Als Stasi-Offizier Falk Kupfer in der Fernsehserie "Weissensee" hat Jörg Hartmann nicht nur Menschen zerstört, es waren ganze Familien – nicht zuletzt seine eigene. Trotzdem mag man die Figur. Manchmal jedenfalls, irgendwie. Der Schauspieler prägt auf zwielichtige Weise zwei der streitbarsten Seriencharaktere des deutschen Fernsehens: Neben seiner Rolle als grausam systemgerechter Stasi-Funktionär spielt er auch den psychisch diffizilen und etwas lebensmüden Kommissar Faber aus dem Dortmunder "Tatort". Man kann sagen, Ambivalenz ist Jörg Hartmanns Ding. Am kommenden Dienstag beginnt nun die vierte Staffel von "Weissensee" in der ARD und erzählt die Geschichte zweier DDR-Familien weiter. In der letzten Folge der dritten Staffel ist die Mauer gefallen und auf Falk Kupfer wurde geschossen. Wir wollen nicht zu viel von der Handlung verraten, aber wir haben zum Gespräch in Potsdam einen äußerst lebendigen und gut gelaunten Jörg Hartmann getroffen.

ZEIT ONLINE: Die vierte Staffel Weissensee führt uns mitten in die Wirren des Wendejahrs 1990. Wissen die Deutschen nicht schon alles über diese Zeit? Was kann uns die Serie noch über die DDR erzählen?

Jörg Hartmann: Sie hilft uns zu verstehen, was hier vor 30 Jahren passiert ist. Was dieses autoritäre System bedeutet hat, in welchen Mechanismen die Menschen gefangen waren. Welchen Mut es erforderte, sich gegen die von oben aufgesetzte Meinung aufzulehnen. Und dass IM (Anm. der Redaktion: inoffizieller Mitarbeiter) nicht gleich IM war. Es gab sicher viele, die aus Leidenschaft gespitzelt haben, andere wurden dazu gezwungen.

ZEIT ONLINE: Sie spielen in Weissensee den Generalmajor Falk Kupfer, einen linientreuen Stasi-Funktionär wie aus dem Bilderbuch. Für diese Rolle haben Sie viele Verhörprotokolle der Staatssicherheit studiert, gab es für Sie während der Recherche überraschende Erkenntnisse?

Hartmann: Ja, zum Beispiel, wie schnell und wie leicht man sich so ein System legitimieren kann. Wenn man an die Sache glaubt, kann man auch die Methoden verteidigen. Ich habe irgendwann gar nicht mehr verstanden, warum alle Falk Kupfer als Arschloch abgetan haben. Ernsthaft! Ich spiele doch kein Arschloch. Ich muss den doch lieb haben, mir seine Denke und Überzeugungen aneignen und daran glauben, etwas Gutes zu tun.

ZEIT ONLINE: In der neuen Staffel verändert sich die Rolle von Falk Kupfer – er ist jetzt anders angelegt, weicher und verletzlicher. 

Hartmann: Danach habe ich richtig gelechzt. Irgendwas muss der Umbruch der damaligen Zeit ja mit seiner Figur gemacht haben. Aus dem Saulus wird natürlich nicht gleich ein Paulus. Falk ist weiterhin karrieregeil, weil er nicht zu den Verlierern zählen will, das kann er nicht ertragen. Aber als er sich in eine Frau verliebt, die auf der anderen Seite des Systems stand und inhaftiert war, verändert ihn das. Liebe macht immer etwas mit den Menschen.

ZEIT ONLINE: Interessant ist, dass in der Serie auch viel von Wendeverlierern erzählt wird.

Hartmann: Die Ostdeutschen mussten sich damals ja auch einiges an westlicher Überheblichkeit anhören: Sie seien minderwertig. Was sie geleistet hätten, könne man einfach so abwickeln. 

ZEIT ONLINE: Das ist eine relativ neue Erzählart im deutschen Fernsehen: Auch mal zuzugeben, was der Westen in der Wendezeit verbrochen hat.

