust hat, bei dem die Wiederherstellung der Moral als Pyrrhussieg derselben erschiene.

Leider verfolgt der Film diese erzählerisch originelle Möglichkeit nicht weiter, sondern versucht in eine konventionelle Krimihandlung zu regredieren. Den Moment, an dem der Tatort seine Ambitionen fahren lässt, kann man ziemlich genau benennen – es ist die Stelle, an der Inga Lürsen ihre professionelle Distanz aufgibt und im Gespräch mit Stedefreund und ihrer ihr vorgesetzten Tochter (Camilla Renschke) plötzlich eine Meinung raushaut: "Schon mal was vom sozialverträglichen Sozialleben gehört?"