Kann ein Klagelied zuversichtlich sein? Gibt es Euphorie und Lebenslust im Jammertal? Gleich in der ersten Einstellung von Tony Gatlifs neuem Film Djam scheinen die Widersprüche zusammenzufinden: Die junge Titelheldin tanzt beschwingt und fast schon provokant selbstbewusst mit weit ausholendem Schritt in staubtrockener Landschaft an einem Sperrzaun entlang und singt mit strahlenden, aber fordernden Augen voller Leidenschaft: "Oh weh, oh weh!"

Djam lebt mit ihrem Stiefvater Kakourgos auf der griechischen Insel Lesbos. Es ist November, das Licht ist trüb. Touristen sieht man keine in dem kleinen Fischerort. Das liegt nicht nur an der Jahreszeit. Seit hier im Jahr 2015 täglich mehrere Hundert syrische Flüchtlinge vom türkischen Festland landeten, ist das Geschäft mit dem Tourismus eingebrochen. Auch das Ausflugsschiff von Kakourgos liegt untätig im Hafen. Die Triebstange ist defekt, der letzte Mechaniker der Insel hat seinen Laden längst dicht gemacht. Für Ersatzteile muss man nun auf das nahe gelegene türkische Festland. Er selbst kann nicht fort, muss die Stellung halten, weil "die Aasgeier von der Bank" die Taverne seiner Tochter Maria pfänden wollen. Also schickt er Djam nach Istanbul, um das Ersatzteil zu besorgen.

Am Ufer des Bosporus lernt Djam die Französin Avril kennen. Eigentlich wollte Avril an der syrischen Grenze als Flüchtlingshelferin arbeiten, steckt nun aber völlig mittellos in der türkischen Großstadt fest. Sie ist froh, dass die weitherzige Djam sich ihrer annimmt. Gemeinsam reisen die beiden jungen Frauen weiter durch die Türkei nach Nordgriechenland zum Elternhaus von Djams verstorbener Mutter. Djam hofft, dort ein paar Erinnerungsstücke zu finden. Immer mühsamer wird der Weg, den die beiden per Boot, Bahn, Taxi oder auch zu Fuß durch ein weitgehend lahmgelegtes Griechenland zurücklegen. Im Gepäck immer dabei: eine Baglama, eine Miniaturversion einer Laute.

Baglama und ihre größere Variante Bouzouki sind die wichtigsten Instrumente des Rembetiko, einer Musik, die wegen ihres klagenden Tons auch mit dem Blues verglichen wird. Vor gut 100 Jahren entstand sie aus griechischen und osmanischen Stilmitteln, Migranten trugen sie in die griechischen Städte. Die Musiker galten als Outlaws, weil sie gesellschaftliche Schieflagen besangen und ihre Musik immer wieder verboten wurde. Die Liebe zu ihm hat Djam von ihrer Mutter. Sie war eine bekannte Sängerin, die in den späten Sechzigerjahren vor der Junta ins französische Exil floh. Auch Djam ist ein Freigeist. In ihren zu weiten Männerklamotten erinnert sie ein wenig an Charlie Chaplins berühmten Tramp, an einen jener Tagelöhner, die zu Zeiten der Großen Depression durch Nordamerika wanderten. Mit ihren Liedern trotzt sie nun der Wirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts.

Tony Gatlif hat sich mit seinen Filmen den Außenseitern verschrieben. Und er ist selbst einer: Der französische Filmemacher wuchs in Algerien auf als Sohn eines Berbers und einer Romni. Er hat zahlreiche Filme über die Roma am Rande der Gesellschaft gedreht und deren Musik zum Soundtrack gemacht. Musik ist in seinen Filmen ein zentrales Element. Wie in einem Musical wird sie Teil der Handlung. Auch für Djam hat Gatlif nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch die Musik arrangiert. Dabei schert er sich nicht um den Regelkanon, der zwischen Filmmusik, Musikfilm und Musical unterscheidet. Er verwendet Musik gerade so, wie es ihm passt. Mal wird sie live von den Darstellern eingespielt wie bei einem Konzertfilm. In einer Szene auf einem Waldweg singt Djam für die bekümmerte Avril ein Duett mit einem Mann, der gar nicht zu sehen ist. Dann wieder schnipst sie nur keck mit den Fingern, wenn sie zum Gesang ansetzt, und schon erklingt ein ganzes Rembetiko-Orchester in vollem Studiosound.

Zwischen Grab und Zukunftsplänen

Für Djam sind die Lieder des Rembetiko die Quelle ihrer Kraft. In ihren ausgetretenen Schuhen wandert sie an geschlossenen Hotels und leeren Bahnhöfen vorbei. Sie sieht nicht nur die Folgen der Wirtschaftskrise, sie stößt auch auf Relikte der Flüchtlingsströme, die hier durchgezogen sind: Feuerstellen an Bahngleisen, gestrandete Schlauchboote und Berge von Rettungswesten an der Küste. Das ist selbst für die lebensfrohe Djam nur schwer zu ertragen. Kommt sie dann wieder an einer Taverne vorbei, in der Rembetiko erklingt, stürzt sie sich sogleich hinein. In einer dieser Kneipen treffen Djam und Avril einen Mann wieder, der sich am Morgen noch ganz wörtlich sein eigenes Grab schaufeln wollte, weil er durch die Krise alles verloren hat. Jetzt hat er einen neuen Plan und will nach Norwegen gehen. Damit wird auch er zum Flüchtling. Als er mit Djam in dem engen, aufgeheizten Lokal zwischen den Musikern hindurchtanzt, ruft er lachend: "So machen wir Norwegen warm." Wenn man ihn kurz darauf wieder mit leeren Augen auf die nasse Straße starren sieht, weiß man, wie nah Freude und Verzweiflung beieinander liegen können. Aber ohne die Musik wäre da nur noch dieser leere Blick.

"Wir existieren! Wir sind noch da!", ruft Djams Stiefvater Kakourgos am Ende des Films. "Wir werden weiter singen und Musik machen." Djam und Avril sind endlich auf Lesbos angekommen, das Boot ist wieder flott, auch wenn die Zukunft noch immer trüb oder zumindest ungewiss aussieht. Eigentlich genau der richtige Moment für eine erneute Blütezeit des Rembetiko.