Democracy dies in Darkness lautet der Slogan der Washington Post unter ihrem Besitzer Jeff Besos, aus dem sich der Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis (RBB-Redaktion: Daria Moheb Zandi) seinen Titel gemacht hat. Der Satz lässt sich, politisch schwer verortbar, in zwei Richtungen lesen: als Warnung und als angstlustvolle Prognose. "Was passt da noch zusammen", fragt der Regisseur Matthias Glasner in einer Art "Mission Statement" zu seinem Film.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Und solche Vagheit ist für Glasners brandenburgisch-polnischen Polizeiruf (Buch: Glasner mit Mario Salazar) durchaus programmatisch. Der Film tritt eine Reise an die Ränder einer unübersichtlichen Gesellschaft an: Bei Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) ist eingebrochen worden, und weil sie, darin ist dieser ARD-Sonntagabendkrimi einmal konsequent, als Betroffen-Befangene nicht nach den Tätern suchen darf, gibt sie die ganz schön groß gewordene Tochter zur Mutter (Natalia Bobyleva) und zieht sich zurück auf den Selbstversorger-Hof des Preppers Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel).

Die Einbrecher werden vom Kollegen Raczek (Lucas Gregorowicz) schnell gefasst, auf die ermittlungsstiftende Leiche muss dagegen bis zur Hälfte des Films gewartet werden: Es handelt sich um Valeska Kohlmorgen (hat kaum Auftritte: Patrycia Ziolkowska), Ex-Frau des Herbergsvaters Kohlmorgen, der die Fische noch (der Film würde wohl sagen: schon) mit eigenen Händen fängt.

Aber mit dem Krimi hat es Demokratie stirbt in Finsternis eh nicht so. Glasner benutzt die Form, um einen Endzeit-Schocker zu erzählen, in dem nicht die Vernunft im Gelben Trikot des Gesamtführenden fährt, sondern merkwürdig verklumpte Gefühle am Steuer sitzen. Konsumismus-Abkehr wird mit Lebenssinn-Fragen garniert, Vorbereitungen auf den Zusammenbruch (Kohlmorgen hat in seinem Haus einen schicken Notfallbunker eingerichtet) mit Chaos-Herbeiwünschung von desorientierten Jugendlichen kurzgeschlossen, und eine politisch offene Hackergruppe programmiert den Stromausfall für ganz Deutschland.

Warum der so nahe an der polnischen Grenze für so viel Verwirrung sorgt, ist eine der ungeklärten Fragen des Films – hier hätte der RBB-Polizeiruf seinen sogenannten Standortvorteil doch ausspielen können wie einen Hilfstrumpf im Grand, wenn alle Buben durch sind.

Gesellschaftliche Analyse will dieser Film nicht sein. Vielmehr: eine lüstern-spekulative Abbildung von allein gefühlsbasierten politischen Handlungen. Das zeigt sich, wenn die desorientierten Jugendlichen den Zusammenbruch der Infrastruktur zum Anlass nehmen, mit den elterlichen Jagdgewehren sinnlos in der Gegend rumzuballern.

Weltuntergangstrostlosigkeit und Innerlichkeitspessimismus

Dass der Polizeiruf seinen eigenen Erfindungen kaum etwas entgegenhalten kann, lässt sich auf inszenatorischer Ebene erkennen: Wie Jürgen Vogel seine angeschossene Tochter in den Bunker trägt (der Sohn, Raczek und Lenski sind mit von der Partie), ist von der Grobklotzigkeit eines Studentenfilms nicht weit entfernt.

Und dem Primat der hochgepitchten Empfindungen entsprechend, verlagert sich auch die Schuldfrage für den Tod der Kohlmorgen-Gattin ins Mittelreich zwischen Erschöpfung und Erlösung. "Tötung auf Verlangen", urteilt Raczek nüchtern, während Olga Lenski, ganz eingenommen von der tristen Stimmung korrigiert: "Sie war einfach zu sensibel für diese verrückte Welt."

Da wünschte man sich den Videobeweis aus der Bundesliga, um die Szene noch mal "Paroli laufen zu lassen" (der große Horst Hrubesch), denn es spricht auch einiges dafür, dass Frau Kohlmorgen einfach zu verrückt für diese sensible Welt gewesen sein könnte.

Der Systemausfall fällt eher klein aus

Interessant ist, was in der Weltuntergangstrostlosigkeit und dem Innerlichkeitspessismus nebenher passiert. So wird der ungewöhnlich unterwürfigen Olga Lenski vom Film eine Liebesgeschichte mit Kohlmorgen angedichtet, die bei Lichte besehen nur plausibel erscheint, wenn man filmlogisch argumentiert: Dass der Hauptdarsteller des Boys, der das von der Hauptdarstellerin gespielte Girl trifft, das eben auch bekommt.

Und ein bisschen putzig ist es überdies, wenn sich ein Polizeiruf mit seinen dann doch begrenzten Mitteln an einem Systemausfall versucht. Der Zusammenbruch geht hier jedenfalls ziemlich fix (was die Mühselig-Beladenen unter den Zuschauer vermutlich als Bestätigung all ihrer Paranoia nehmen werden).

Gleichzeitig bleiben Lenski und Raczek in ihrem Arbeitsethos davon völlig unbeeindruckt, was die eigentliche Pointe dieses ARD-Sonntagabendkrimis ist – und die beruhigende Nachricht an alle Zuschauerinnen, die während des Schauens überlegen, ob sie nach dem Feiertag im Baumarkt nicht doch mal nach einem Bunker fragen sollten: Wenn zwei Polizeiruf-Kommissare angesichts von flächendeckendem Stromausfall nichts Besseres zu tun haben, als im Mordfall Valeska Kohlmorgen weiter zu ermitteln, kann es so arg noch nicht sein mit der Welt.