"Ich spiele doch kein Arschloch!" Jörg Hartmann als Falk Kupfer und Uwe Kockisch (re.) als sein Vater Hans in der dritten Staffel von "Weissensee" © MDR/​Julia Terjung

ZEIT ONLINE: Würde denn Ihre Figur Falk Kupfer heute zu Pegida-Demos gehen oder die AfD wählen?

Hartmann: Ich weiß es nicht. Zur Linken würde er wahrscheinlich nicht gehen, für ihn ist die SED ja zu einer Verräterpartei geworden. Die waren sehr geschickt darin, alle Schuld auf die Staatssicherheit zu schieben. Möglich wäre es jedenfalls – es gibt viele aus der linken Szene, die plötzlich rechts andocken, als würde sich der Kreis an den äußersten Rändern schließen.

ZEIT ONLINE: Der sogenannte Ostmann ist nach den Wahlen im vergangenen Herbst für vieles verantwortlich gemacht worden: die Hysterie im Netz, die Wut auf den Straßen und nicht zuletzt für das Wahlergebnis der AfD.

Hartmann: Genau das ist gefährlich. Ebenso wie das Vorurteil des frustrierten Ostdeutschen. Wenn ich mir das als Ostmann ständig anhören müsste, würde ich auch eine Anti-Haltung entwickeln. Da sollten auch die Medien gut aufpassen.

ZEIT ONLINE: Womit hat denn Ihrer Ansicht nach der Erfolg dieser populistischen Strömungen zu tun?

Hartmann: Ich denke, der Erfolg des Rechtspopulismus hat eher mit der Krise des Mannes zu tun. Der ist völlig überfordert damit, dass die Frau ihm nun auch offiziell ebenbürtig ist und nicht mehr nur das Heimchen am Herd ist. So hätte er es nämlich lieber, weil Karriere und Kindererziehung ihm einfach zu viel sind. Die AfDler sind ja wunderbare Vereinfacher. Alle, die Menschen ködern wollen, suchen nach einfachen Antworten. Und die ist in diesem Fall eben das traditionelle Rollenbild.

ZEIT ONLINE: Die Wiedervereinigung war eine der größten historischen Veränderungen überhaupt. Wie ist das heute noch zu spüren? 

Hartmann: Die Politiker müssen aufpassen, dass sie die Menschen nicht überfordern. Viele Ostdeutsche mussten in ihrem Leben mit so krassen Veränderungen umgehen, ihre kompletten Biografien wurden umgeworfen. Als sie das Gefühl haben, sie haben sich gerade wieder etwas aufgebaut, kommen, sagen wir mal, eine Million Einwanderer ins Land – da sagen sie vielleicht auch mal: Moment, lasst uns drüber reden, ich hab das Gefühl, es wird hier überhaupt nicht kontrolliert. Nicht jeder, der sich Sorgen macht, ist gleich bei der AfD.

ZEIT ONLINE: Spüren Sie denn generell ein Gefühl der Überforderung in der Gesellschaft?

Hartmann: Ja, natürlich. Wenn man bedenkt, was mit diesem Planeten los ist und was man eigentlich an Aufgaben zu bewältigen hätte, ist das auch nachvollziehbar. Man könnte gleich die Sachen hinschmeißen und sagen: Wir haben eh keine Chance. Der Klimawandel ist vielleicht nicht aufzuhalten, warum ziehe ich eigentlich noch Kinder groß?

Ich war früher immer der Clown.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie selbst damit um?

Hartmann: Ich will eigentlich gerade wieder anders denken. Der Mensch ist zu so viel Gutem fähig, er kann so viel Großartiges schaffen. Im Moment sieht man nur, was der Mensch Schlimmes tut, weil man nur noch mit Idioten wie Erdoğan, Trump und Co. konfrontiert wird. Sie dominieren scheinbar, aber auch deshalb, weil die Medien diese Themen immer wieder aufgreifen. Dadurch bekommt man den Eindruck, es gäbe nichts anderes mehr. Man müsste als Gegengewicht viel mehr Positives erzählen. Geschichten in den Nachrichten bringen, die Mut machen. Ich will mich informieren und tue das auch, aber es braucht – rein energetisch – einen Ausgleich.

ZEIT ONLINE: Gibt es Ihrer Ansicht nach eine politische Desillusionierung seit dem Zusammenbruch des Sozialismus?

Hartmann: Wir sind im vergangenen Jahrhundert alle Visionen durchgegangen und alle sind krachend gescheitert. Deshalb bleibt scheinbar keine mehr übrig. Der Turbokapitalismus dauert noch so lange, bis die Erde Puff macht und das war's dann. Wir haben noch keinen richtigen Gegenentwurf und ich glaube auch nicht, dass man das Rad neu erfinden kann. Aber an die Kraft des Guten will ich weiterhin glauben und die muss man irgendwie in die Welt bringen.   

ZEIT ONLINE: Das sagen ausgerechnet Sie, die zwei der abgründigsten, düstersten Männerfiguren des deutschen Fernsehens spielen.

Hartmann: Die hat das Schicksal an mich rangeführt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich nie gefragt, warum gerade Ihnen diese beiden Charaktere angeboten worden sind?

Hartmann: Ich war früher immer der Clown. An der Schauspielschule habe ich alles dafür getan, dieses Image zu bekämpfen und an die seriösen Charakterfiguren heranzukommen.      

ZEIT ONLINE: Das haben Sie ja geschafft.

Hartmann: Ja, und jetzt, hallo? Wo sind die komischen Rollen?

ZEIT ONLINE: Sie haben immerhin schon mal mit dem Berliner Komiker Kurt Krömer auf der Bühne gestanden.

Hartmann: Ja, das war bei Room Service an der Schaubühne in Berlin, da haben wir uns die Witze nur so um die Ohren gehauen. Die Leute haben getobt. Das war voll Klamotte. Ein geiler Abend, hardcore Anarchie.