Doch hätte so eine Supermediathek überhaupt eine Chance gegen die etablierten Plattformen mit ihren unfassbar schnellen Ladezeiten, den ausgeklügelten Vorschlagsmechanismen und vor allem ihren gigantischen Nutzerzahlen? Mit den Entwicklungen im Silicon Valley mitzuhalten, hätten "alle miteinander in Deutschland verschlafen – Private wie Öffentlich-Rechtliche", sagt der Deutschlandradio-Intendant Raue offen. "Um da einigermaßen Paroli bieten zu können, ist jetzt eine enorme Kraftanstrengung notwendig. Ich denke trotzdem, dass es sich lohnen würde."

Wilhelm spricht davon, dass "von der Informatik und der mathematischen Seite her sehr, sehr viel Denkarbeit zu leisten" wäre – etwa für eigene Algorithmen. Außerdem bräuchte es einen "beachtlichen Aufwand des Gesetzgebers", denn: Als Öffentlich-Rechtliche zusammen mit TV-Produzenten vor einigen Jahren schon mal unter dem Namen Germany’s Gold eine Best-of-Mediathek starten wollten, störten sich die Kartellwächter an dem präsentierten Modell. Eine noch größere Plattform hätte es gewiss noch schwerer. Eine Gesetzesänderung könnte helfen.

Zurückhaltung bei den Privatsendern

Eine Supermediathek bräuchte aber vor allem auch eines: Inhalte. Während die Öffentlich-Rechtlichen am liebsten schon gestern losgelegt hätten, haben die privaten Medienmacher noch nicht eingeklatscht. Der Vorsitzende des Axel-Springer-Verlags (Bild, Welt), Mathias Döpfner, bezeichnete den ARD-Vorschlag auf der jüngsten Jahrespressekonferenz seines Konzerns als interessant, ihm wohne "eine absolut richtige Idee" inne, daher wolle er ihn prüfen. Döpfner, der auch Präsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV ist, sagte aber auch: "Natürlich muss man immer sehr darauf achten, dass ein Kooperationsangebot keine Umarmung wird, die das Gegenüber erdrückt."

Noch zurückhaltender sind die deutschen Privatsender. Hans Demmel, der Geschäftsführer des RTL-Nachrichtensenders n-tv und Vorsitzende des Privatsenderverbandes VPRT, beteuerte, er wolle mit "Denkverboten, in welche Richtung auch immer, vorsichtig" sein. Allein: "Unser Eindruck ist eher, dass es bei diesem ARD-Angebot darum geht, die Kritik der Verleger an tagesschau.de und den Informationswebseiten ein bisschen zu befriedigen." Außerdem seien die Hürden auf dem Weg zu einer Supermediathek doch "so unglaublich hoch".

Vom "großen Wurf" noch weit entfernt

In der Debatte ist unterdessen nicht nur von einer reinen Medienplattform die Rede, manche sprechen schon von einem "ARD-Facebook". Für den Deutschlandradio-Intendanten Raue müsste eine Supermediathek jedenfalls einen Mehrwert für Nutzer bieten, "damit sie auch Spaß daran haben – sonst wird Facebook immer attraktiver sein". Dass sich Nutzer von Facebook verabschieden, um sich ausschließlich auf einer neuen Plattform aus Deutschland oder vielleicht auch Europa zu vernetzen, dürfte indes kaum klappen. Schon das seinerzeit sehr beliebte studiVZ ging ein, weil seine Nutzer sich auch mit ihren Bekannten aus aller Welt vernetzen wollten.

Und dann müsste für eine Supermediathek – ob nun mit oder ohne ausgereifte Social-Funktion – sicher mehr passieren als für die bisherigen Mediatheken. Die wirken oft erstaunlich unausgereift, mithin regelrecht nutzerunfreundlich mit dürftigen oder sogar gar keinen Filter- und Vorschlagsystemen aus der Zeit der Nullerjahre. Wie sollte da ein "großer Wurf" aus den etablierten Häusern funktionieren?

Der Netzaktivist Markus Beckedahl, der mit Brinkbäumer im Presseclub über die Grenzen für Facebook diskutierte, ist deshalb auch dagegen, "dass ARD und ZDF anfangen, eine Alternative aufzubauen". Er wünscht sich etwas anderes. "Aus der Haushaltsabgabe könnten wir einfach mal zehn Prozent abziehen und in einen Fonds für nichtkommerzielle Netzinnovationen stecken", sagte Beckedahl. "Damit könnten wir vielleicht das Facebook von morgen bauen, wo wir dann alle hingehen können, weil es datenschutzfreundlich, offen und sicher ist."