Eines der legendären Zitate von Sergio Leone über Clint Eastwood, den Hauptdarsteller seiner Dollar-Trilogie, geht so: Eastwood verfüge über genau zwei Gesichtsausdrücke – mit Hut und ohne Hut. Womöglich war das sogar als Kompliment gemeint, denn was man anderen Schauspielern als Ausdruckslosigkeit oder Hölzernheit ankreiden würde, das hat Eastwood in seiner langen Karriere als Schauspieler und als Regisseur in das positive Image von Standfestigkeit, Unverfälschtheit und Direktheit umgewandelt. Selbst wenn er als Regisseur unsichtbar hinter der Kamera steht, schaffen seine Westernhelden dieses intensive Bild. Damit verkörpert der Republikaner Eastwood sogenannte männliche Tugenden, die über parteipolitische Grenzen hinweg Wertschätzung erfahren. Für alle, denen Eastwoods Western in die Kindheit leuchteten, ist er ein bisschen wie der strenge, aber gerechte Papa, dem man die eine oder andere reaktionäre Spitze nachsieht, während man mit übermäßigem Stolz registriert, wenn er sich gegen Rassismus oder Pro-Homoehe äußert.

An diesem Image mag es auch liegen, dass Eastwoods Filme nie einer so ausführlichen Ideologiekritik unterzogen werden, wie es in der aufgeheizten politischen Atmosphäre der Gegenwart mehr und mehr üblich geworden ist. Etwa wenn Three Billboards Outside Ebbing, Missouri aus der Sicht vieler keinen Oscar verdient hätte, weil er mit der Figur des von Sam Rockwell gespielten Polizisten einem Rassisten und Folterer schlussendlich Erlösung verschafft. Oder Wes Anderson mit Isle of Dogs dafür kritisiert wird, wie er japanische Kulturelemente "ausbeutet". Eastwoods Filme der vergangenen Jahre, sowohl Sully als auch American Sniper, waren voller Ressentiment-geladener Verkürzungen und stereotyper Feindbilder, aber hingenommen wurden sie als berechtigten Ausdruck einer gewissen Red-State-Gesinnung und der schönen amerikanischen Konversationsvereinbarung "Let's agree to disagree": man einigt sich nur allzu gerne darauf, dass man sich eben nicht einig ist. Mit The 15:17 to Paris aber erreicht diese Art der entspannten Toleranz ein Limit. Unverfälscht, standhaft und direkt kommt hier nämlich vor allem eine Botschaft herüber, die unmittelbar an die Parolen der Waffenlobby anschließt: dass ein böser Mann mit Waffe eben nur von einem guten Mann mit Waffe in die Schranken gewiesen werden könne.

Schulterklopfen und gemeinsames Trinken gegen Lebenskrisen

Wie der Titel schmucklos-unverblümt ankündigt, geht es in The 15:17 to Paris um die heldenhafte Rettungsaktion, mit der am 21. August 2015 ein Attentat und mögliches Blutbad im Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris verhindert wurde. Sechs Männer – vier Amerikaner, ein Brite und ein Franzose – überwältigten schließlich den schwer bewaffneten marokkanischen Attentäter. Für seinen Film setzt Eastwood das amerikanische Freundestrio Spencer Stone, Alek Skarlatos und Anthony Sadler ins Zentrum, die den Täter niederschlugen und den verletzten Briten am Leben hielten, bis der Zug halten und Hilfe einsteigen konnte. Der Film erzählt den Lebensweg der drei Freunde als eine Art dreifaches Heldenepos: Sie sind einfach Jungs aus bescheidenen Verhältnissen, die sich aus Grundschulzeiten kennen. Zwei davon wachsen bei alleinerziehenden Müttern auf, der dritte sorgt als Afroamerikaner dafür, dass man die Waffenverliebtheit, die sie schon als Kinder teilen, nicht falsch interpretiert. Wie alle wahren Jungs träumen schon die Kleinen davon, einmal Leben zu retten. Bis dahin halten sie sich gegenseitig den Rücken frei und wachsen zu beherrschten Männern heran, die Lebenskrisen mit Schulterklopfen und gemeinsamem Trinken bewältigen.

Die zunächst befremdliche Entscheidung, die erwachsenen Figuren von ihren realen Vorbildern spielen zu lassen, beinhaltet im Grunde das interessante Potenzial der Brechung: das Heldentum der Tat gegen die Alltäglichkeit der realen Protagonisten. Tatsächlich erweist sich einer von ihnen sogar als ziemlich fotogen. Dass der Film trotzdem fast unerträglich hölzern wirkt, liegt deshalb mehr am Drehbuch, das die Lebenswege der drei auf plakative Lebensstationen reduziert. Der gemeinsame Urlaubstrip durch Europa, der die drei irgendwann auch in den Thalys steigen ließ, und gefühlte 60 Prozent des Films ausmacht, ist mit dem gewollt unglamourösen Look, aber ganz ohne das Zuspitzungstalent des Reality-TV-Formats gefilmt.

Die mithin bewusste Plumpheit des Films räumt die Sicht frei auf Dinge, die man sonst bei Eastwood so gern übersieht. Wenn kein souveräner Tom Hanks wie in Sully und keine packend inszenierten Schusswechsel wie in American Sniper den Blick verstellen, bemerkt man die völlige Einengung der Perspektive auf die drei glorreichen Amerikaner: Sie retten hier mehreren Hunderten von passiven und offenbar charakterlosen Europäern "den Arsch". Der Attentäter bleibt dagegen eine Leerstelle. Von ihm zeigt Eastwood lange nur den Rücken, den Rucksack, die Beine oder die Hände; sein Gesicht bleibt bis zum Schluss völlig undefiniert. Für dessen Motive oder dessen Hintergrund interessiert sich der Film allzu demonstrativ nicht. Nein, Eastwood kommt es auf die ungebrochen-männliche Haltung seiner drei Haupthelden an, die offenbar das Schicksal und eine entsprechende uramerikanische Erziehung hierher gebracht haben. Was zunächst einfach ein unoriginelles Drehbuch zu sein schien, bekommt einen unangenehm didaktischen Unterton: Wenn man Jungs nur früh genug mit Waffen spielen lässt und nicht auf Lehrerinnen eingeht, die mehr Konzentration im Unterricht fordern (was der Film mit Medikamentierung gegen ADHS gleichsetzt), dann zieht man wahre Helden heran.