Man darf dieses Dokudrama vom Ende her aufrollen, denn es geht bei einem Film über Karl Marx nicht um Pointen, die Lösung eines Kriminalfalls oder die Entdeckung einer Weltneuheit. Es geht darum, wie Bilder über Marx und sein Werk entstehen, wie sie neu geformt und politisch gerastert werden. Es geht um Zugänge zur Figur und was sie ausmacht. Die ZDF-Produktion Karl Marx – der deutsche Prophet ist groß darin – und scheitert zugleich.

Sparen wir uns die gute Nachricht für später auf. Erst einmal die schlechte. Ganz am Schluss, Marx ist gerade gestorben, sagt seine Tochter Eleanor (Sarah Hostettler): "Er war ein Mensch." Dieser Satz scheint die Arbeitsdirektive an den Autor Peter Hartl und den Regisseur Christian Twente gewesen zu sein. Ihr Dokudrama will Marx aus einem ganz nahen, persönlichen Blickwinkel erzählen, und so privatisiert der Film ziemlich moralinsauer durch einen großen Teil seiner 88 Minuten.

So geht es viel um die Familie des Mannes, der Hegel vom Kopf wieder auf die Füße stellte und dem Kommunistischen Manifest literarischen Furor verlieh: um den Tod seiner vier Kinder und der Ehefrau. Den immerwährenden Vorwurf, Marx habe sich mehr um seine Studien und die Politik gekümmert als um die Seinen. Die Armut im Exil, die ständigen Geldsorgen. Und trotzdem, erfahren die Zuschauer, habe Marx Bedienstete gehabt – was auch immer damit suggeriert werden soll. Man wundert sich ein wenig, dass nicht auch ständig von den Karbunkeln die Rede ist, einer Hautkrankheit, die Marx tatsächlich sehr plagte.

Die "spannende filmische Reise durch sein Leben und Werk", die das ZDF verspricht, ist nur zur Hälfte wahr: Marx' Werk wird nämlich sehr vernachlässigt.

Szenische Rückblenden fangen zwar grob die Umstände ein, unter denen er bei der Neuen Rheinischen Zeitung wirkte, wie er mit Friedrich Engels (Lutz Blochberger) zusammen das Manifest der Kommunistischen Partei formulierte, wie er sich am Kapital abmühte. Die aufgebotenen Experten, darunter die Historiker Eva Weissweiler und Rolf Hosfeld, wissen auch manch Kluges dazu zu sagen.

Aber was steht eigentlich drin in diesem Marx? So sehr dieses Dokudrama auch bemüht ist, die fortwährende Aktualität des Alten aus Trier, seiner Analysen, seiner Kritik, seiner ganzen Denkart zu betonen, so wenig erfährt man darüber, was genau an seinen Schriften uns heute bewegen sollte. Nicht etwa, dass Der deutsche Prophet den Kapitalismus verteidigen würde, eine Produktionsweise, die, wie Marx sagte, "die Springquellen allen Reichtums untergräbt", indem sie "die Erde und den Arbeiter" ausbeute.

Und doch wird die Kritik der politischen Ökonomie von 1859 hier meist in "entkoffeinierter" (Slavoj Žižek) Form dargeboten: Irgendwie wusste Marx schon früh etwas von Globalisierung; die Sache mit den immanenten Krisen war auch nicht ganz falsch. Und klar, Ausbeutung ist nicht so toll, aber das war ja früher!

Wer hingegen erfahren will, was es mit dem grundlegenden Widerspruch auf sich hat, den Marx freilegt, wie er darauf kam, dass in der privaten Aneignung des gesellschaftlich erarbeiteten Produkts der Knackpunkt liegt, aus dem sich auch die sozialen Verhältnisse von heute erklären lassen, wird enttäuscht.

Ausbeutung ist keine Abweichung von der Normalität, sie drückt sich nicht nur in besonders schlimmen Arbeitsverhältnissen aus. Marx sah darin vielmehr ein grundlegendes Feature des Kapitalismus, etwas, das man nicht einfach löschen, dabei aber das ganze Betriebssystem behalten kann.

Kritik ohne Koffein

Marx wusste sehr wohl um die enorm progressive Kraft, mit der kapitalistische Verhältnisse die Welt, in der sie sich ausbreiteten, zivilisierten, ja demokratisierten. Und doch sah er auch den "stummen Zwang" der ökonomischen Verhältnisse, der sich gerade dort noch wirkungsvoller entfalten kann, wo Freiheit und Gleichheit der Bürger respektiert sind.

Kritik ohne Koffein ist es auch, wenn der alte Marx in einer Szene seiner Eleanor gesteht, einst an der Börse spekuliert zu haben. Gegen den Vorwurf, es handele sich um "Blutgeld", verteidigt er sich mit den Worten, Geld sei weder gut noch böse, "es ist nur völlig ungleich verteilt".

