Der neue Pubertätsrealismus – Seite 1

James ist 17 Jahre alt und möchte gerne einen Menschen töten. Bereits als kleiner Junge hatte er seine Hand freiwillig in heißes Fritteusenfett gesteckt – "ich wollte etwas fühlen" – und danach etliche Nachbarkatzen und Nagetiere getötet. Nun will er sich an etwas Größerem versuchen, an jemand Größerem, zum Beispiel an Alyssa. Das vorlaute und hyperaggressive Mädchen ist neu an der Schule und hasst so ziemlich alles: die Klassenkameraden, ihre kaputte Familie, die Vorstadt, das Leben generell. Dann trifft sie auf James. "Ich fühle mich wohl bei ihm", denkt sie, und James verkündet: "Ich dachte, es wäre interessant, sie zu töten."

So beginnen die ersten Minuten der britischen Channel-4-Serie The End of the F*** World, und sie sind damit nicht weniger radikal als die restlichen acht Folgen. Auch wenn sich bald herausstellt, dass James Alyssa doch irgendwie mag und das mit dem Töten erst mal aufschiebt, ist die Comicverfilmung weit entfernt von der rosaroten Teenage-Konfektionsware der letzten Jahrzehnte, bei der man dachte, dass sie niemals enden würde. Doch das hat sie.

Spiegelbild einer psychisch labiler werdenden Gesellschaft?

Die Zeiten, in denen man Upper-East-Sidern dabei zusah, wie ihre Alltagsprobleme in der Wahl zwischen Cavalli-Kleid oder doch Dior-Garderobe bestanden (Gossip Girl), sind einem neuen Genre gewichen. Die aktuellen Serien experimentieren nicht nur mit der mentalen Belastbarkeit ihrer Protagonisten, sondern auch mit der ihrer Zuschauer. In teils düsterer Stimmung und mit einem Humor, der so schwarz ist, dass man ihn fast nicht mehr erkennt. Die Charaktere befinden sich oftmals an der Grenze zur psychischen Krise, hadern mit Verrat, Depressionen, Mobbing, mit Liebe, ob erwidert oder vergeblich, kommen aus unterschiedlichen Milieus, Ländern, Religionen. Es herrscht ein neuer Pubertätsrealismus, und er ist brutal ehrlich.

Schließt man von den Serien auf die Psyche der Jugend, könnte man sich fragen, ob wir uns ernsthaft Sorgen um die Post-Millennials machen müssten. Werden wir auf Netflix tatsächlich mit dem Spiegelbild einer psychisch labiler werdenden Gesellschaft konfrontiert, gerade dort, in dem Medium, in das wir uns zur Betäubung doch hineinflüchten? Oder warum wächst das Interesse an abgründigen Innenwelten so rasant?

Es ist tatsächlich so, dass die meisten dieser neuen Noir-Serien das Internet liefert – ob frei zugänglich auf YouTube, eigenen Serienwebsites oder per Streamingdienst. Netflix hat allein in diesem Jahr schon vier ungewöhnliche Teenagerserien veröffentlicht: Neben der Channel-4-Produktion The End of the F***ing World handelt die Eigenproduktion Everything Sucks! von der lesbischen Schülerin Katie und ihrem Coming-out. 

In der Netflix-Sitcom Alexa und Katie geht es um eine auf den ersten Blick ganz normale Freundschaft zweier Mädchen, doch eine von beiden, Alexa, ist an Krebs erkrankt und kämpft um ihr Leben. On My Block, eine weitere Highschool-Serie, erzählt von der Situation Schwarzer und Latinos in Amerika. Ihr Leben ist geprägt von Bandenkriminalität. Im vergangenen August erzählte die Serie Atypical das Coming-of-Age-Drama eines Autisten. All diese Themen werden mit einer revolutionären Selbstverständlichkeit abgehandelt. Und nicht zu vergessen: Tote Mädchen lügen nicht, eine kontrovers diskutierte Serie um die Schülerin Hannah Baker, die gemobbt wird und sich im Badezimmer die Pulsadern aufschlitzt. Nach ihrem Suizid sendet sie der Nachwelt Botschaften in Form von Kassetten.

