Dem Fotografen Robert Lebeck (Charly Hübner) gelangen 1981 sehr persönliche Aufnahmen von Romy Schneider (Marie Bäumer). © 2018 PROKINO Filmverleih GmbH

ZEIT ONLINE: In 3 Tage in Quiberon erzählen Sie von einem Interview, das Romy Schneider dem Stern ein Jahr vor ihrem Tod gegeben hat. Warum hat sich Romy Schneider damals den zudringlichen Fragen des Reporters Michael Jürgs gestellt?

Emily Atef: Romy Schneider hatte damals große Probleme mit der deutschen Presse, die sie fertiggemacht und ihr nie vergeben hat, dass sie nach Frankreich abgehauen ist. Sie wollte einfach einmal Tacheles reden und den deutschen Lesern und Zuschauern erzählen, wer sie wirklich ist. Dass sie nicht mehr "Sissi", sondern, wie sie sagt, "eine unglückliche Frau von 42 Jahren" ist. Dass sie sich Ruhe und ein Zuhause wünscht und das einfach nicht schafft. Es ist natürlich die Frage, ob das wirklich so schlau war und ob es nicht besser gewesen wäre, solche Dinge nur mit Freunden zu diskutieren, die ihr vielleicht hätten helfen können, diese Ruhe zu finden.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass sie mit dem Interview ihr eigenes Ziel erreicht hat?

Atef: Sie hat es geschafft, sich der deutschen Öffentlichkeit zu erklären. Aber das Interview hat ihr nicht geholfen, zu sich selbst und die ersehnte Ruhe zu finden, weil es wieder alles aufgewühlt hat. Was mich an der Geschichte so berührt, ist die Frage, wie man als öffentliche Person seine persönliche Balance finden kann. Das ist ja ein sehr gegenwärtiges Thema, wenn wir uns etwa das Leben und den Tod von Amy Winehouse anschauen. Man braucht ein großes Selbstbewusstsein, um mit diesem unglaublichen Ruhm umgehen zu können. Wenn man wie Romy Schneider schon als junger Mensch damit konfrontiert ist und einem jegliche Lebensnormalität abhanden kommt, ist man auch noch als Erwachsene ziemlich verloren. Das ist heute angesichts von Internet und sozialen Medien natürlich noch viel schlimmer. In den Achtzigern wurde etwas in einem Magazin veröffentlicht und war nach einer gewissen Zeit vergessen. Heute sagt man eine falsche Sache, und das ist dann auf immer und ewig im Internet gespeichert und verfolgt einen ein Leben lang.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Film wird Michael Jürgs als manipulativer Reporter gezeichnet, der gezielt an der Verunsicherung seiner Interviewparterin arbeitet.

Atef: Als ich das Interview zum ersten Mal las, war ich sehr überrascht, wie weit Michael Jürgs mit seinen Fragen geht und wie weit Romy Schneider sich ihm ausliefert. Aber die Figur von Jürgs entwickelt sich im Film. Am Anfang wird er als sehr ehrgeiziger junger Journalist dargestellt, der jetzt die große Chance hat, seinem Chef zu gefallen. Aber ohne dass er es merkt, wird er so berührt durch diese Frau, dass er am Ende seine Arbeit stark hinterfragt. Er gibt Romy Schneider das Interview zur Freigabe und sagt: "Mach damit, was du willst."

ZEIT ONLINE: Wie hat Michael Jürgs, der neben dem Fotografen Robert Lebeck Ihr wichtigster Zeitzeuge war, auf das Drehbuch reagiert?

Atef: Michael Jürgs war unglaublich hilfreich und hat mir alle Freiheiten gelassen. Ich konnte ihn immer anrufen, wenn es um irgendwelche Details ging. Ich hatte natürlich Bammel, als ich ihm das Buch schickte. Ich habe ihn vorbereitet und zu ihm gesagt: "Du bist der Antagonist. Das Publikum liebt Antagonisten. Wir brauchen Antagonisten." Und er sagte, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Es sei ja eine alte Geschichte. Aber nach dem Lesen war er dann doch schockiert. Sein erster Satz war: "Ich bin ja ein Satan von Anfang bis Ende." Da musste ich ihm lange erklären, welche Entwicklung die Figur durchmacht. Im Film spricht Romy Schneider ihm am Ende ihr Vertrauen aus, weil sie eben nicht nur ein Opfer ist, sondern selbst weiß, wie sie Leute für sich einnehmen kann, damit sie dann das machen, was sie will. Mittlerweile steht Michael Jürgs vollkommen hinter dem Film, weil er in ihm die Gefühle und die Atmosphäre jener Tage wiederfindet, auch wenn er ganz klar sagt: Das bin ich nicht so ganz. Und das stimmt auch. Der Film ist eine Fiktion. Wenn man das echte Interview liest, fragt er nicht so rücksichtslos wie meine Figur im Film. Aber dennoch: Der Stern-Titel damals lautete nicht "Ich liebe Frankreich" oder "Ich will mehr Zeit für meine Kinder", sondern "Im Moment bin ich ganz kaputt".