Es gibt Pferdemädchen und Eiskunstlaufmädchen. Ich träumte als Kind, trotz ausgeprägter Körperkoordinationsschwierigkeiten, von einem Dasein als Eisprinzessin. Auf meinem Kassettenrekorder lief das Hörspiel Benjamin Blümchen und die Eisprinzessin, bis das Band leierte. In der Geschichte wird ein armes, blondes Mädchen Siegerin eines Eiskunstläuferinnenwettbewerbs. Ihre reiche Widersacherin ist nicht nur weniger talentiert, sondern noch dazu schwarzhaarig, was im Märchen für gewöhnlich "hässlich" bedeutet, und sie hat eine böse Mutter, die alles, aber auch alles tut, um den Sieg der anderen zu verhindern.

Marlen Hobrack studiert im Master-Studiengang Kultur- und Medienwissenschaften, nachdem sie zuvor einige Jahre in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat. Derzeit schreibt sie an einem Social-Media-Roman. Sie lebt mit ihrem Sohn in Dresden und ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Die böse Eishexe, die gegen die süße Eisprinzessin vorgeht, ist ein beliebtes Narrativ. Mitte der 1990er trat es schlagartig aus den Kindergeschichten in die Realität, nämlich in Gestalt der Eiskunstläuferin Tonya Harding. 1994 arrangierte ihr Ehemann einen Anschlag auf die nahezu perfekt prinzessinnenhafte Kontrahentin Nancy Kerrigan. Die Bilder der von einer Eisenstange empfindlich am Knie getroffenen und schreienden Kerrigan gingen um die Welt. Harding hat bis Januar dieses Jahres jegliche Mitwisserschaft stets abgestritten und wurde damals lediglich wegen Behinderung der Ermittlungen verurteilt. Doch ihre Rolle in diesem sehr traurigen Eisspektakel stand in den Medien sofort fest: Sie war die böse Eishexe.

Anders als die Hexen im Märchen umwehte Harding ein dunkler Antiglamour. Tonya Harding war das ultimative Bad Girl. Man liebt es, sie zu hassen. Schon wegen dieser schlecht blondierten Achtziger-Frizzfrisur, dazu kräftige Schenkel und ungewöhnlich hässliche Kostüme. So sieht doch keine Heldin für kleine Mädchen aus! Kerrigan dagegen war so sleek wie eine Teflonpfanne. Alles Schlechte des Leistungssports, zu dem nun einmal auch der Eiskunstlauf zählt – der unerbittliche Umgang mit Körpern, der endlose Drill, das Hungern für eine perfekte Figur, die Inszenierung einer glatten Oberfläche, die für Frauen stets ein hübsches Lächeln und den Mangel an Willen zum Widerspruch bedeutet, sowie die bedingungslose Konkurrenz –, all das wurde auf Harding projiziert. Und sie bot hierfür die ideale Projektionsfläche.

Dabei dürfte doch klar sein, dass Harding und Kerrigan nie die Bibi-und-Tina-beste-Freundinnen-Version des Eiskunstlaufs hätten sein können. Die Vorstellung, dass Frauen, nur weil sie Frauen sind, über professionelle Konkurrenz hinweg solidarisch, gar befreundet sein könnten, ist meist illusorisch. Zu einer besonderen Quälerei des Leistungssports – wie übrigens auch der Misswahlen – gehört dann auch, dass die Verliererinnen die strahlende Siegerin auf dem Treppchen umarmen müssen. Und zwar möglichst ohne, dass das gequälte Lächeln allzu sehr Zähnefletschen gleicht. All die Mühe und harte Arbeit soll im Moment der Niederlage vergessen sein. Jedenfalls für Frauen. Sie dürfen sich nicht sichtbar ärgern.

Tonya Harding aber war eine Athletin, die keine Lust hatte, die strahlende Siegerin auf dem Treppchen zu beglückwünschen und ansonsten den Mund zu halten. Das wurde ihr zum Verhängnis. Jedenfalls könnte man das in dem morgen in den deutschen Kinos anlaufenden Film I, Tonya sehen. Er erzählt die Geschichte aus der Perspektive Hardings, der Hexe, der vermeintlichen Täterin. Und er fügt ihr ein verblüffendes Element hinzu. Hardings Geschichte ist nicht länger die Erzählung von einer missgünstigen, niederträchtigen Frau, die gegen ihre schöne Konkurrentin weit jenseits von sportlicher Fairness anging, sondern darüber hinaus die eines hart arbeitenden White-Trash-Girls, das nach anstrengenden Kellnerinnenschichten die eigenen Kostüme näht. Die Geschichte einer Läuferin, die etwas zu handfest, etwas zu muskelbepackt und viel zu wenig glamourös ist, als dass sie eine Eisprinzessin verkörpern könnte. Nicht zuletzt eine, die keine gesunde, liebevolle Familie in ihrem Rücken hat.