Die Arabisierten – Seite 1

Naors schwarze Haare glänzen, den obersten Hemdknopf trägt er offen. Zwar kennt er auf der palästinensischen Hochzeitsfeier niemanden, aber das scheint ihn nicht zu stören: Charmant begrüßt er die Mutter des Bräutigams, tanzt ausgelassen mit den Männern und reckt sein Smartphone in die Höhe, um zu filmen – bis jemand "Fauda" ruft. Auf Arabisch heißt "Fauda" Chaos; im israelischen Geheimdienst dient das Wort als Warnruf, wenn eine Tarnung auffliegt. In diesem Fall die von Naor, der in Wahrheit ein israelischer Agent ist und der die Hochzeitsfeier in eine Trauergesellschaft verwandeln wird.

Fauda heißt auch die israelische Geheimdienstserie, die gerade für viel Aufsehen sorgt und von der New York Times zu einer der besten Fernsehserien 2017 gewählt wurde. Auf Netflix, wo gerade die zweite Staffel angelaufen ist, wird Fauda als das neue Homeland beworben. In Israel ist die Serie ein großer Erfolg, allerdings gibt es – vor allem von palästinensischer Seite – auch heftige Kritik an ihr. Unter anderem wird den Machern vorgeworfen, Kriegsverbrechen zu glorifizieren.

Die Geschichte von Avi Issacharoff und Lior Raz kreist um eine Eliteeinheit des israelischen Militärs, deren Agenten als Palästinenser getarnt im Westjordanland unterwegs sind – um Informationen zu beschaffen, Menschen zu entführen oder zu töten. Ein heikles Thema. Aber in Israel entstehen daraus ja oft die besten Serien. Hatufim etwa, die Geschichte israelischer Soldaten, die im Libanon gefangen genommen wurden und Jahre später in ihre Heimat zurückkehren, diente als Vorlage für die US-Serie Homeland. Fauda hat tatsächlich das Potenzial, eine würdige Nachfolgerin zu werden. Die Serie ist ein packender, manchmal sogar grandioser Thriller. Was aber nicht heißt, dass die Kritik nicht berechtigt ist.

Die Geschichte ist fiktiv. Aber sie wirkt glaubwürdig, weil die Macher wissen, wovon sie sprechen. Issacharoff ist einer der profiliertesten israelischen Journalisten, die über die palästinensischen Gebiete berichten. Und Lior Raz war als junger Mann Soldat in einer Spezialeinheit, wie die Hauptfigur, die er spielt. Dieser Doron Kavillio – ein bulliger Typ mit vernarbter Stirn und stechendem Blick – ist aus der Einheit ausgestiegen, um sich endlich um seine Familie zu kümmern und Wein anzubauen. Bis er erfährt, dass der Terrorist, den er glaubt, erschossen zu haben, noch lebt. Er beschließt, für eine letzte Mission zurückzukehren – und überschreitet dabei einige Grenzen.

Fauda hat alles, was eine gute Agentenserie braucht: einen unberechenbaren Protagonisten, der nicht nur gegen die Welt, sondern auch mit sich selbst kämpft. Kontrahenten, die mehr gemeinsam haben, als ihnen lieb ist und nicht immer zwischen professionellem Auftrag und privaten Rachegefühlen unterscheiden können. Und ein starkes Skript, das auf Erklärungen verzichtet. Das ist ziemlich mutig, gerade für den internationalen Markt. An keiner Stelle wird der Zuschauer belehrt. Dass der palästinensische Terrorist der Hamas angehört, erfährt man recht spät, es ist stets nur von "der Bewegung" die Rede. In der zweiten Staffel tauchen noch Beduinen in der Negevwüste auf, eine weitere Partei in diesem komplizierten Konflikt.

Viele israelische Fernsehsender hatten Fauda anfangs abgelehnt. Eine Serie, in der meist Arabisch gesprochen wird, wollte man den Zuschauern nicht zumuten. Das wundert nicht in Zeiten, in denen eine Kulturministerin, die Generalin war und laut eigener Aussage Verteidigungsministerin werden möchte, vorschlägt, "illoyaler" Kunst die Förderung zu entziehen.

