Fast wäre Oprah Winfrey im Januar zur nächsten US-Präsidentin ernannt worden. Die überschwänglichen Reaktionen auf ihre präsidiale Rede bei den Golden Globes erinnerten daran, wie groß in den USA gerade die Sehnsucht nach einer Integrationsfigur ist. Vielleicht wäre sie sogar die logische Besetzung für das höchste Amt des Landes, verkörpert sie doch das politische Erbe des amtierenden und des letzten Präsidenten: als Afroamerikanerin und als TV-Celebrity. Es war ein kurzer Hoffnungsschimmer, bis Oprah – sie wird in den USA ehrfürchtig nur beim Vornamen genannt – verkündete, sie habe nicht vor, in die Politik einzusteigen.

Oprah weiß, dass ihr Ansehen in der profanen Realität der Tagespolitik nur Schaden nehmen kann. Sie fühlt sich zu Höherem berufen. Im neuen Disney-Film Das Zeiträtsel von Ava DuVernay hat sie ihre Traumrolle gefunden, als spirituelle Führerin einer Gruppe von weiblichen Schutzengeln, die in ihrem Kampf gegen die Mächte der Finsternis auf ein kleines Mädchen aus einer zerrütteten Familie angewiesen sind.

Oprahs Mrs. Which ist eine in jeder Hinsicht überirdische Erscheinung: eine kosmische, in wogende Stoffe und Glitzerstaub gehüllte Matriarchin, die über das Schicksal des Universums wacht. Ihr zur Seite stehen die plappernde Mrs. Whatsit (Reese Witherspoon) und die orakelnde Mrs. Who (Mindy Kaling), die philosophische Weisheiten von Buddha, Euripedes und Jay-Z von sich gibt.

Dem Zeiträtsel eilt der Ruf voraus, die Kräfteverhältnisse in Hollywood weiter zu verschieben. Madeleine L’Engles Fantasyroman A Wrinkle of Time von 1962 gehört in den USA zu den Standardwerken der Jugendliteratur, wegen der Verquickung von spirituellen und wissenschaftlichen Motiven, aber vor allem, weil die Hauptfigur ein junges Mädchen ist.

Die 13-jährige Meg, gespielt von der umwerfend skeptisch dreinschauenden Storm Reid, hat ihren Vater (Chris Pine), einen Physiker, bei einem Raum/Zeit-Experiment verloren. Ihre Mutter Kate (Gugu Mbatha Raw), ebenfalls Physikerin, glaubt, dass ihr Mann irgendwo im Universum noch lebt; derweil hat sich Meg zu einem "schwierigen" Teenager mit Schul- und Pubertätsproblemen entwickelt. Bis ihr hellsichtiger jüngerer Bruder Charles Wallace (Deric McCabe) die wunderliche Mrs. Whatsit mit nach Hause bringt.

Disney bildet die Speerspitze eines kulturellen Wandels

Es ist kein Zufall, dass Das Zeiträtsel wenige Wochen nach Black Panther startet, der die Schallmauer von einer Milliarde Dollar Umsatz weltweit durchbrochen hat. Der Mutterkonzern Disney, der die Rechte am Marvel-Franchise besitzt, bildet momentan die Speerspitze eines kulturellen Wandels in Hollywood, der mit dem Erfolg von Black Panther erste Spuren hinterlässt.

Disney-Produzentin Catherine Hand setzt die wichtige Arbeit von Kathleen Kennedy fort (die den Star Wars-Reboot mit einer weiblichen Actionheldin verantwortet), indem sie und Vize-Executive Tendo Nagenda die Zeiträtsel-Regie Ava DuVernay anvertrauten. DuVernay hatte zuvor mit dem Martin-LutherKing-Biopic Selma auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt ist sie die erste Afroamerikanerin und die dritte Frau nach Kathryn Bigelow (K-19, 2002) und Patty Jenkins (Wonder Woman, 2017), die bei einem Film mit einem Budget von über 100 Millionen Dollar Regie führt. Im Herbst folgt Niki Caro (Whale Rider) mit der Realverfilmung von Mulan, ebenfalls eine Disney-Produktion.