Und der Gewinner wäre gewesen … – Seite 1

Roter Teppich, Ausstrahlung in der ARD, Auftritt der Kulturstaatsministerin Monika Grütters: Die Verleihung des Filmpreises ist neben der Berlinale das wohl glamouröseste und am prominentesten besetzte alljährliche Branchentreffen der Film- und Fernsehleute in Deutschland. Und man muss nicht mal einen Eklat durch zweifelhafte Gewinner befürchten, wie er vor zwei Wochen bei der Vergabe des Musikpreises Echo geschehen ist. Die Lola ist ein Jurypreis, der künstlerische Leistungen prämiert, nicht, wie der nunmehr abgeschaffte Echo, eine Auszeichnung für Verkaufserfolge.

Doch seit im Oktober vergangenen Jahres zunächst die Machenschaften des Hollywoodproduzenten Harvey Weinstein enthüllt wurden und danach die vieler anderer mächtiger Männer aus dem Film- und Fernsehbereich, ist klar: Die Branche hat offenkundig ein tiefgreifendes Problem. Sexuelle Belästigung, Übergriffe, Missbrauch bis hin zur Vergewaltigung, so lauten die Vorwürfe der fast ausschließlich weiblichen Opfer.

Da hätte jetzt eine gute Nachricht geholfen. Zum Beispiel die von der Schaffung einer unabhängigen Anlaufstelle für Opfer sexueller Belästigung in der Film- und Fernsehbranche in Deutschland. Doch aus der offenbar für den Abend der Filmpreisverleihung geplanten Verkündung wird wohl erst mal nichts. Seit Monaten verhandeln mittlerweile fast 20 Verbände und Institutionen darüber, wie eine solche Stelle aussehen soll. Das Kulturstaatsministerium koordiniert die Gespräche, für die Gründung einer Beschwerdestelle sind ganz klassisch die Tarifpartner der Branche zuständig. Eine Deadline, die Kulturstaatsministerin Grütters dem Vernehmen nach den Verhandlungspartnern für Donnerstagmittag gesetzt hatte, um beim Filmpreis ein gemeinsames Ergebnis verkünden zu können, ist ohne Einigung verstrichen. Die vielen Beteiligten sind sich (noch) nicht einig. Außer im Willen, dass es eine übergeordnete Anlaufstelle geben soll.

Es wäre in Deutschland der erste große und konkrete Erfolg der #MeToo-Bewegung, die sich gebildet hat, nachdem zuerst Schauspielerinnen den Mut fanden, öffentlich zu machen, was ihnen widerfahren ist durch Harvey Weinstein. In Deutschland schilderten mehrere, zum Teil ehemalige Schauspielerinnen dem ZEITmagazin und der ZEIT, der deutsche Regisseur Dieter Wedel habe sie belästigt, misshandelt oder sogar vergewaltigt. Wedel bestreitet, dass die Vorwürfe gegen ihn zutreffen. Die Geschehnisse, die die Frauen schildern, liegen zum Teil Jahrzehnte zurück. Die grundsätzlichen Strukturen im Film- und Fernsehgewerbe aber bestehen bis heute.

Die Branche ist zu groß und zu klein zugleich

In aller Regel dauern Drehs nur wenige Wochen, Schauspieler und die Crew werden dafür angeheuert von Produktionsfirmen, die wiederum zum Beispiel von Fernsehsendern beauftragt wurden. Nach der letzten Klappe gehen alle ihrer Wege und sehen sich vielleicht nie wieder – oder zufällig beim nächsten oder übernächsten Dreh, den mutmaßlich eine andere Produktionsfirma für einen anderen Auftraggeber durchführt.

