Ein Spaßvogel könnte sagen, der letzte Kölner Tatort klinge noch nach. Das war der, zu dem Klaus Doldinger, die alte Tatort-Vorspannmusik-Legende, den Soundtrack gezimmert hatte. Damals ließ sich studieren, wie ein Film versuppen kann, wenn man unter die Bilder akustischen Kleister schmiert.

Diesmal lässt sich dagegen beobachten, was Filmmusik vermag. Stimmung und Erzählhaltung von Mitgehangen (WDR-Redaktion: Götz Bolten) verdanken sich zu einem guten Teil den Aktionen auf der Tonspur. Olaf Didolff hat einen eigenwilligen Soundtrack komponiert, der nicht auf Illustration hinauswill. Vielmehr sorgt die Musik mit ihren mitunter dissonanten Klängen, ihrem repetitivem Gedröhn und den disparaten Resten von Jazz für den Eindruck von Künstlichkeit, ja Modellhaftigkeit.

Die Geschichte von Mitgehangen (Buch: Johannes Rotter, Regie: Sebastian Ko) erscheint dadurch wie eine Studie über (Fernseh-)Polizeiarbeit und den Zweifel an ihr. Am Ende sinniert der in Köln auf Sensibilität abonnierte Ballauf (Klaus J. Behrendt) über die Bedingungen seiner Arbeit; dass die Kriminalpolizei immer dann gerufen wird, wenn es um Mord und Totschlag geht. Und nie, wenn mal was Schönes passiert.

Dabei ist Ballauf derjenige im dynamischen Duo mit Fab Five Freddy (Dietmar Bär), der sich diesmal rasch auf den Täter festlegt: auf Matthes Grevel (Moritz Grove), einen im ersten Moment sympathischen Familienvater und Reifenhändler. Ermordet haben soll er seinen als zwielichtig gezeichneten Kompagnon Florin Baciu (Kristijan Rasevic), der im Film nur in den Auskünften der anderen präsent ist – zu sehen ist er als gesichtsloser Körper, der irgendwann aus einem Baggersee gefischt wird.

Das Modellhafte zeigt sich daran, dass hier nicht nur über den Text erzählt wird. Wenn Figuren entsetzt sind, müssen sie nicht sagen: "Ich bin entsetzt", wie es in den papierneren Episoden der beliebten Krimireihe häufig der Fall ist. Vielmehr werden zur beredten Musik Aufnahmen des Entsetzens kompiliert, etwa von den Kindern und der Reifenhändlergattin (Lavinia Wilson) bei Grevels Verhaftung.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Die allerletzte Konsequenz, die in der Musik angelegt ist, lässt die Geschichte, wie die Sportreporterin sagen würde, allerdings vermissen. Mitgehangen beginnt nämlich mit einer Prolepse, einem Vorgriff in der Chronologie. Schon nach 18 Sekunden, das dürfte zumindest in dieser Saison Rekord sein, gibt es die erste Leiche: Matthes Grevel, der sich in seiner Zelle erhängt hat. Wenn dieser Tatort  nach mehr als einer Stunde auf diese Szene zurückkommt, dann scheut sich die Erzählung, dem Zweifel nachzugehen. Die Distanz zu den Ermittlungen, die Didolffs Soundtrack ermöglicht, weil er nicht untermalt, illustriert, sondern auch mal knarzig auf Abstand geht, könnte in dieser Dramaturgie als Scheitern der Kommissare gedeutet werden: dass die Festlegung auf Matthes Grevel falsch war und der sich aus Verzweiflung über die für ihn zu Unrecht verhängte Haft umgebracht hat.

So viel Aufregung will der Kölner Tatort seinen altgedienten Identifikationsfiguren aber nicht zumuten, und deshalb motiviert der Grevel-Suizid lediglich eine Ehrenrunde in der Ermittlung: Der Verdächtige war schon der richtige, aber in den Kreis seiner Schuld werden kurzerhand die Kranverleiherin Astrid Seibert (Lana Cooper) und der Angestellte und Grevel-Gattin-Bezirzer Otto Ziemer (Sebastian Hülk) eingemeindet, die ihn zum Mord angestiftet beziehungsweise bei der Vertuschung desselben geholfen haben.

Der Fall ließe sich auch als Rassismusparabel lesen

So bleibt an Mitgehangen neben dem Soundtrack vielleicht am erstaunlichsten, dass sich die Folge, womöglich gegen ihre Intentionen, als Rassismusparabel lesen lässt. Denn Florin Baciu wird in Abwesenheit mit lauter kollektivierenden Beschreibungen als Fiesling gezeichnet, dessen Verderbtheit unmittelbar mit seinem Rumänentum zu tun hat. Das siedelt angeblich nah am Autoklau an, kennt unheimliche Zeitgenossen mit extravaganten Wünschen (die wiederum dem Reifenhandel zu ökonomischer Blüte verhelfen) und infiltriert das Traditionsgeschäft mit dreistem Willen zum Geld.

Der Versuch, sich einer derart durch Äußerlichkeiten skizzierten Figur zu entledigen, kann, und das wäre das Parabelhafte, nicht ohne Auswirkung auf die Entlediger bleiben – der scheinbar anständige herkunftsdeutsche Familienvater muss darüber genauso schuldig werden wie die Kranverleiherin und der Angestellte. Rassismus – und deshalb fällt es uns so schwer, darüber zu reden – ist ja in Wahrheit ein Problem der Leute, von denen er ausgeht (auch wenn die Leute, die er betrifft, wie hier Florin Baciu, dadurch ihr Leben verlieren). Was verdrängt werden soll, schlägt in Mitgehangen mit aller Macht zurück. 

Montag ist Schontag

Und sonst? Debütiert Roland Riebeling als Norbert Jütte auf der Assistentenposition zwischen Ballauf und Schenk. Der Platz war durch den Abgang von Patrick Abozen verwaist, dessen unglücklich-überdeterminierte Figur Tobias Reisser nun mit einem merkwürdigen Verweis auf  "Verantwortungslosigkeit" unehrenhaft aus der Serie entlassen wird. Der Job wird nun übernommen von einem Abscheißer, also einem, der die Arbeit im ersten Gang angeht, Montag ist Schontag und Freitag nach eins macht jeder seins. Das ist durchaus lustig und für die Bürogespräche, in denen der Tatort als Gesprächsmaterial dient, zweifellos förderlich.

Allerdings scheitert auch dieser Ansatz an der Erzählökonomie von Mitgehangen: Sich eine Figur zu gönnen, die den steten Informationsfluss der Handlung hemmt, weil sie ihre Raucherpausen hochhält und sich dazwischen am Arbeitsplatz davon erholen muss – so viel Arbeitsweltwirklichkeit traut sich dieser Tatort final doch nicht.