Die Serie, die Brasilien spaltet – Seite 1

Der Streit begann mit der fünften Episode von Der Mechanismus. Da sagt der Präsident Brasiliens mit einem Glas Whisky in der Hand zu seinem Anwalt: "Wir müssen die Blutung stoppen." Er meint die Korruptionsermittlungen einiger Staatsanwälte, die seinen Machtzirkel bedrohen.

Der Präsident in der Netflix-Serie trägt den Namen João Higino. Aber er ist eindeutig als Luiz Inácio Lula da Silva zu identifizieren, Brasiliens legendäres Staatsoberhaupt zwischen 2003 und 2011 sowie Gründer der linken Arbeiterpartei (PT). Seit vergangenem Wochenende sitzt Lula wegen Korruption in Haft. Er und seine Anhänger fechten das Urteil an und sprechen von einem politischen Prozess, um Lulas Wiederwahl im Oktober zu verhindern. "Ich bin das Opfer einer Verschwörung", sagt der Ex-Präsident.

Dieser João Higino alias Lula ist einer der Protagonisten von Der Mechanismus (O Mecanismo). Es ist die zweite brasilianische Netflix-Produktion (nach 3 %), und sie handelt von den gigantischen Korruptionsskandalen, die Brasilien seit einigen Jahren erschüttern. Die Ermittlungen sind unter dem Codenamen "Lava Jato" (Autowaschanlage) berühmt geworden. Mehr als 200 Haftbefehle hat die Staatsanwaltschaft bislang ausgestellt, sie betreffen hochrangige Politiker und Unternehmer. Über den Skandal ist Brasilien, größtes und wirtschaftlich stärkstes Land Lateinamerikas, in eine Staatskrise mit noch unabsehbaren Folgen geschlittert. Angesichts dieser Dimensionen sollte man also erwarten, dass der Regisseur von Der Mechanismus, José Padilha (Tropa de Elite, Narcos), Wert auf historische Akkuratesse legt und sensibel mit den Fakten umgeht.

Doch das tut er nicht. Am Anfang jeder der acht erschienenen Episoden steht der Hinweis, dass die Serie von "wirklichen Ereignissen inspiriert" worden sei. Doch in Wirklichkeit wirft Padilha Zeitabläufe und Fakten wild durcheinander. Damit hat er in Brasilien einen Streit über die Grenzen der Kunstfreiheit bei der Darstellung historischer Ereignisse ausgelöst. Dass diese Ereignisse in die Gegenwart hineinwirken (umstrittene Inhaftierung eines Ex-Präsidenten!), und die Geschichte der Lava-Jato-Ermittlungen noch längst nicht beendet, geschweige denn vollständig bekannt ist, macht die Auseinandersetzung nicht einfacher.

Die Fronten sind klar: Die Linke Brasiliens beschuldigt Netflix und Padilha, ein Propagandawerk gegen Lula und die PT geschaffen zu haben. Sie ruft zum Netflix-Boykott auf, Abos werden gekündigt, Klagen angedroht.

Alles entzündet sich an dem einen Satz, den der Serien-Lula ausspricht: "Wir müssen die Blutung stoppen." Das Problem: Der echte Lula hat ihn nie gesagt. Das Zitat ist den Brasilianern aus einem ganz anderen Kontext bekannt: aus dem Mitschnitt eines Gesprächs des Senators Romero Jucá aus dem Jahr 2016. Der einflussreiche Politiker offenbart darin, dass man die Präsidentin Dilma Rousseff von der PT stürzen wolle. Wenige Monate später wird Rousseff tatsächlich in einem dubiosen Verfahren ihres Amt enthoben und Vizepräsident Michel Temer übernimmt die Macht, ein Parteifreund und enger Vertrauter Jucás.

Es ist also eine ziemliche Frechheit, ausgerechnet diesen Schlüsselsatz des kalten Putsches gegen Rousseff zu benutzen, um die vermeintliche Verkommenheit Lulas anschaulich zu machen. Es ist in etwa so, als würde man einen Film über die Wiedervereinigung machen und Erich Honeckers Worte "Die Mauer wird bestehen bleiben" einfach Oskar Lafontaine in den Mund legen. Und sich dann auf die Kunstfreiheit berufen.

Dilma Rousseff spricht von Rufschädigung

Es war dann auch die ehemalige Präsidentin Rousseff (im Film heißt sie Janete Ruscov), die sich als erste äußerte. In einem Facebook-Eintrag warf sie dem Regisseur Padilha vor, "Lügen jeglicher Sorte" zu verbreiten, um sie und Lula zu attackieren. Die Serie sei ein Quell von Falschinformationen. Als weiteres Beispiel nannte Rousseff einen Korruptionsskandal aus den Neunzigern, als die konservative PSDB regierte. Padilha verlegt die Affäre einfach in die Regierungzeit von Lulas linker PT. Der Regisseur begehe Rufschädigung, klagte Rousseff, und griff Netflix direkt an. Das Unternehmen führe in Brasilien eine politische Kampagne.

