Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und vertikalen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne "Hildegard von Binge" besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"The Rain"

The Walking Dead in Dänemark? Man denkt unweigerlich an diese Serie, wenn man das Setting der Netflix-Produktion The Rain liest. Ein tödlicher Regen verwandelt Skandinavien in ein Leichenhaus, nur wenige überleben, wie das Geschwisterpaar Simone und Rasmus (Alba August und  Lucas Lynggaard Tønnesen). Nach sechs Jahren, die sie in einem Bunker verbracht haben, treten sie hinaus in eine Welt, in der kein einziges Gesetz mehr gilt, das sie kannten. Nächstenliebe und Mitleid sind tödlich geworden, wenn jeder Mensch ein potenziell Infizierter sein könnte. Oder ein Überlebender auf der Jagd nach Essen. Die Autoren der achtteiligen Serie, darunter Jannik Tai Mosholt (Borgen, Follow the Money) brauchen keine Zombies für ihren postapokalyptischen Alptraum, die ausgehungerten Menschen, die durch die ausgestorbenen Straßen Kopenhagens ziehen, sind Monster genug.

Wie überlebt man, wenn jeder Tag den Tod bringen kann? Die stärksten Momente von The Rain zeigen, mit welchen Strategien die jungen Männer und Frauen kämpfen, wie sie genau abwägen, wann Vertrauen lebensrettend ist und wann tödlich. Aber auch, wie sie – ähnlich den Kindern, die in Nachkriegsgesellschaften aufgewachsen sind – ihre zerstörte Umgebung als Abenteuerspielplatz nutzen. Eine der eindrücklichsten Szenen spielt in einem verlassenen Burger-King-Restaurant in Kopenhagen, in dem die Gruppe ihre Astronautennahrung verzehrt und sich vorstellt, es seien Burger und Pommes.

The Rain bedient gleich zwei Genres, die für Netflix momentan extrem wichtig sind: Near-Future-Szenarien (wie auch schon bei Dark) und Coming-of-Age-Geschichten. Es wird genau analysiert, wie eine Generation von jungen Leuten, die zum Teil gar keine Schulbildung mehr erhalten haben und früh von ihren Familien getrennt wurden, nun versuchen müssen, ihre eigene Persönlichkeit zu finden. Und gleichzeitig immer mit der Frage konfrontiert sind: Lohnt es sich in dieser Welt überhaupt zu überleben?
(Carolin Ströbele)

"The Rain" läuft auf Netflix.

"Patrick Melrose"

Als wir dem titelgebenden Helden begegnen, geht er angeschlagen ans Telefon in London. Der Anruf kommt von einem Familienfreund in New York, der Patrick Melrose (Benedict Cumberbatch) über die "traurige Nachricht" informiert, dass sein Vater (Hugo Weaving) gestorben ist. Es muss ein schrecklicher Schock für ihn sein, so der Bekannte. Patrick beugt sich hinunter und es macht kurz den Anschein, als würde er vor Schmerz zusammenkauern, stattdessen hebt er eine Heroinspritze vom Boden auf. Schließlich antwortet er lakonisch: "So etwas in der Art." Dann legt er den Hörer auf, sinkt in einen Stuhl, grinst und lässt das Heroin wirken. Sein Vater war ein Mistkerl. 

Hier öffnen sich ein paar Sekunden im Leben eines Mannes, der zutiefst verletzt wurde. Der britische Schauspieler Benedict Cumberbatch ist für beherrschte Rollen wie Sherlock Holmes, Julian Assange oder Alan Turing bekannt. Als wohlstandsverwahrloster Sohn einer Adelsfamilie, der von seinem Vater misshandelt wurde, tobt er sich nun herrlich aus. Es ist immer noch der klassische Cumberbatch mit seiner schelmischen Art, aber zum Teufel mit der Contenance. Er badet in Whiskey, schnauft Koks und denkt über einen Sturz aus dem Hotelzimmer nach – wenn das dumme Fenster bloß aufgehen würde. 

Die ersten beiden Folgen sind brutal komisch – und tragisch. Die Drehbücher von David Nicholls unter der kunstfertigen Regie des Deutschen Edward Berger basieren auf fünf possierlichen und pechschwarzen lose autobiographischen Romanen von Edward St. Aubyn. Jede Episode deckt einen der Romane ab und ist letztlich die Suche nach so etwas wie Seelenheil.
(Marietta Steinhart)

Die fünf Episoden von "Patrick Melrose" laufen ab 29. Mai um 20.15 Uhr auf Sky 1 und sind auf Sky Ticket, Sky On Demand und Sky Go abrufbar.