Die Branche ist, oft zum Nachteil der in ihr meist nur temporär Beschäftigten, einerseits zu groß und andererseits zu klein. Zu groß und projektbezogen, als dass Arbeitnehmer wie sonst in Unternehmen übliche fixe Ansprechpartner bei Konflikten hätten, Betriebsräte oder innerbetriebliche Beschwerdestellen etwa, an die sie sich wenden könnten. Die Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsstellen etwa der TV-Sender waren lange nur für deren Angestellten direkte Ansprechpartner (das ZDF zum Beispiel hat das im Januar verändert, nun können sich dort auch externe Mitarbeiter melden). Zu klein und geschwätzig aber ist die Branche insofern, als dass sich herumspräche, wenn sich etwa eine Schauspielerin über schlechtes oder gar übergriffiges Verhalten von Kollegen beschweren würde, so den stets straffen Drehplan in Gefahr brächte und fortan als "schwierig" gälte. Privat beschreiben viele Schauspielerinnen das als klassische lose-lose-Situation: Man hält im Zweifel den Mund, der Dreh geht ja auch meist schnell vorbei, man muss nur irgendwie durchhalten und danach schnellstmöglich vergessen. Und darauf hoffen, den Kollegen nicht allzu bald wiederzusehen. Eigentlich untragbare Arbeitsbedingungen.

Spät, aber nun wirklich

Doch an wen sollten sich die Betroffenen bisher wenden, wenn sie nicht zur Polizei gehen wollten oder zu Verantwortlichen für die Drehs bei Produktionsfirmen? Wenn sie sich nicht trauten, womöglich aus Scham oder auch aus Furcht vor negativen Konsequenzen für ihre Karriere? Oder wenn das Fehlverhalten für sie nicht eindeutig als arbeits- oder gar strafrechtlich relevantes zu erkennen war? Und wer hätte ihnen überhaupt zugehört?

Die Mitarbeiter einer unabhängigen, zentralen Anlaufstelle würden das tun. Eine solche für die deutsche Film- und Fernsehbranche zu schaffen, diese Idee hatte vor knapp einem halben Jahr der Bundesverband Schauspiel (BFFS), in dem rund 3.000 Schauspieler und Schauspielerinnen zur eigenen Interessenvertretung zusammengeschlossen sind. Verbände und Institutionen aus den Bereichen Film, Fernsehen und mittlerweile auch Bühne haben sich seither der Idee angeschlossen: unter anderem die Deutsche Filmakademie, die Deutsche Akademie für Fernsehen, Pro Quote Film, diverse Berufsverbände der Branche, die Produzentenallianz, die Gewerkschaft ver.di, die Fernsehsender ARD und ZDF, der Verband Privater Medien und der Deutsche Bühnenverein.

Es fällt schwer, auf eine Branchenorganisation zu kommen, die nicht dabei ist. Man hat verstanden, das ist das Signal, das offenkundig auch von den Verhandlungen ausgehen soll: spät, aber nun wirklich. Im Prinzip nämlich hätte eine solche überbetriebliche Beschwerdestelle spätestens seit der Verabschiedung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) im Jahr 2006 gegründet werden können, denn das umfasst als eine Form der Ungleichbehandlung am Arbeitsplatz sexuelle Belästigung.

Wer zahlt wie viel, wer zahlt überhaupt?

Um den Prozess nun zu beschleunigen, hat sich das Haus der Kulturstaatsministerin (BKM) früh in die Gespräche miteingeschaltet und "auf Wunsch der anderen Beteiligten zum Teil auch die Moderation von Treffen übernommen", wie es in einer schriftlichen Stellungnahme von dort auf Fragen von ZEIT ONLINE heißt. Grüters habe auch angeboten, dass der Bund "in Vorleistung geht und die Aufbauphase der ersten Monate mit zunächst 100.000 Euro alleine finanziert". Danach sei eine anteilige Förderung möglich.

Wie die Anlaufstelle durch die beteiligten Verbände und Institutionen nach der lediglich als Anschubfinanzierung gedachten Unterstützung durch den Bund weiter finanziert wird, ist nach übereinstimmenden Aussagen verschiedener an den Verhandlungen Beteiligter nun ein wesentlicher Knackpunkt.