Aber auch außerhalb der Streamingdienste folgen Filmschaffende dem Trend: Neben der Vox-Teenager-Dramedy Club der roten Bänder adaptiert der digitale Jugendkanal funk, eine Kooperation zwischen ZDF und ARD, gleich zwei skandinavische Modelle: Die Serie Freaks spielt in einer Jugendpsychiatrie und thematisiert Depressionen und weitere psychische Krankheiten. Sie wurde vor einer Woche online gestellt und ist Teil der funk-Serie Borderline, die, wie der Name schon sagt, "Formate bündelt, in denen Grenzen hinterfragt und ausgetestet werden". Auch Druck, die Adaption des norwegischen Erfolgsformat Skam, folgt dem Anspruch des Sozialrealismus. Sie zeigt eine Gruppe junger Mädchen, die mit Themen wie Freundschaft, Mobbing und Homosexualität zu tun hat. Auch gesellschaftliche Debatten wie Integration und Willkommenskultur spielen eine Rolle.

Früher gab es Intrigen, Poolpartys und High-Society-Bälle

Es ist bemerkenswert, wie stark sich die Darstellung des pubertären Alltags in den letzten zehn Jahren gewandelt hat. In den Vorgängern schien es wie ein ungeschriebenes Gesetz, die Serien um möglichst realitätsferne, verwöhnte rich kids aus O.C., California, oder 90210, Los Angeles, zu spinnen. Die Welt dieser Jugendlichen war gefüllt mit Intrigen, Poolpartys und High-Society-Bällen. Dabei kämpften sie mit Problemen, von denen andere nun träumen konnten. Gossip Girl, Glee, Gilmore Girls, One Tree Hill, Pretty Little Liars (von überdrehten Formaten wie Hannah Montana oder Zoey 101 mal abgesehen) waren weit entfernt von vielen Teenagerrealitäten. Als dann 2007 die britische Drogen-Sex-Serie Skins erschien, war sie geradezu ein Exot unter den Jugenddramen. Im Nachhinein bildete sie den Auftakt.

Bei der Welle an neuen Noir-Serien stellt sich für viele die Frage, wie pädagogisch sinnvoll die Fokussierung auf solch harte Themen ist. Nach Ausstrahlung der Suizidserie Tote Mädchen lügen nicht häuften sich die Bedenken, die Serie verherrliche den Verzweiflungsakt: Schulen und Psychologen protestierten, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte forderte gar ein Verbot. Die zweite Staffel ist nun abgedreht, der amerikanische Parents Television Council möchte jedoch die Veröffentlichung verhindern.

Natürlich kann eine Serie über ernste Probleme als eine Art Trigger negative Gedankenkarusselle schneller drehen lassen. Nach gleicher Logik führen jedoch auch die hoch idealisierten Vorreiter zu ständigem Vergleichen, zu Neid und Unzufriedenheit über das eigene, nicht ganz so coole Leben.

Guck mal, wir sind noch viel kaputter

Der neue Pubertätsrealismus ist doch vielmehr beides: belastend, in seiner kühlen, teils nihilistischen Auslegung. Gleichzeitig aber auch entlastend, durch die vielen Möglichkeiten, sich zu identifizieren, und das Gefühl, verstanden zu werden, nicht allein zu sein. Die Serien wirken da wie ein wie Appell der Form: "Es ist okay, anders zu sein. Guck mal, wir sind noch viel kaputter!" In einer Gesellschaft, in der einstige Tabuthemen salonfähig geworden sind und in der man auf die Frage "Wie geht's?" bedenkenlos mit seiner Therapiediagnose antworten kann, scheint ein serielles Abbild dieser Realität nur angemessen. Die logische Konsequenz sind aufgeklärte Jugendserien, die intellektuell fordern, anstatt zu verklären.

Bei der Masse des Serienangebots muss man außerdem irgendwie herausstechen, um wahrgenommen zu werden. Druck etwa setzt auf ein neues serielles Erzählen außerhalb des üblichen linearen Formats. Neben den eigentlichen Videoclips werden auch fiktive Chatverläufe und Bilder per Instagram, eigener Website und YouTube veröffentlicht, alles in kleinen Häppchen, leicht konsumierbar, die Perfektion des Binge-Watching.

Netflix will offensichtlich auch künftig  die ganz junge Zielgruppe an sich binden. Allein drei der gerade verkündeten europäischen Eigenproduktionen sprechen Teenager an, in Deutschland ist es die Adaption des Klassikers Die Welle. Doch womöglich erreichen die schweren Jugendthemen auch eine ganz andere Zielgruppe. The End of the F***ing World etwa spricht mit seinen genialen Dialogen und der Wes-Anderson-artigen Regie wohl eher Erwachsene an als Teenies. Viele Menschen sind mittlerweile gesättigt von Seifenopern und Highschoolkitsch. Sie wollen Abgründe sehen. Und wenn diese sie in Teeniedramen vorkommen, dann schauen auch Erwachsene Teeniedramen an.