Die Filmfestspiele von Cannes gibt es seit 1946. Sie sind also viel jünger, als man am Dienstagabend zunächst hätte denken können, während sie ihre 71. Eröffnung feierten. Da sang der Schauspieler und diesjährige Zeremonienmeister Edouard Baer gleich zu Beginn eine an mittelalterliche Troubadour-Lyrik erinnernde Ballade darüber, wie schön und aufregend es sei, einen Film zu machen: ihn zu träumen, zu drehen und schließlich – als Apotheose der Filmschaffenden – ihn auf dem Festival de Cannes zu zeigen. Charmant und elegant war das, aber auch umweht von einer bestimmten kulturellen Arroganz. Das Festival zelebriert Film als Kunst, und die Filmkunst gehört in Frankreich mit viel größerer Selbstverständlichkeit zum nationalen Kulturgut als anderswo. Das könnte man schnöde an den Zahlen der Kinogänger ablesen (mehr als 200 Millionen vergangenes Jahr dort, etwa 120 Millionen in Deutschland). Oder daran, dass das Festival dieses Jahr fünf Filme von französischen Regisseurinnen und Regisseuren im internationalen Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrieren lässt. Bei insgesamt 20 Filmen. In Cannes fühlt sich Frankreich als Weltmacht.

Vor wenigen Jahren hätte eine solche Haltung manchem Franzosen noch als überkommen gegolten, als rückständig konservativ. Ausgedient wie irgendwann ein Jacques Chirac. Der hatte, so weit ließe sich der Bogen aus aktuellem Anlass spannen, 1995 wieder testweise französische Atombomben zünden lassen und noch 2006 mit dem Einsatz "nicht konventioneller", also nuklearer Waffen gedroht, als der Streit um das Atomprogramm des Iran zu eskalieren drohte. Chirac erntete heftige Kritik. Der Streit wurde in zähen diplomatischen Verhandlungen eingehegt. 2010 wurde Frankreich wieder Vollmitglied der Nato, also ein Staat unter vielen anderen europäischen und nordamerikanischen. Ach, nationales Denken schien so was von passé zu sein. Doch jetzt muss sich der regierende Staatspräsident wieder höchstpersönlich um zerbröselnde internationale Abkommen kümmern. Da passt es zur Stimmung, dass Macron eine Vorliebe für französische Schriftsteller und Künstler demonstriert, die eher zum konservativen nationalen Kanon zählen als zur Avantgarde.

Nur noch Filme, die in französischen Kinos laufen

Unterdessen singt auf der Bühne in Cannes Juliette Armanet ein Lied aus dem Film The Thomas Crown Affair aus dem Jahr 1968, das für den Anlass aus dem Amerikanischen ins Französische übersetzt wurde. Es ist eine ebenso gestrige wie zutiefst melancholische Weise, die die trüben Gedanken noch eine Nuance dunkler schattiert. Ist man hier wirklich an einem Ort, an dem die Zukunft des Films gefeiert wird? Produktionen von neuen Playern auf dem Filmmarkt wie Netflix oder Amazon Studios wurden mit einem Boykott belegt. Wenn sie nicht in französischen Kinos starten, werden sie nicht mehr in den Wettbewerb eingeladen. Dabei kann es nicht um künstlerische Bedenken gehen, denn auch solche Filme können qualitativ großes Kino sein. Ausschlaggebend sind die ökonomischen Interessen französischer Verleiher und Kinobetreiber. Wie widersinnig diese Einschränkung ist, wurde deutlich, als der Festivalleiter Thierry Frémaux Martin Scorsese auf die Bühne bat. Der wird in diesem Jahr in Cannes für seine Verdienste um den Film mit der Carrosse d’Or, einem Preis für das Gesamtwerk ausgezeichnet. Doch auch er finanziert seinen neuen Film The Irishman mithilfe von Netflix. Mit welcher Begründung, flüstern die dunklen Gedanken, wird man den dann in Cannes nicht sehen können?

Was es am ersten Abend der 71. Filmfestspiele zu sehen gab, war die Premiere des Films Everybody Knows des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi. Es ist die dramatische Geschichte um eine Familie in der spanischen Provinz. Laura kehrt mit ihren zwei Kindern aus Argentinien in das Heimatdorf zurück, weil eine ihrer drei Schwestern heiratet. In der Hochzeitsnacht verschwindet dann ein Kind, ein Vorfall, der ganz langsam, aber mit der Präzision und Unerbittlichkeit wie die der alten Kirchturmuhr des Dorfes die Großfamilie implodieren lässt. Es geht um alte und neue Lieben, um Besitzansprüche, um Untreue und Loyalität.

Farhadi versucht auch diesmal wieder, wie schon in Le passé (2013), die Lügen und Geheimnisse einer Familie als Kräfte zu identifizieren, die sie auf den Abgrund zusteuern lässt. Das Faszinierende an Fahrhadis Filmen ist dabei, dass er keine schnellen Schnitte oder geraffte Handlungen braucht, um Spannung aufzubauen. Er inszeniert seine Darsteller (in den Hauptrollen Penélope Cruz und Javier Bardem) einfach nur so präzise wie ein Choreograf seine Tänzer im Raum, zwischen Türen und Fluren, auf Treppen und an Tischen. Farhadis Filme zu sehen ist, wie ein großes Puzzle zu lösen: Jedes Detail hat seinen exakten Platz und rastet perfekt in alles Umliegende ein. Dann erkennt man am Ende: Familie ist einfach nur die kleinste Einheit, in der sich die ganze Welt spiegelt.

Everybody Knows ist ein ungewöhnlich dramatischer Auftakt für ein Filmfestival. Aber wenn man nach dem Abspann in die laue Mainacht hinaustritt, spürt man die Lust, die solche Filme auf das weitere Programm machen. "Weltklasse" werde es dieses Jahr wieder werden, hat es geheißen. Ach, Cannes, deine Arroganz ist tatsächlich unwiderstehlich.