Menschen mit Behinderung leiden. Sie sind auf Hilfe angewiesen und führen ein Leben in Abhängigkeit.  Sie wohnen in Heimen, gehen auf Sonderschulen und arbeiten in Behindertenwerkstätten – wenn überhaupt. Kurz: Das Leben von schwerbehinderten Menschen ist nicht lebenswert, weswegen sich viele den Tod wünschen. Das sind die Klischees und Vorurteile, mit denen behinderte Menschen in Deutschland konfrontiert sind, und die der Film Draußen in meinem Kopf jetzt reproduziert.

Im Mittelpunkt steht Sven (Samuel Koch). Nein, er liegt. Während Menschen, die mit einem Rollstuhl mobil sind, seit Jahrzehnten gegen die Formulierung kämpfen, sie seien "an den Rollstuhl gefesselt", trifft es hier auf den Protagonisten zu: Er scheint an sein Bett gefesselt zu sein. Sven lebt mit Muskeldystrophie, einer Krankheit, die seine Muskeln schwächt. Menschen, die mit dieser fortschreitenden Krankheit leben, sind meistens mit Rollstühlen mobil. Sie leben mit Persönlicher Assistenz. Assistentinnen ersetzten die körperlichen Fähigkeiten so, dass für die betroffenen Personen die Teilhabe an der Gesellschaft selbstverständlich bleibt. Bei Sven hingegen ist nichts selbstverständlich. Er liegt in seinem Bett, das, auch dies ist klischeegetreu, in einem Pflegeheim steht. Dort bleibt er bis auf wenige Ausnahmen auch während des ganzen Films. Warum er nicht mit einem Rollstuhl mobil ist, wird nicht erklärt. Ihm an die Seite gestellt wird Christoph (Nils Hohenhövel), der sein Freiwilliges Soziales Jahr im Pflegeheim absolviert. Durch den professionellen Kontakt kommen sich die beiden jungen Männer nahe.

Die Ausgangssituation ist kaum weniger klischeehaft: Sven ist aufgrund seiner Leidensgeschichte verbittert, er lebt seit Langem in Heimen, hat weder Eltern, die sich kümmern, noch Freunde, bis auf die anderen Heimbewohner, die als Freaks dargestellt werden. Jetzt freundet er sich mit Christoph an. Beide könnten unterschiedlicher nicht sein, und das wird dann auch nicht zwischen den Zeilen gezeigt, sondern mit dem Hammer. Im Bett der unbewegliche, hilflose Sven – neben dem Bett der kraftvolle, fürsorgliche Christoph. Während der starke Christoph eine Tanzeinlage zu Heavy Metal gibt, hört der schwache Sven am liebsten Bach, "Komm, süßer Tod". Mit Andeutungen wird hier nicht gearbeitet, alles wird auf dem Tablett serviert. Svens Todessehnsucht zum Beispiel. "Mich macht das traurig", meint Christoph und Sven bestätigt: "Mich macht das schon mein ganzes Leben lang traurig."

Samuel Koch gibt das Beispiel für ein selbstbestimmtes Leben

Es ist ein Narrativ, das immer wieder in Filmen mit Menschen mit Behinderung auftaucht. Organisationen wie Not Dead Yet begehren schon lange gegen das Erzählmuster auf, das behindertes Leben als minderwertig und sinnlos darstellt. "In Blogs wird von 'Disability Death Porn' gesprochen", schreibt die Journalistin Rebecca Maskos, "einem Genre, das das Sterben behinderter Menschen zum Fetisch erhebt. Beispiele dafür sind Das Meer in mir, Million Dollar Baby oder Der englische Patient. (…) Diskriminierung und soziale Ängste vor Behinderung werden in Disability Death Porns zum Problem der Einzelnen, das nach der individuellen Lösung Sterbehilfe verlangt". Dass behinderte Menschen sich und anderen ihre "Last" ersparen wollen, sei eine Projektion. Maskos bedauert, dass "die schwierige Auseinandersetzung darüber, wie wirkliche Teilhabe aussehen könnte, damit überflüssig wird." Paradoxerweise nennt Maskos den Schauspieler Samuel Koch mit seiner Lebensgeschichte als Beispiel für ein aktives, selbstbestimmtes Leben im Rollstuhl. Seit einem Unfall bei Wetten, dass…? ist er querschnittgelähmt und auf Persönliche Assistenz angewiesen, er ist festes Ensemblemitglied am Darmstädter Theater und verheiratet. Und gerade er spielt in Draußen in meinem Kopf die Hauptfigur. Dabei habe Koch für sich "die Entscheidung getroffen, dass ich weniger die typischen behinderten Opferrollen spiele". Mit der Rolle des muskelkranken Sven hat er dann aber doch eine typische behinderte Opferrolle übernommen.