Umgehend meldeten sich weitere Kritiker zu Wort, darunter auch der einflussreichste Filmrezensent Brasiliens, Pablo Villaça. Obwohl Padilha ein großer Cineast sei, halte er Der Mechanismus für "eine Verantwortungslosigkeit", schrieb Villaça. Die indirekte Behauptung, dass die Korruption in Brasilien erst mit Lula begonnen habe, sei "einfach ungeheuerlich". Abgesehen von ihrer rechtskonservativen Ausrichtung sei die Serie auch schlecht gemacht. Das Drehbuch sei armselig und die kaum verständliche Stimme des Ich-Erzählers aus dem Off führe zu noch mehr Verwirrung. Auf Twitter (er hat dort 234.000 Follower) kündigte Villaça schließlich an: "Ich kündige mein Netflix-Abo." Er wies auf Alternativen wie Amazon Prime oder MUBI hin. Letzterer Dienst habe sogar einen Filmkuratoren. Schon bald tauchte bei Twitter der Hashtag #CancelaNetflix auf – kündige Netflix.

Dann sprach Lula höchstselbst. Er werde Netflix verklagen, rief er auf einer Kundgebung seinen jubelnden Fans zu. "Ich werde das nicht akzeptieren."

Korruption ist eine Charakterfrage

Der Polizist Marco Ruffo (Selton Mello) kommt einem groß angelegten Korruptionsskandal auf die Spur. © Karima Shehata/​Netflix

Dass sich gleich zwei ehemalige Staatsoberhäupter wegen einer Serie derart aufregen, verdeutlicht die Polarisierung der brasilianischen Gesellschaft. Ein vernünftiges Gespräch zwischen links und rechts ist nicht mehr möglich, es scheint nur noch Freund und Feind zu geben. Ähnlich wie in anderen Gesellschaften der Welt hat auch hier eine Radikalisierung der Sprache und des Denkens stattgefunden. Gelassenheit ist derzeit keine brasilianische Eigenschaft.

Einzig die Satire-Seite Sensacionalista, das brasilianische Pendant zum deutschen Postillon, sorgte für etwas Heiterkeit. Sie titelte: "Padilha verfilmt Star Wars und Chewbacca sagt zu Luke: 'Ich bin dein Vater'."

Und José Padilha? Der 50-jährige Regisseur reagierte zunächst auch auf eine leichte – und leicht arrogante – Art: "Ich glaube, Lula und Dilma helfen uns ganz gut mit der Vermarktung. Sollen sie doch Netflix kündigen, dann verpassen sie auch die neue Staffel von Narcos." Es dauerte ein bisschen, bis Padilha, der in Los Angeles lebt, den Ernst der Lage in seiner Heimat begriff. In Brasiliens größter Zeitung Folha de S. Paulo veröffentlichte er eine Erklärung, in der er zunächst das "irrationale Ambiente" in Brasilien beklagt. Weiter führt er aus: "Die ideologischen Dogmatiker der radikalen Linken und die pragmatischen Zyniker der Rechten arbeiten gemeinsam daran, das Unleugbare zu negieren: Alle Führer der großen brasilianischen Parteien sind korrupt."

Realität oder Vereinfachung?

Padilha ist dafür bekannt, die Dinge zu vereinfachen, er würde wahrscheinlich sagen: zu dramatisieren. Das war schon bei dem Film Tropa de Elite so, der 2008 bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann. Der Film zeigt den Drogenkrieg in Rio aus der Sicht der Bope, einer Eliteeinheit der Polizei. Padilha porträtiert sie als die Saubermänner in einem ansonsten korrupten Polizeiapparat. Tatsächlich aber ist die Bope eine Art Todesschwadron in den Favelas. Dem Vorwurf, sein Film verherrliche die Brutalität der Einheit und sei faschistoid, entgegnete er damals, er zeige nur die Realität.

Dieselbe Argumentation benutzt er jetzt wieder. Aber es ist eine Sache, Gewehre, Schießereien und Verfolgungsjagden zu filmen. Und eine andere, die komplexen Mechanismen und Facetten eines Systems abzubilden, das sich grob Korruption nennt. Padilha hat kein Interesse daran, die Voraussetzungen und Ausformungen dieses System zu ergründen. Stattdessen will er ununterbrochen Spannung schaffen.

Nachlässiger Umgang mit den Fakten

Das führt dazu, dass sich Der Mechanismus in Andeutungen, Raunen und Klischees verliert. Das Hauptproblem der Serie, bemängeln deswegen selbst konservative Kritiker, sei nicht ideologischer, sondern ästhetischer Art. Alle bösen Politiker agierten ähnlich und sprächen die gleiche Sprache, ebenso alle guten und taffen Ermittler. Die Zeitung O Globo urteilte schlicht: "Die Serie ist langweilig."

Tatsächlich scheitert Padilha daran, die Korruption als das strukturelle und historische Problem zu zeigen, das sie in Brasilien ist. Bestechung und Bestechlichkeit sind für ihn lediglich eine Frage des Charakters. Aus dieser Bequemlichkeit erwächst offenbar auch Padilhas nachlässiger Umgang mit den Fakten. Er schert einfach alles über einen Kamm.

Wenn man also wirklich etwas über die dramatischen Ereignisse der letzten Jahre in Brasilien erfahren möchte, sollte man Der Mechanismus meiden. Die Serie taugt nicht einmal als guter Thriller. Dann schon lieber die neue Staffel von Narcos. Da hat José Padilha recht.

Der Mechanismus ist auf Netflix abrufbar.