Der kleine Satellitensender Yes Oh produzierte die Serie schließlich und strahlt sie seit 2015 in Israel aus, Netflix übernahm 2016 den weltweiten Vertrieb. Den wackeligen Kamerabildern sieht man das kleine Budget vor allem in der ersten Staffel noch an. In Sachen Storytelling aber kann Fauda es locker mit Hollywood aufnehmen. Es gibt gute, glaubhafte Dialoge, einen gekonnten Spannungsaufbau und Charaktere, die auf die ein oder andere Art deformiert sind.

Das widersprüchliche Leben der "Arabisierten"

Die Einsamkeit des Geheimagenten: Doron Kavillio (Lior Raz) mit seinen Kindern © Courtesy of Netflix

Die Welt dieser "Arabisierten", der Mista'aravim, wie diese Spezialeinheit auf Hebräisch heißen, ist faszinierend, weil sie so widersprüchlich ist. Da witzeln die Männer auf Arabisch miteinander, trinken süßen Tee und spielen auf Darbuka-Trommeln. Andererseits benutzen sie genau diese Liebe zur arabischen Kultur um Araber auszuspionieren, zu erpressen oder zu töten.

Auch an Kavillio geht dieses Leben nicht spurlos vorbei: Worüber soll man schon beim Abendessen mit den Kindern reden, wenn man tagsüber Informanten gefoltert hat? Die Kampfeinsätze – Anspannung, Angst, Schuldgefühle – bleiben unverarbeitet. Sehr nachvollziehbar wird hier gezeigt, wie sich die Traumata einer Gesellschaft in der Psyche derjenigen ablagern, die an der Frontlinie stehen.

Allerdings: Fauda wird – trotz aller anderweitigen Beteuerungen der Produzenten – aus rein israelischer Perspektive erzählt. Issacharoff und Raz betonen zwar bei jeder Gelegenheit, dass auch Palästinenser die Show lieben würden. Liest man arabische Medien, ergibt sich aber ein anderes Bild. In der Zeitung Al Quds al arabi etwa beklagt der jordanische Schriftsteller Ibrahim Nasrallah, die israelischen Charaktere erschienen großartig, die palästinensischen würden dagegen lächerlich gemacht. Tatsächlich hat der Gegenspieler von Doron Kavillio, der Terrorist Abu Ahmad, eine etwas infantile Vorliebe für Schokoriegel, die er in Stresssituationen zügellos verschlingt. Und wenn sich die israelischen Agenten als Palästinenser verkleiden, ziehen sie billige Kleider an und schmieren sich Gel ins Haar. Nur eine junge palästinensische Ärztin gibt ein besseres Bild ab.

"Manche Leute beuten Land aus, andere eine Geschichte"

Noch härter geht Sayed Kashua, der wohl beliebteste arabischstämmige Schriftsteller Israels, in der Zeitung Haaretz mit Fauda ins Gericht. Die Serie zeige nichts von dem, was die Realität im Westjordanland ausmache, beklagt er – keine Besatzung, keine Checkpoints, keine Siedler oder gewalttätigen Soldaten – und wird dann grundsätzlich: "Die Arroganz und die Besitznahme der palästinensischen Geschichte sind die natürliche Konsequenz der militärischen Herrschaft über palästinensische Leben. Wie Soldaten respektieren auch viele israelische Künstler die Grenzen nicht. Manche Leute beuten Land aus, andere eine Geschichte."

Da mag er recht haben. Und in Zeiten, in denen weltweit über kulturelle Aneignung gestritten wird, kann auch eine fiktionale Serie nicht unschuldig bleiben. Im Fall von Fauda kann man allerdings entgegenhalten, dass es eben auch eine israelische Geschichte ist. Und die wird hier eindrücklich erzählt.

Beide Staffeln von "Fauda" sind auf Netflix abrufbar.