Wenn es einen Tempel für die Filmkunst gibt, dann trägt er den Namen "Palais des Festivals et des Congrès" und steht an der Côte d’Azur. In dem modernen Zweckbau findet jedes Jahr im Mai das Festival de Cannes statt, die Hohe Messe der Cinephilie. Das Festival schafft es immer aufs Neue, den Eindruck zu erwecken, hier und nur hier werde wahre Filmkunst gezeigt und prämiert. Diskussionen um diesen Anspruch gab es immer. In diesem Jahr aber sind die Zweifel daran noch lauter als sonst. Das liegt weniger an den Filmen, die schon drin sind. Sondern an denen, die draußen bleiben müssen.

Die Vorgeschichte: 2017 sorgte Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter der Filmfestspiele, für einen riesigen Streit, als er zwei Filme des US-amerikanischen Streaminganbieters Netflix in den Wettbewerb aufnahm. Der Konzern weigerte sich, sie danach in die französischen Kinos zu bringen, weil ein französisches Gesetz vorschreibt, dass Filme erst nach einer Sperrfrist von drei Jahren als Stream ausgewertet werden dürfen. Das ist für Netflix unakzeptabel, denn genau fürs Streamen produziert der Konzern seine Inhalte; ins Kino bringt er seine Filme selten und falls doch, dann nur kurz und zeitgleich mit dem Start auf seiner Plattform.

Die Vereinigung der französischen Kinobesitzer (FNCF) lief Sturm gegen die Netflix-Filme im Cannes-Wettbewerb und veröffentlichte ein wütendes Statement. Wenige Tage später gab das Festival eine neue Regel bekannt: In den Wettbewerb dürfen jetzt nur noch Filme, die nach den Festspielen in den französischen Kinos gezeigt werden. Eine Regel, die faktisch also einem Boykott gleichkommt. 2018 wird es keine Produktionen von Netflix in Cannes zu sehen geben.

Dabei macht Frémaux kein Geheimnis daraus, dass er sehr gern die neuen Filme von Alfonso Cuarón (Gravity) und Paul Greengrass (Die Bourne Verschwörung) gezeigt hätte, beide ausgewiesene Kinoregisseure. Auch eine restaurierte Fassung von Orson Welles’ unvollendetem letzten Spielfilm The Other Side of the Wind, eine filmhistorische Sensation, wollte er unbedingt haben. Die drei Filme wurden aber von Netflix produziert, und dessen Inhalte-Chef Ted Sarandos beharrte auf seinem Geschäftsmodell.

Der Vorgang wirft ein äußerst ungünstiges Licht auf die Kriterien, nach denen Filme für den Wettbewerb der Filmfestspiele für Cannes ausgewählt werden. Steht dabei wirklich der Wille im Vordergrund, die beste Filmkunst zu zeigen? Oder verkommt Cannes zum perfekten Publicityschauplatz für Filme, die meist kurz darauf in französischen Kinos starten? So zumindest der Verdacht. Dazu passt auch die ebenfalls neue Regel, dass es keine Pressevorführungen von Wettbewerbsfilmen mehr vor der offiziellen Premiere geben wird. Negative Kritiken können so nicht mehr stören, wenn das Defilee auf dem roten Teppich beginnt.   

Hinter diesen Maßnahmen steht ein Verteidigungskampf: Auch in Frankreich leiden die Kinos unter der neuen Konkurrenz der Streaming-Anbieter. Wenn auch auf einem ganz anderen Niveau als in Deutschland. Hierzulande besuchten im Jahr 2017 circa 122 Millionen Menschen die Kinos – in Frankreich waren es um die 209 Millionen. Dort gehört das Kino immer noch zu einem beneidenswert festen Bestandteil des kulturellen Lebens.

Lauwarme Argumente

Aber die französischen Besucherzahlen gingen in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurück, im vergangenen Jahr kamen rund drei Prozent Zuschauer weniger in die Kinos als 2016. Netflix und andere Anbieter bauen ihr Angebot in Frankreich massiv aus. Das Kino kämpft auch dort gegen seinen Bedeutungsverlust.

Für die merkwürdigen neuen Regeln in Cannes gibt es also handfeste wirtschaftliche Gründe. Das ist umso ärgerlicher, als Thierry Frémaux zunächst davon ablenkte und mit lauwarmen Argumenten die Filme von Netflix und Co zu diskreditieren versuchte. Dem Branchenmagazin Hollywood Reporter sagte er, Netflix oder Amazon Studios gäben Regisseuren zwar die Möglichkeit, mit großen Budgets zu arbeiten; was dabei entstehe, seien aber Hybride, nicht Fernsehen und nicht wirklich Film.

Diese Begründung ist arg dünn, zumal für einen Schritt mit derartigen Konsequenzen. Ist die Entstehung von Filmkunst neuerdings an ein bestimmtes Budget geknüpft? Was meint Frémaux damit, von Netflix produzierte Filme seien nicht wirklich Filme? Benutzt er den Begriff als Synonym für Kino?

Dann dürfte er Amazon in diesem Zusammenhang gar nicht nennen, denn die Produktionseinheit des Internetversandhändlers ähnelt in seiner Ausrichtung stark einem traditionellen Hollywood-Studio und stellt durchaus als "klassisch" zu bezeichnendes Kino her. Der von Amazon Studios produzierte und im Kino ausgewertete Film Manchester by the Sea gewann 2017 zwei Oscars.