Von Jeanne d'Arc zu #MeToo – Seite 1

"Um die Geschichte einer einzigen Sekunde zu erzählen, brauche ich einen ganzen Tag", sagt Jean-Luc Godard aus dem Off. "Um die Geschichte einer Stunde zu erzählen, brauche ich ein ganzes Leben." Folgt man dieser lyrischen Arithmetik, kommt es ungefähr hin, dass Godard schon 87 Jahre alt ist, als er seinen jüngsten Film Le livre d'image (The Image Book) in Cannes vorstellt. Der dauert 85 Minuten.

Die Premiere galt als einer der Höhepunkte des Festivals, bis Godard trotz anfänglicher vager Zusagen dann doch nicht persönlich an die Croisette kam. Aber wozu auch? Um mit viel Bling-Bling über den roten Teppich zu laufen? Das hat er als Mann sozialistischer Leidenschaft noch nie gemocht. Um seine Chancen auf eine Palme zu erhöhen? Bereits 2014, als hier sein Film Adieu au langage im Wettbewerb lief, hatte er gesagt, er wolle "aus Trotz" keinen Preis (den er dann dennoch bekam).

Französisch und Arabisch auf einer Tonspur

Und schon gar nicht müsste Godard anreisen, um diesen Film zu erklären. Der beantwortet alle Fragen selbst. Mit Betonung auf "alle": Wie steht es um das Medium Film angesichts neuer digitaler Techniken und der Konkurrenz durch das Internet? Wie steht es um die Branche angesichts von #MeToo? Wie um die Umwelt angesichts ihrer fortschreitenden Zerstörung? Wie um die arabische Welt angesichts gescheiterter Revolutionen? Godard führt uns mit seinem Bilderbuch eben mal vor Augen, wie es so ganz grundsätzlich um die Menschen steht angesichts der aktuellen Lage auf diesem Planeten. Darunter tut es der alte Meister nicht.

Er montiert Stummfilmszenen mit Buster Keaton und Marion Mack neben Webvideos, die Hinrichtungen durch Islamisten zeigen. Er schneidet geraffte neben gedehnte Sequenzen, digital verzerrte Bilder neben beinahe bis zur Weißblende überbelichtete; dazu einen Ton, der mehr als einmal neben der Spur läuft. Auf Französisch, Englisch, Italienisch, Deutsch, Arabisch. Wie es passt. Manchmal wird auch auf zwei Tonspuren gleichzeitig gesprochen. Es ist eine assoziative, halluzinogene Collage, die dennoch völlig kohärent ist. Ein musikalisches Leitmotiv, fünf Kapitel und ein paar wiederkehrende Metaphern sorgen für so etwas wie Struktur. Eine Erzählung im engeren Sinne gibt es nicht. Auch keine im weiteren Sinne.

Dennoch ist erkennbar, worum es geht: um das Wesen des Menschen. Wie er nach Freiheit strebt (deswegen unser Aufbegehren gegen Unrecht und Unfreiheit) und nach Schönheit (deswegen unsere Liebe zum Film). Egal wohin man auf der Welt blickt, zeigt Godard, versuchen Menschen glücklich zu leben und geraten in Konflikt miteinander, wenn es um Einzelinteressen von Machtgierigen oder von Staaten geht. Zu sehen sind dokumentarische Bilder aus Vietnam und dem Maghreb, zu hören sind beispielsweise Sätze von Victor Hugo aus dessen Plädoyer Für Serbien! von 1876: "Wir werden die europäischen Regierungen überraschen, indem wir ihnen etwas zur Kenntnis bringen; dass nämlich Verbrechen Verbrechen sind, dass es nämlich einer Regierung ebenso wenig wie einem einzelnen erlaubt ist, zum Mörder zu werden, (…) dass wenn eine Regierung sich wie ein wildes Tier aufführt, sie wie ein wildes Tier behandelt werden muss; dass nämlich am heutigen Tage, ganz in unserer Nähe, dort, vor unseren Augen, massakriert wird, verbrannt, geplündert, ausgelöscht, dass man Väter und Mütter meuchelt, kleine Jungen und Mädchen verschachert; (…) dass Straßenköter die Schädel der vergewaltigten Mädchen zerbeißen; dass all dies grauenvoll ist, dass es einer einzigen Bewegung der Regierungen Europas bedürfte, um es zu verhindern, und dass die Wilden, die diese Schandtaten begehen, ebenso schrecklich sind wie die Zivilisierten, die sie gewähren lassen, widerwärtig."

Was Godard zeigt, ist oft gewaltvoll. Vor allem ist es gewaltig. Sein Bilderbuch ist eine Symphonie, die wie ein Handstreich daherkommt, aber freilich überhaupt nichts Einfaches hat, sondern der detailversessene Akribie, ein tiefes Weltwissen sozialistischer Prägung und eine lebenslange Leidenschaft für Film zugrunde liegen. Nichts ist hier spontan oder gar lässig. Alles ist komponiert.

Frauen als Geschichtenerzählerinnen

Der Film erinnert ein wenig an Bücher wie Moby Dick oder Ulysses, die auch die ganze Welt erzählen. Godard hat sein livre d'image nur auf einen Umfang eingedampft, der besser zur heutigen Aufmerksamkeitsspanne passt. Aber wie in den Werken von Melville oder Joyce kann man auch bei Godard an jede beliebige Stelle springen und sich darin vertiefen. Zum Beispiel in das eingangs erwähnte Zitat. Es stammt von Charles Péguy, einem sozialistischen Dichter, der im Ersten Weltkrieg starb und auf den heute wieder Philosophen wie Alain Finkielkraut zurückgreifen. Immer wieder hatte Péguy Jeanne d'Arc als Retterin in dunklen Zeiten beschrieben. Auch bei Godard taucht die französische Nationalheilige auf, als Kämpferin gegen Unrecht und als eine der meist verfilmten Frauenfiguren überhaupt.

Natürlich zitiert sich Godard damit auch selbst, denn schon in seinem 1962 gedrehten Frauenporträt Die Geschichte der Nana S. geht die Titelfigur ins Kino, um Carl Dreyers Passion der Jungfrau von Orléans von 1927 anzuschauen. Solche Assoziationsketten lassen sich umstandslos aus jeder Filmsekunde von Le livre d'image bilden. Futter für Generationen von Filmstudenten.

Jeanne d'Arc ist nur eine von etlichen Frauenfiguren, die Godard zitiert. Sein Bilderreigen reicht von Cassandra, der französischen Marianne (die ja im Übrigen nach dem Bild von Schauspielerinnen geformt wird) zu Marilyn Monroe und zu Scheherazade, der größten Geschichtenerzählerin überhaupt. "Schaut her! Hört ihnen zu!", lockt Godard auf zauberhafte Weise. Wie nebenbei kommentiert dieser alte weiße Mann damit auch gleich noch die #MeToo-Debatte.

Und so endet dann sein furioses Kuriosum, diese anderthalbstündige Geschichte einer Ewigkeit mit einer Tanzszene aus Max Ophüls' Episodenfilm Pläsir: Ein Mann taumelt in immer wilderen Kreisen um seine im Takt bleibende Partnerin; er macht sich lächerlich, verliert die Kontrolle und stürzt schließlich dumm und dumpf zu Boden. Das hat die Frau ja so was von kommen sehen. Und Godard eben auch.

Für "Le livre d'image" liegt in Deutschland noch kein Starttermin vor.