Dieser Film verfestigt alle Klischees

Der Film ist für Menschen, die zwar berührt werden möchten, aber bitte nur oberflächlich. Ein Film für alle, die auf das "tragische Schicksal" anderer Menschen blicken, ohne Blick für die gesellschaftlichen Fragen, die uns alle angehen. Die Regisseurin Eibe Maleen Krebs erklärte in einem Interview, warum sie sich für den Charakter des Kammerspiels entschieden hatte: "Die Geschichte sollte hinter verschlossenen Türen stattfinden", sagte Krebs. Und genau hier liegt das Problem. Behinderung findet sowohl in unserer Gesellschaft als auch in Filmen bisher nur als Rand- und meistens als Tabuthema statt. Auch dieser Film verfestigt alle Klischees und die Segregation von behinderten und nichtbehinderten Menschen. Er nutzt nicht die Chance der Aufklärung, der Überwindung von Barrieren, sondern macht die Angst vor dem Fremden noch größer. Und das in einer Zeit, in der eine rechtspopulistische Partei in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung eine Verbindung zwischen Inzest, Migration und Behinderung zieht.

Als "Film über Vertrauen und Freundschaft" beschreiben die Macher Draußen in meinem Kopf. Dabei ist es vor allem ein Film über die Frage, welches Leben lebenswert ist. Das Leben mit Behinderung landet in diesem Film nicht nur im übertragenen Sinn in der Mülltonne.

Wie groß die Kluft zur Realität ist, zeigte schon die Berliner Pressevorführung. Im Publikum befanden sich viele sichtbar behinderte Menschen, zwischendurch zischte und gluckerte es im Kinosaal. Der Speichel eines Zuschauers wurde von seinem Assistenten mit einem Schlauch abgesaugt. Durch das Dunkel glomm das Licht eines Communicators einer anderen Zuschauerin, die mit einem elektrischen Rollstuhl mobil ist. Warum das selbstbestimmte Leben mit Persönlicher Assistenz im Film nicht gezeigt wird, bleibt unklar. Nach der Vorführung meldeten sich einige nichtbehinderte Menschen zu Wort und beglückwünschten die Regisseurin zu ihrem Film. "Ich bin berührt", sagten sie oder fanden, "der Film behandelt ein wichtiges Thema". Die anwesenden sichtbar behinderten Menschen sagten nichts. Eine Zuschauerin meinte, "dieser Film wird einige Preise gewinnen". Ganz sicher keine Preise, die von Menschen mit Behinderung vergeben werden. Und auch keine Preise von Menschen, die für eine inklusive Gesellschaft stehen, in der menschliche Vielfalt als Wert geschätzt wird. Die Premiere in Hamburg fand übrigens im Kino Abaton statt. Es ist nicht barrierefrei.

Am Ende bleibt nur zu hoffen, dass es sich mit dem Merkmal Behinderung im Film so verhält wie mit dem Merkmal Homosexualität. Kamen Menschen mit nicht heteronormativer Sexualität vor 20 Jahren nur in Filmen vor, in denen es um Aids oder Homosexualität ging, werden verschiedene sexuelle Orientierungen in Filmen und Serien heute immer selbstverständlicher. Im besten Fall wird auch Behinderung in einigen, hoffentlich wenigen Jahren, eines von vielen unterschiedlichen Merkmalen von Haupt- und Nebendarstellern sein.