Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute zuerst: So arg wie sein Tatort-Debüt vor einem Jahr ist der zweite Streich des Improvisationsgroßmeisters Axel Ranisch nicht. Babbeldasch, so hieß der Mundart-Fall im Mundart-Laientheater seinerzeit, rangiert auf der Rangliste der Aficionados von tatort-fundus.de bis heute unter den worst ten (auch wenn man immer daran erinnern muss, dass der auf dieser Liste angeblich schlechteste Tatort: Ein Hauch von Hollywood in Wahrheit ein Meisterwerk ist).

Die schlechte Nachricht: So richtig klar wird auch bei Waldlust (SWR-Redaktion: Katharina Dufner) nicht, warum Ranischs Stil für den ARD-Sonntagabendkrimi von Belang sein soll. Improvisation ist vielleicht doch eher die Brücke, die aus der Filmhochschule führt, wenn das Geld knapp ist, die Besetzung schwierig und die Entschlossenheit groß.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Man kann Ranisch und Sönke Andresen, dem Autor des, wie es in dem Fall heißt, "dialogfreien" Drehbuchs, immerhin einen gewissen Humor zugutehalten. Dass etwa die Umstände der Produktion der Zuschauerin aus der Geschichte zuzwinkern: Wenn die Schauspieler des Ludwigshafener Tatort zur Impro-Nummer antanzen müssen, dann bedeutet das für die Handlung von Waldlust eben, dass Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Johanna Stern (Lisa Bitter), Frau Keller (Annalena Schmidt) und Herr Becker (Peter Espeloer) zum Teambuildung-Seminar verdonnert werden, um das Ausscheiden Koppers zu verschmerzen. Dafür bekommen sie Improvisationstraining von einem etwas zwielichtigen Coach namens Simon Fröhlich, den der Ranisch-Stammschauspieler Peter Trabner spielt.

In Ranischs zweiter Folge geht die grundniedliche "Und was passiert dann?"-Begeisterung, von der die Idee der Improvisation ja lebt, zumindest in klassischerem Gewande an den Start. Mit der Vernehmung des mit rübezahleskem Vollbart recht finsteren Bert Lorenz (ebenfalls ein Ranisch-Schauspieler: Heinko Pinkowski) durch Johanna Stern gibt es eine zweite Zeitebene, die die eigentliche Handlung als Vergangenheit erscheinen lässt. Und es gibt zum anderen mit der Einheit von Ort und Zeit im unheimlichen Waldhotel "Lorenzhof" ein kanonisches Setting, das die Beschäftigung mit lange zurückliegenden Morden plausibel macht: denen an Bruder und Schwägerin von Bert Lorenz beziehungsweise den Eltern seiner crazy Nichte Doro (eine Art deutsche Scream-Queen: Eva Bay).

Der cleverste Move von Andresens Plot ist freilich, den Täter von früher und die Täterin von heute hinter den Uniformen des turtelnden Polizistenpärchens Brunner (Juergen Maurer, Christina Große) zu verstecken. So können die dem Publikum die ganze Zeit zur scheinbaren Beruhigung vor der Nase herumtanzen, um sich am Ende nicht als Hüter des Gesetzes, sondern ihrer eigenen Glücksvorstellungen zu outen. Eine lobende Erwähnung geht an die Maske, die aus der sonst immer so hochsympathisch besetzten Christina Große eine fiese Gralshüterin ihrer eigenen Moral mit grotesk-blutigem Zinken macht.

Man spürt Ranischs Film in solchen Momenten die große Liebe zum Kino an. Waldlust spielt mit den Effekten des deutschen Schauerfilms irgendwo zwischen Heide-Horror und dem Studionebel der Edgar-Wallace-Verfilmungen. Dass der Filmemacher seine rüstige, 96-jährige Oma als Stummfilmdiva besetzt, obwohl Ruth Bickelhaupt dafür viel zu menschenzugewandt und freundlich ist, kann man ihm nachsehen.

Fraglich bleibt, wieso die Improvisation so wichtig für seine Arbeit ist. Die Drehbuchskizze zeichnet doch klare Konturen einer ausgedachten Geschichte und die Kameraarbeit (Stefan Sommer) ist, verglichen mit Babbeldasch, wesentlich filmischer – es wird nicht mehr nur "ins Bild hineingeschnitten", also mit einem neuen Improvisationsversuch über den alten drüber, es wird vielmehr so etwas wie eine Auflösung der Szenen und Gesprächszusammenhänge sichtbar, Schuss und Gegenschuss.

Das wären Zeichen, die in Richtung Konvention deuten. Und wenn man das Spiel der Darsteller nimmt – bei dem sich Lisa Bitter am besten schlägt in dieser merkwürdigen Mischung aus In-der-Rolle-Sprechen und gleichzeitig Nicht-in-der-Rolle-Sprechen, während Peter Espeloer und Annalena Schmidt eher wie Chargen wirken, wie Schauspieler, denen man auf der Probe, nicht bei der Praxis zuschaut –, dann zeigt das nur, dass auch die Improvisation Reibungsverluste produziert. Vor allem durch dieses kindlich-cluedo-hafte Schnitzeljagd-Mördersuchen-Spiel, das auch dieser Tatort von Axel Ranisch nicht abgestreift bekommt.