Als Amy Schumer 2015 die weibliche Hauptrolle in der romantischen Komödie Dating Queen spielte, wurde ihre Wahl als eine Art revolutionärer Akt behandelt. Allein deshalb, weil die Comedian nicht aussah, als sei sie in einem Beautylabor entstanden. Schumer kennt die Kriterien, die Hollywood an Schauspielerinnen stellt: "Selbst als ich Konfektionsgröße 34 hatte, wurde ich wegen meines Gewichts kritisiert", erzählt sie im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Jetzt befindet sich Schumer auf groteske Weise in der umgekehrten Situation: ihr wird vorgeworfen, sie sei "zu hübsch" für ihren neuen Film I Feel Pretty. Das Problem, dass wir Schumer in ihrer Rolle fälschlicherweise als dick akzeptieren sollen, liegt wohl vor allem daran, dass unser Blick durch nachbearbeitete Bilder, extrem schlanke Schauspielerinnen und operativ verbesserte Pornostars völlig verschoben ist. "Ich schätze ich bin eine Außenseiterin in Hollywood", sagt Schumer, "aber ich bin stolz darauf".

In der Komödie I Feel Pretty spielt sie Renee Bennett, eine junge Frau, die in den Spiegel schaut und nicht mag, was sie sieht. Das hat einige Leute, vor allem Frauen, verärgert. Wenn ein Hollywoodstar, eine blonde, weiße Frau, die mehrere Kleidergrößen unterhalb der Durchschnittsamerikanerin liegt und die Cover von Vogue und Glamour ziert, sich hässlich fühlt, was ist dann mit dem Rest von uns? Wie kann sie, ein Filmstar, es wagen, genauso unsicher zu sein wie wir? Oder, noch schlimmer, so tun als ob? Die gesamte Kontroverse ist traurig und grotesk, aber sie spiegelt auch, wo wir als westliche Gesellschaft gerade stehen.

Gwyneth Paltrow im Fettanzug

Mit Bridget Jones kam vor 17 Jahren die erste Frauenfigur ins Mainstreamkino, die offen mit ihren Unzulänglichkeiten umging und doch am Ende ihren Gentleman bekam, der sie mochte, wie sie war und ihre wobbly bits schätzte. Im gleichen Jahr erschien noch eine andere romantische Komödie, in der es um innere und äußere Werte ging. In Schwer verliebt spielt Jack Black einen Kerl, dessen Traumfrau eine Mischung aus Heidi Klum, Britney Spears und Michelle Pfeiffer ist, bis er sich eines Tages in die innere Schönheit einer übergewichtigen Frau verliebt – aber nur, weil er hypnotisiert wird und sie in Gestalt von Gwyneth Paltrow sieht. Die Rolle der Rosemary wurde überwiegend von deren Double Ivy Snitzer gespielt, einer Schauspielerin, deren Gesicht das Publikum nie sieht. Als Rosemary endlich ihr echtes Gesicht bekommt, wird Snitzer gegen Paltrow in einem Fettanzug ausgetauscht. Schwer verliebt war ein kommerzieller Erfolg, käme er heute ins Kino, würde er den Zorn des Internets zu Recht nicht überleben. Beide Filme veranschaulichen sehr schön, wie weit Hollywood gekommen ist und wie weit es noch zu gehen hat.

Amy Schumer bekämpft das Schönheitsdiktat mit Humor. In ihrer Comedyserie Inside Amy Schumer macht sie sich immer wieder darüber lustig, wie Frauen nahezu unmögliche Schönheitsstandards auferlegt werden. In ihrem Sketch Size 12 etwa geht sie in einem Geschäft shoppen, das ihre Größe nicht auf Lager hat. Sie wird dann von einer Verkäuferin in eine andere Abteilung geführt, die buchstäblich eine Weide ist, auf der sie eine Kuh trifft – und Lena Dunham.

Dunham hatte wie keine andere Schauspielerin in den vergangenen Jahren andere Frauen dazu inspiriert, sich selbst zu lieben, auch wenn sie nicht modeldünn sind. In ihrer Serie Girls (2012–2017) spielte sie nackt Tischtennis, hatte peinlichen Sex und war stolz auf ihren Schamhaarbusch. Ihre Brüste waren widerspenstig, ihre Hüften rund, sie war nicht gebräunt oder faltenlos und weit davon entfernt, perfekt zu sein. Ihr Körper löste – so wie Schumers heute – Diskussionen in ganz Amerika aus. Einige fühlten sich abgestoßen von Dunham, aber viele fanden sie großartig ungeniert und echt. Der Erniedrigung von Frauen aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung stellen sich auch Schauspielerinnen wie Melissa McCarthy (Brautalarm), Patricia Arquette, Kate Winslet und Gabourey Sidibe (Precious) entgegen.

Die Message, die Schumers neuer Film vermitteln soll, lautet: Schönheit liegt im Auge der Betrachterin. Zu Beginn steht Renee vor einem Ganzkörperspiegel. Unter ihrem sandfarbenen Büstenhalter und ihrer Bauchweghose quellen kleine Fettröllchen hervor. Keine grazilen Wangenknochen, keine schmeichelnde Überbelichtung und keine moderne digitale Veredlung retuschieren Schumers Falten, ihre Zellulite und ihr kleines Doppelkinn weg. Sie ist einfach nur eine Frau in ihrem Käfig aus Fleisch. Und dann weint sie angesichts dessen, was sie sieht. Es ist eine schöne Szene, die schmerzlich zeigt, was viele Menschen, vor allem aber Frauen quält: dass sie einfach nicht den harten Schönheitskriterien der Gesellschaft entsprechen.

"Ich weiß, wie es sich anfühlt, in den Spiegel zu schauen und nicht zu mögen was ich sehe", sagt Schumer im Gespräch. Dann hält sie inne und fügt hinzu: "…und fast enttäuscht von mir selbst zu sein."