Wer also zahlt wie viel, wer zahlt überhaupt? "Wir schielen dabei natürlich in erster Linie zur Arbeit- und Auftraggeberseite", sagt etwa der Schauspieler Heinrich Schafmeister, der Vorstandsmitglied des BFFS ist. "Sie sind schließlich verantwortlich für die Arbeitsbedingungen und verfügen auch über ganz andere finanzielle Möglichkeiten als unsere Verbände der Arbeitnehmerseite." Diese Aussage sei "vielleicht ein bisschen vorlaut für den Vertreter eines Berufsverbandes, der keine eigenen Mittel beisteuern kann", so Schafmeister. "Aber es sollte ja gerade im ureigenem Interesse der Produzenten und Sender liegen, dass Vorkommnisse, wie sie zuletzt öffentlich geworden sind und weiter öffentlich werden, eingedämmt werden."

Die Sender haben noch Gesprächsbedarf

Dass die Beschwerdestelle kommen wird, daran hat Schafmeister keine Zweifel, und darüber sei die Schauspielgewerkschaft "richtig froh". Auch Cornelia Haß, die ver.di bei den Gesprächen vertritt, betont gegenüber ZEIT ONLINE, dass die Dienstleistungsgewerkschaft jedem Verhandlungsschritt bisher zugestimmt habe. Zum gegenwärtigen Stand der Gespräche aber möchte sich Haß nicht äußern. Auch die Produzentenallianz, die Teile der Auftraggeberseite vertritt, wollte auf Anfrage derzeit öffentlich nicht Stellung nehmen, jedenfalls nicht vor einer internen Gremiensitzung in der kommenden Woche.

Gerade die Sender, so ist aus Verhandlungskreisen zu hören, hätten offenbar noch Gesprächsbedarf. Gleichwohl betont etwa das ZDF in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber ZEIT ONLINE: "Das ZDF ist grundsätzlich bereit, eine solche Stelle auch finanziell in einem angemessenen Rahmen gemeinsam mit allen betroffenen Verbänden, Produktions- und Sendeunternehmen und dem Bund zu unterstützen." Trotz eigener Maßnahmen und Anlaufstellen "haben wir uns der Einladung des BKM zu Gesprächen über die Unterstützung einer externen Anlaufstelle nicht entzogen." Denn, so das ZDF, "eine externe Anlaufstelle kann ergänzend neben eigenen Maßnahmen der Unternehmen sinnvoll sein, auch um Hemmschwellen bei der Kontaktaufnahme für Betroffene zu reduzieren."

Auch die ARD ist dieser Meinung: "Nur eine auf überbetrieblicher Ebene angelegte Beschwerdestelle kann ihre auch vom Gesetzgeber gewünschte Wirkung voll entfalten", heißt es in einer Stellungnahme gegenüber ZEIT ONLINE. "Wir nehmen Missbrauchsvorwürfe sehr ernst. Unsere Mitarbeitenden müssen vor Übergriffen und Sexismus geschützt sein, sexuelle Belästigung und Ausnutzung von Machtpositionen dulden wir nicht." Die ARD habe ihre aktive Beteiligung an den Gesprächen zur Gründung eines Trägervereins zugesagt. Beschlossen wurde, dass der MDR für die ARD dem Verein beitritt. "Darüber hinaus sind wir mit den Produzenten im Gespräch, um Regeln zum Schutz vor sexueller Belästigung und Diskriminierung auch in den allgemeinen Vertragsregelungen zu stärken."

Im Senderverbund steht derzeit vor allem der WDR unter Druck. Wie der Spiegel berichtete, haben mehrere Frauen Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen ehemalige und noch aktive Journalisten des Senders erhoben. Der WDR reagierte am Donnerstag und teilte mit, dass Monika Wulf-Mathies auf Bitte des WDR-Intendanten Tom Buhrow unabhängig prüfen werde, wie der Sender mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen ist. 