Die Verteilungsfrage ist für Marx keine der gesellschaftlichen Moral

Nein, Marx sah Geld vor allem als soziales Verhältnis, etwas, das im Kapitalismus den Waren erst ihren gesellschaftlichen Charakter verleiht. Oder wie es der Ökonom Michael Heinrich einmal formulierte: "Der abstrakte Reichtum benötigt selbst ein besonderes materielles Dasein – und nichts anderes ist Geld." Für Marx erschien die Verteilungsfrage deshalb auch nicht – wie heute so oft – als eine der gesellschaftlichen Moral, die man mit dem Wohlverhalten reicher Leute beantworten könnte.

Marx wäre hier eher mit Brecht gut verstanden, der 1934 dichtete: "Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an / Und der arme sagte bleich, wär ich nicht arm, wärst du nicht reich." Selbst wenn alle es besser wollten, gerechter, wohliger – das war der Punkt, den Marx gemacht hatte –, werde der Kapitalismus die Verhältnisse aus sich hervorbringen, die Engels damals in der Lage der arbeitenden Klasse in England so drastisch beschrieb. Und von der heute immer noch ausreichend Sozialstudien und Reportagen berichten.

Nun ist ein Dokudrama natürlich kein Marx-Lektürekurs, aber warum soll man nicht auch eine ZDF-Produktion an höheren Maßstäben messen? Der deutsche Prophet, der vieles besser macht als viele andere Reportagen über Marx, lässt leider auch die Gelegenheit aus, die Bewegung anschaulicher zu machen, die das Werk des Trierers bestimmt. Marx war nie mit einem Gedanken fertig; wie die Welt sich weiterbewegt, dachte auch er immer weiter.

Der uneheliche Sohn lässt den Alten schlecht aussehen

Zwischen dem ganz frühen, radikaldemokratischen Marx, dem Marx der Kapital-Jahre, dem Politiker Marx und dem Ökonomen gibt es mehr Unterschiede als das Bild, das diese ZDF-Produktion zu zeichnen vermag. Hegel taucht nur in einem Nebensatz auf. Frederick Demuth dagegen, der uneheliche Sohn von Marx mit seiner langjährigen Haushälterin Lenchen, gleich mehrfach – und lässt den großen Kritiker recht schlecht aussehen, jedenfalls charakterlich.

Was Marx wohl selbst über dieses Porträt gesagt hätte? Seine Begeisterung hätte sich wohl in Grenzen gehalten, gab er doch, wie er selbst einmal sagte, "keinen Pfifferling für Popularität". Vielleicht hätte er einen "hundsgemeinen Brief" ans ZDF geschrieben, darin war er wirklich gut.

Aber: Es war ja auch eine gute Nachricht versprochen, genau genommen sind es sogar zwei gute. Die erste betrifft das politische Sendungsbewusstsein der Produktion – die jene überraschen mag, die vom ZDF anderes kennen. Dass sich autoritäre Regime auf Marx beriefen, die furchtbare Verbrechen begingen, wird hier keinesfalls verschwiegen. Es wird aber auch nicht versucht, Marx per direkter Linie für etwas in Haftung zu nehmen, das er weder gewollt noch vorgezeichnet hatte. Vielmehr wird er gegen solche Vorwürfe regelrecht verteidigt, von dem Biografen Jürgen Neffe etwa, der ihn den "Philosoph der Freiheit" nennt. Oder von Jacques Attali, der französische Präsidenten beraten hat: Man müsse Marx als Werkzeug des Verstehens begreifen, nicht als Werkzeug der Errichtung politischer Systeme.

Der zweite Teil der guten Nachricht heißt Mario Adorf. Wie sich der 87-Jährige hier als Marx durch die Rahmenhandlung stirnrunzelt und lacht, wie er das letzte Lebensjahr als Reisender in Algier, Monte Carlo, Paris und London verkörpert, wie er mit den Kindern spielt und den Töchtern umgeht, ist wirklich beeindruckend. Und die Szene, in der er vom Tod seiner Tochter Jenny erfährt, ist – hier darf man das tatsächlich sagen – großes Kino. Vielleicht hätte man auch gleich einen richtigen Spielfilm daraus machen sollen. Die fiktionalen Teile nehmen ohnehin einen beträchtlichen Teil ein, und sie sind weit mehr als bloße Illustrationen des Dokumentarischen.

Biografisch gesehen ist Der deutsche Prophet ein Gegenentwurf zu Raoul Pecks Der junge Marx: Nicht der Beginn eines großen Denkers steht im Zentrum, sondern dessen letzte Tage. Was bleiben wird, fragt Mario Adorf als Marx und spricht die Befürchtung aus: vielleicht nur eine Fußnote der Geschichte. Unsinn, erwidert Engels, wir sind erst am Anfang.

"Karl Marx – der deutsche Prophet" läuft am Samstag, 28. April, um 20.15 Uhr auf Arte und am Mittwoch, 2. Mai, um 20.15 Uhr im ZDF.