Hartmann: Fiktionale DDR-Filme haben bisher immer mit dem Mauerfall geendet, als sei das das Ende der Geschichte gewesen. Das Danach war einfach nicht mehr so sexy, weil es nicht mehr diese geilen Bilder gab von irgendwelchen Mauerspechten oder Millionen Menschen auf dem Alexanderplatz. Dabei ist das, was nach dem Mauerfall im Hintergrund ablief, total spannend. Wie sich da etwa westdeutsche Banken und Versicherungen die größten Tortenstücke gesichert haben. Viele der heutigen Probleme haben ihre Ursache in dieser seltsamen Interimszeit. Damals ist ein Unmut entstanden, der sich leider bis heute hält.

ZEIT ONLINE: Können Sie diesen Unmut verstehen?

Hartmann: Ich versuche immer, vieles zu verstehen. Die Menschen waren damals offen für das Neue, und – Wumms – hat man ihnen einen reingehämmert. Da haben sie zugemacht und sind misstrauisch geworden. Genau dieses Misstrauen spüre ich mittlerweile in der ganzen Gesellschaft. Man tritt dem anderen erst mal mit Skepsis entgegen: Was will der von mir? Es ist ein großes Problem, dass man nicht mehr miteinander redet. Trotzdem denke ich, dass man auch offen bleiben muss.

Ich habe fast das Gefühl, ein bisschen habe ich auch in der DDR gelebt.

ZEIT ONLINE: Wann waren Sie zum ersten Mal in Ostdeutschland?

Hartmann: Vor dem Mauerfall war ich nur zweimal kurz in Ostberlin. Im Frühjahr 1990 bin ich dann zum ersten Mal nach Jena gefahren. Es kam mir vor wie ein Fotoalbum aus alten Zeiten. Ich hatte den Eindruck, ich reise in ein Deutschland, das man im Westen gar nicht mehr kannte. Mich hat das wahnsinnig neugierig gemacht. Deshalb bin ich auch für mein erstes Theaterengagement nach Meiningen in Thüringen gegangen. Ich wollte in den Osten.

ZEIT ONLINE: Sie haben wie kaum ein anderer westdeutscher Schauspieler den Osten umarmt. Was haben Sie persönlich aus der Arbeit an der Serie mitgenommen?

Hartmann: Es klingt vielleicht ein bisschen anmaßend, aber ich habe fast das Gefühl, ein bisschen habe ich auch in der DDR gelebt.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie persönlich denn die Wendezeit erlebt?

Verletzlicher: Jörg Hartmann als Falk Kupfer in der vierten Staffel von "Weissensee" © ARD/Frederic Batier

Hartmann: Ich war damals Zivildienstleistender im Krankenhaus in Herdecke und hatte mich parallel an Schauspielschulen beworben. Der Umbruch in Deutschland passte zu meinem persönlichen Aufbruch. Ich hatte mit der DDR bis dahin wenig zu tun gehabt, wir hatten keine Verwandtschaft dort, es war für mich ein unbekanntes Land. Im Urlaub am Plattensee hatten wir Leute aus Jena und Zwickau kennengelernt und eines Morgens, im Januar 1990, klingelte es an unserer Wohnungstür und zwei Zwickauer standen da und sagten: "Guden Toch, mir sind's, wir wollten rübermachen, könn'n wa bei euch wohnen?" Mein Vater hat ihnen dann einen Job organisiert, nach zwei Wochen hatten sie eine Wohnung. Sie leben heute noch in Herdecke. 

ZEIT ONLINE: Sie wohnen jetzt seit 15 Jahren in Potsdam, hat sich Ihr Verhältnis zum Osten in dieser Zeit verändert?

Hartmann: Ich lebe immer noch sehr gerne hier. Aber all das, was gerade politisch passiert, dieses Abdriften des Ostens ins Rechtspopulistische macht mir schon Sorgen. Ich merke zum Beispiel, dass ich mit einem anderen Gefühl nach Dresden fahre als früher. Ich habe mich nach der Wende total in diese Stadt verknallt und finde auch, dass der Pegida-Stempel unfair ist gegenüber vielen Bewohnern. Da gibt es auch eine andere Seite, aber Pegida ist nun mal präsent. Das alles macht mich traurig und ich frage mich, woher diese Strömung kommt. Ich habe es trotz aller Erklärungsversuche bis heute nicht ganz begriffen.