Hirokazu Kore-eda ist ein Meister der stillen Eskalation. Diesmal hat der japanische Filmemacher in Cannes die Geschichte einer Familie erzählt, die beklemmender kaum sein könnte. Oberflächlich betrachtet scheint zunächst alles recht gewöhnlich: eine Großmutter, ihre beiden erwachsenen Töchter sowie der Mann der einen und der kleine Sohn des Paars leben unter einem Dach auf engstem Raum zusammen. Sie kabbeln sich, sie essen, sie lachen zusammen. Nur das Geld ist sehr knapp, die Familie kommt gemeinsam gerade so über die Runden. Die Oma bezieht eine kleine Rente. Der Vater hat einen Job auf dem Bau, die Mutter in einer Reinigung. Deren Schwester arbeitet in einer Animierbar.

Rasch spürt man allerdings, dass in dieser Familie etwas nicht stimmt. Nicht nur, dass der Zwölfjährige regelmäßig aus dem Supermarkt etwas dazuklaut und alle das als selbstverständlichen Bestandteil des Familieneinkommens betrachten. Nein, bald schon nehmen Vater und Sohn buchstäblich en passant ein vierjähriges Mädchen mit, dass spätabends alleine in der Kälte sitzt, und sie beschließen, es zu behalten, vordergründig weil die Kleine zuhause misshandelt wird. Was diese Menschen indes tatsächlich aneinanderbindet, enthüllt Kore-eda in Shoplifters (Une Affaire de Famille) erst ganz allmählich. Für die präzise Kunst, wie er das Drama dieser Familie über zwei Stunden entfaltet, erhielt er am Samstagabend in Cannes sehr verdient die Goldene Palme.

Filmfestival von Cannes - Goldene Palme für japanisches Familiendrama »Shoplifters« vomjapanischen Regisseur Hirokazu Kore-eda hat in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Der Film erzählt vom Leben am Rande der Gesellschaft. © Foto: Regis Duvignau/Reuters

Jean-Luc Godard bekommt eine Palme in extragold

Nach der Preisverleihung betonte die australische Schauspielerin und diesjährige Juryvorsitzende Cate Blanchett allerdings, wie "bloody hard" der Job gewesen sei, diese Goldene Palme und die sieben weiteren Preise unter den 21 Filmen des Wettbewerbs zu verteilen. Beinahe könnte man ihr die Koketterie abnehmen, denn der 71. Festivaljahrgang war ein guter. Etliche Filme hatten eindrückliche Darsteller (ausgezeichnet wurden am Ende Samal Yesyamova in dem russischen Frauenporträt Ayka und Marcello Fonte in dem italienischen Film Dogman) oder eine besonderes gelungene Regie (diese Auszeichnung ging an Cold War, einen polnischen Film über eine große Liebe, die der Kalte Krieg unmöglich macht).

Klar heraus stach jedoch nur ein weiterer Film: Le livre d'Image von Jean-Luc Godard. Der 87-jährige Altmeister des französischen Kinos hat mit seiner halluzinogenen Collage über die großen Fragen der Welt einmal mehr gezeigt, was Film kann, wenn man die Möglichkeiten des Mediums ernst nimmt, hinterfragt und ausreizt. Sein Livre d'Image ist Inspiration im Grenzbereich zur Kunst. Dafür erkämpfte sich Blanchett von der Festivalleitung die Erlaubnis, an Godard eine Art Extragoldene Palme, eine "Palme d'Or spéciale" verleihen zu dürfen. In der 71-jährigen Geschichte des Filmfestivals hat es das noch nie gegeben.

Geteilte Preise sind keine halben

Und gleich noch eine Ausnahme vom Protokoll erlaubte sich Blanchett: Sie teilte die Palme für das beste Drehbuch unter zwei Preisträgern auf. So erhielten sowohl die italienische Filmemacherin Alice Rohrwacher für ihr magisch-realistisches Sozialdrama Lazzaro Felice eine Auszeichnung als auch der iranische Drehbuchautor Nader Saeivar für den Film 3 Faces des Regisseurs Jafar Panahi. Darin macht sich ein Filmemacher – Panahi selbst, wie stets seit ihm in seiner Heimat Iran das Filmemachen offiziell verboten ist – gemeinsam mit einer Schauspielerin in ein abgelegenes nordiranisches Dorf auf, um dort nach einer jungen Frau zu fahnden. Diese hatte den beiden per Handy ein Video zukommen lassen, auf dem ihr Suizid zu sehen ist.

Doch wie bereits in seinem Film Taxi Teheran behandelt Panahi das tragische Sujet von Beginn an mit großer Leichtigkeit und Humor. Er ist sowohl als Figur als auch mit seiner Regie eher ein Beobachter der Ereignisse, die sich im Dorf so ergeben, als ein investigativer Akteur. Er begegnet einem verunglückten Zuchtbullen, lernt die selbsterfundenen Verkehrsregeln des Dorfes kennen und wie man sie sinnvollerweise bricht und schaut seiner Begleiterin beim handgreiflichen Streit mit der Vermissten zu. Die Episoden scheinen so dahinzuplätschern, ergeben am Ende zweier langer Tage aber treffsicher das Porträt einer unbeugsamen, dickköpfigen und erfindungsreichen Gemeinschaft.

Sie hätten nach Filmen gesucht, die ein sehr spezifisches Problem behandeln, gleichzeitig dieses spezifische Problem aber transzendieren und für ein größeres Publikum erfahrbar machen, beschreibt Blanchett die Arbeit ihrer Jury. Panahi gelingt genau das. Für die Zeit, in der man Panahi und seinem Film folgt, ist man niemandem näher als genau diesen Menschen in einem Dorf im Nordiran.