Viele bräuchten auch seelische Hilfestellung

Marc Grandmontagne, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, sieht die Schaffung einer externen Beschwerdestelle auch für die deutschen Theater und Orchester als dringlich an. Obwohl diese wie die Fernsehsender selbst über Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsbeauftragte verfügen, hat sich der Bühnenverein den Verhandlungen zuletzt angeschlossen. Im März hatte er bereits eine Arbeitsgruppe zum Thema Geschlechtergerechtigkeit eingesetzt. "Sowohl die Rückmeldungen an diese Arbeitsgruppe wie auch die Vorfälle, die in jüngster Zeit bekannt geworden sind", sagt Grandmontagne gegenüber ZEIT ONLINE, "haben uns dann aber daran zweifeln lassen, ob die vorhandenen Strukturen ausreichend funktionieren, etwa auch die innerbetrieblichen Mitbestimmungsstrukturen über Betriebs- und Personalräte." 

Die Reaktionen hätten gezeigt, dass sich Betroffene womöglich nicht an Ansprechpartner vor Ort wenden würden. "Damit war klar, dass wir eine unabhängige Beratungsmöglichkeit für Betroffene schaffen müssen", sagt Grandmontagne. Die etwa im Fall von Schauspielerinnen und Schauspielern eben mitunter zwischen Engagements an Theatern und Dreharbeiten für Film und Fernsehen hin und her wechseln. Sollten sie Opfer etwa von sexueller Belästigung werden, könnten sich Betroffene künftig an die eine zentrale Anlaufstelle wenden, egal wo genau Übergriffe geschehen sein mögen. Der Bühnenverein werde sich "im Rahmen des uns Möglichen natürlich finanziell beteiligen".

Juristische oder auch psychologische Beratung?

Die wichtigste Aufgabe der Beschwerdestelle soll seiner Ansicht nach sein, "dass sich potenziell Betroffene von einer vertrauenswürdigen Stelle anonym darüber aufklären lassen können, wie ein Fall rechtlich einzustufen ist, welche Rechte der Einzelne hat und an wen man sich wenden kann. Die genaue Ausgestaltung der Beratung wird natürlich von allen Beteiligten gemeinsam entwickelt."

Das genau ist offenbar ein weiterer Knackpunkt bei den Verhandlungen: Soll eine künftige Beschwerdestelle Betroffenen ausschließlich juristische Beratung geben oder auch beispielsweise eine psychologische Betreuung anbieten dürfen? Der Schauspielverband BFFS etwa wünsche sich eine psychologische Betreuung, sagt Heinrich Schafmeister: "Die von sexuellen Übergriffen Betroffenen brauchen nicht nur eine juristische Einordnung ihres Falls, sondern oft auch eine seelische Hilfestellung." Man werde an dieser Frage aber die Gespräche nicht scheitern lassen, betont Schafmeister.

Der BFFS plädiert außerdem dafür, dass sich die künftige Beschwerdestelle mit dem Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Film- und Fernsehbranche grundsätzlicher befasst: "Schauspielerinnen zum Beispiel sind benachteiligt in der Bezahlung und in der Besetzung." Es habe jedoch bei dem Thema "Widerstände von anderen Beteiligten gegeben", sagt Schafmeister. "Da hieß es: Ja, das ist auch eine wichtige Frage, aber die muss nicht von einer solchen Institution behandelt werden." Auf eine spätere Evaluation zielt auch das ZDF in seiner Stellungnahme ab: "Notwendigkeit und Erfolg einer solchen Stelle sollen nach angemessener Zeit evaluiert werden."

Dass Monika Grütters deren Schaffung nun zur Verleihung des Deutschen Filmpreises vermutlich nicht endgültig verkünden kann, ändert aber offenbar nichts daran, dass sie davon ausgeht, dass die Beschwerdestelle kommen wird. Und zwar sehr bald. Grütters' Haus lässt schriftlich ausrichten: "Die Stelle soll im Mai 2018 mit der Arbeit beginnen." Dann eben ohne roten Teppich davor.