Kurz vor Ende der Dreharbeiten zu seinem Film Leto ist der russische Regisseur Kirill Serebrennikow verhaftet worden. Es ist ein Film über die Freiheit und die Liebe geworden, vor allem über die Liebe zur Freiheit. Am Donnerstag feierte er in Cannes Premiere. Ohne seinen Regisseur.

Der Festivalleiter Thierry Frémaux hatte sich noch unmittelbar vor der Eröffnung persönlich an den französischen Außenminister Jean-Yves Le Drian gewandt. Der, so wurde auf der Pressekonferenz in Cannes berichtet, sich daraufhin mit einem Brief persönlich an Wladimir Putin gewandt habe, er möge Serebrennikow für einen Auftritt in Cannes die Ausreise erlauben. Putin habe dem Festival zwar gern helfen wollen, indes aber betont, so wird er hier zitiert, die russische Justiz sei unabhängig. Serebrennikow steht also weiter in Russland unter Hausarrest.

Immer wieder betont man in Cannes, es gehe auf dem Festival nur um Filme. Nicht um Politik. So ganz mag man das nicht glauben, denn der Fall Serebrennikow hat auch in Frankreich für viel Aufsehen und Protest gesorgt. Ziemlich genau vor einem Jahr wurden in Moskau die Büros von Serebrennikow durchsucht. Er habe, so der Vorwurf, 200 Millionen Rubel (etwa 2,7 Millionen Euro) staatliche Fördergelder unterschlagen. Am 22. August 2017 wurde Serebrennikow verhaftet und unter Hausarrest gestellt.

Nicht nur in Russland, auch im Westen wird die Verhaftung heftig kritisiert. Der deutsche Theaterregisseur Thomas Ostermeier, der seit Jahren immer wieder mit Serebrennikow zusammenarbeitet, hat eine Petition initiiert, die von etlichen namhaften Künstlerinnen und Künstlern unterschrieben wurde, darunter Nina Hoss, Elfriede Jelinek, Maren Ade und Lars von Trier. Nichtsdestotrotz wurde Serebrennikows Arrest im Oktober verlängert. Und noch einmal verlängert. Und noch einmal. Bis heute darf er sich nicht frei bewegen.

Wie hier auf der Berlinale sieht man auch in Cannes viele T-Shirts mit dem Aufdruck "Free Kirill". © Matthias Nareyek/Getty Images

Dabei wäre es zu simpel, die Verhaftung schlicht auf Serebrennikows scharfe Kritik am offiziellen russischen Umgang mit Homosexualität zurückzuführen. Der Künstler hatte immer auch mächtige Fürsprecher in der Regierung. Der Fall ist vielmehr ein Beispiel für die Unsicherheit, in der Kunstschaffende in Russland allzu oft leben: Selbst wenn sie so anerkannt sind, dass ihnen Fördergelder zur Verfügung gestellt werden und sie einflussreiche Unterstützer haben, sind sie vor willkürlich wirkenden Hausdurchsuchungen und Verhaftungen ohne ordentliche Prozesse nicht sicher. Fälle wie die von Kirill Serebrennikow sind für ein Klima tiefen Misstrauens in Russland verantwortlich. Diese Politik der Verunsicherung hat, könnte man sagen, die der rigiden Zensur abgelöst.

So tragen in Cannes am Tag der Premiere von Leto etliche Frauen und Männer ein weißes T-Shirt mit dem Aufdruck "Free Kirill". Dem Film, zischeln manche beinahe schon zynisch, wird der Aufruhr wohl nützen. Auch weil Serebrennikows russischer Kollege Andrei Swjaginzew, der für seine beiden Filme Leviathan (2014) und Loveless (2017) in Cannes prämiert und für den Auslandsoscar nominiert wurde, dieses Jahr Mitglied der Jury unter dem Vorsitz von Cate Blanchett ist. Und Blanchett selbst hatte gleich im August als eine der Ersten Ostermeiers Petition unterschrieben.

Doch man täte Serebrennikow ein zweites Mal Unrecht, führte man eine mögliche Auszeichnung seines Films lediglich auf die Umstände der Produktion und die Verhaftung zurück. Leto erzählt vom Anfang der Achtzigerjahre in Russland. In Leningrad hat sich eine kleine Rockmusikszene etabliert. Wie absurd Konzerte in dem offiziellen Club ablaufen, fängt der Film gleich zu Beginn in Schwarz-Weiß-Bildern ein: Die jugendlichen Zuhörer haben auf ihren Stühlen möglichst still zu sitzen. Heftiges Wippen mit dem Fuß oder gar ein Vorbeugen des Oberkörpers wird von den Ordnungskräften sofort unterbunden.