In 71 Festivaljahren sind 82 Frauen als Regisseurinnen in Cannes über den Teppich geschritten. In derselben Zeit waren es 1.688 männliche Regisseure. 71 von ihnen haben den Hauptpreis, die Goldene Palme, erhalten. Zu viele, um sie hier alle namentlich zu nennen. Für die Goldenen Palmen an Regisseurinnen reichen Platz und Aufmerksamkeit locker aus: Jane Campion erhielt 1993 eine für Das Piano. Die Zahlen belegen die Existenz eines großen Unterschieds: Männer gewinnen mehr Preise als Frauen. Sie machen auch mehr Filme. Aber warum ist das so?

Weil Frauen weniger gute Filme machen? Das ist eine Unterstellung, die in Cannes wieder einmal zu hören war. Als Beispiel diente die Premiere des Films Les Filles du Soleil der Französin Eva Husson im internationalen Wettbewerb. Es geht darin um eine Kampfeinheit jesidischer Frauen in Nordirak. Sie kämpfen gegen die Terroristen des IS, weil sie nichts mehr zu verlieren haben: Ihre Familienangehörigen wurden von den Islamisten verschleppt oder ermordet, sie selbst versklavt, bevor ihnen die Flucht gelang. Das Schicksal dieser Frauenfiguren basiert auf den realen Gräueln im Nordirak seit 2014, und das Projekt von Eva Husson ist aus den allerbesten Absichten heraus entstanden. Leider ist es kein geglückter Film.

Der Hauptdarstellerin Golshifteh Farahani (als Anführerin des Frauentrupps) nimmt man ihr Leiden nicht ab. Zu viele leere Blicke in unbestimmte Ferne, zu viel zitterndes Atmen. Der Film will große Gefühle erzeugen, sicher. Aber dazu hätte diese ohnehin extreme Geschichte nicht so viel übertriebene Dramatik gebraucht – etwa eine Entbindung während der Flucht oder der Suizid eines jungen Mädchens. Das Festival habe diesen Film nur in den Wettbewerb genommen, um einmal mehr zu zeigen, dass Frauen es nicht könnten, sagte ein Kritiker im Scherz. Hoffentlich war es im Scherz.

Tatsächlich betont der künstlerische Leiter der Festspiele, Thierry Frémaux, immer wieder, dass es unter seiner Direktive "keine positive Diskriminierung" gebe. Also keine Filme von Regisseurinnen im Wettbewerb, nur weil sie von Frauen stammten. Aus demselben Grund lehnt er jede Quotenregelung ab. Regisseurinnen wie Andrea Arnold, deren Film American Honey 2016 im Wettbewerb lief und den Jurypreis erhielt, wünschten sich schließlich, sagt Frémaux, dass sie aufgrund der künstlerischen Qualität ihrer Filme in den Wettbewerb eingeladen würden – und nicht wegen ihres Geschlechts. Aber warum sollte sich das ausschließen? Warum fehlten sie in diesem Wettbewerb? Warum gab es nicht die lang erwarteten Filme wichtiger Regisseurinnen zu sehen wie beispielsweise den neuen Film Maya von Mia Hansen-Løve? Oder High Life von Claire Denis? 

Was die Schweden anders machen

Drei Filme sind es diesmal, die von Frauen gedreht wurden, von insgesamt 21, die um die Goldene Palme wetteifern. Das sind, wenn man es stumpf ausrechnet, 14 Prozent des Wettbewerbs und nicht ganz so viel, wie Frémaux jüngst behauptete: "In Cannes liegen wir immer um 20 Prozent beim Anteil weiblicher Regisseurinnen." Aber er hat völlig recht, wenn er sich mit dieser Zahl trotzdem brüstet, denn weltweit liegt die Produktion von Regisseurinnen bei gerade mal sieben Prozent. "Diese Ungleichheit ist unerträglich, Cannes macht sie nicht mit", sagt Frémaux. Cannes sei nur "der Widerschein" eines globalen Problems.

Dennoch gab es in diesem Jahr auch ein paar kleine, positive Veränderungen. Die Geschäftsführerin der schwedischen Filmförderung, Anna Serner, die sich seit Jahren für Gleichberechtigung und Quoten im Filmgeschäft einsetzt, hat sie wahrgenommen und beschrieben: "Vor ein paar Jahren war ich in Cannes noch die bitch. Jetzt bin ich der Rockstar." In Schweden werden dank ihres Engagements deutlich mehr Filme als anderswo von Frauen gemacht, nämlich jedes Jahr um die 30 Prozent. Noch vor wenigen Jahren hörten Serner nur ein paar wenige Zuhörer zu, irgendwo am Strand der langen Croisette. Dieses Jahr wurde sie in den Festivalpalast, ins Zentrum des Geschehens geladen. Der Saal war voll, etwa 300 Zuhörer kamen. Plötzlich wollen alle von ihr wissen, was die Schweden anders machen.

In ihren Gremien, die für die Vorschläge zur Förderung von Filmen zuständig sind, sitzen exakt 50 Prozent Frauen, sagt Serner. Denn was ein guter Film ist, entscheiden immer auch die Ansichten und Erfahrungen derjenigen, die das zu beurteilen haben. Frauen und Männer legen dabei unterschiedliche Maßstäbe an Relevanz und Originalität an. Das haben Studien belegt. Serner beherzigt es einfach. Das geht nicht auf Kosten der Qualität der Filme. "Jeder Vorschlag für eine Förderung muss begründet werden. Dabei zählen streng künstlerische Kriterien, etwa wie originell das Gezeigte ist oder wie dringlich." Erst danach zählt Serner, wie viele der vorgeschlagenen Produktionen von Frauen stammen. Die Zusammensetzung des Gremiums scheint dabei zu wirken: In Schweden werden regelmäßig jedes Jahr deutlich mehr Filme von Frauen gefördert und gedreht als im weltweiten Schnitt. "Wenn wir nach dem Zählen zu wenige haben, suchen wir einfach noch weiter." Denn, davon ist Serner vollständig überzeugt, es gibt sie, die guten Filme, die Frauen machen.