Schwarzer Humor ist das Rückgrat Rumäniens. Vielleicht stimmt dieser Satz sogar, und es ist ein Kitt aus Witz und Fatalismus, der dieses Land zusammenhält, wer weiß das schon. Vielleicht hat Lucian Pintilie damit in Wahrheit auch nur seine Filme gemeint, denn sie waren schwarz, tiefschwarz, zu schwarz erst für die Zensoren, dann für manch empörte Zuschauer, die ihr Land darin nicht wiedererkannten, weil sie nicht sahen, was dieser schweigsame, vollbärtige Mann sah, wenn er seine Kamera auf Rumänien richtete, seine Heimat, aus der er erst geflohen war und in die er wieder zurückkehrte, nachdem Nicolae Ceaușescus großer Menschenversuch vorbei war.

Lucian Pintilie hat man immer wieder einen distanzierten, arroganten Ekel unterstellt, mit dem er, der Rückkehrer, auf seine Heimat herabgesehen habe. Aber der Blick, den er auf Rumänien warf, veränderte das Kino seines Landes, das heute in ganz Europa für seine knorrige Lakonie, seine Unerbittlichkeit, seine unaufgehübschte Erzählweise, seine formale Strenge so bewundert und unendlich preisgekrönt wird.  

Noch immer heißt es in Rumänien, der einheimische Film beschädige das Ansehen des Landes, wann immer diese schlecht beleuchteten Straßen, diese morschen Häuser und die trübsinnigen Zimmer zu sehen seien. Nur geht es jetzt um andere Namen, Cristi Puiu, Cristian Mungiu, Radu Muntean oder Corneliu Porumboiu, aber man kann sagen: Mit Pintilie hat all das begonnen. Wer weiß, wo das rumänische Kino heute stünde, hätte er nicht das filmische Gehäuse errichtet, in denen ein Land sich die bitteren, quälenden, tragikomischen Geschichten erzählen konnte.

Wie eine Kriegserklärung

Pintilie: Im Jahr 1933 in Tarutino (heute Ukraine) geboren und aufgewachsen. Als Jugendlicher, so sagte er selbst, meist alkoholisiert und apolitisch, bis er als Student der Bukarester Theaterhochschule zwangsläufig Opfer der strengen Zensur wurde. Sein Regiedebüt habe Nicolae Ceaușescu höchstpersönlich verboten. So geht zumindest die Legende.

1994 während der Dreharbeiten zu Pintilies Film "Ein unvergesslicher Sommer" mit der Schauspielerin Kristin Scott Thomas © Jeremie Nassif/Sygma/Getty Images

Pintilie sollte es dann sein, der in seinem Film Reconstituirea (deutsch: Die Rekonstruktion, 1968) das kommende Grauen in Rumänien vorwegnahm, zu einer Zeit, da viele das Land noch für liberal hielten. In Reconstituirea müssen zwei jugendliche Rowdys ihre Kneipenschlägerei vor einer Kamera noch einmal für pädagogische Zwecke nachspielen, um die rumänische Gesellschaft vor den Folgen der Trunkenheit zu warnen. An einem Gebirgsbach, umgeben von Wald und Heimatidylle, befehlen Soldaten den beiden verwirrten Jungen immer wieder und immer strenger, sich endlich zu prügeln, dazu das Grölen der Meute aus dem Off, ein Schreckensregime aus Jubel. Es ist die erbarmungslose Wiederholung von Gewalt und Aggression, von Erniedrigung und Machtmissbrauch, der die beiden mitleiderregenden Hauptfiguren allgemach in ihr Unglück treibt.

"Weißt du, was der Unterschied zwischen einem Affen und einem Menschen ist?", fragt einer der zwei Jugendlichen den anderen. "Der Affe braucht keinen Personalausweis."

Die rumänische Kulturbehörde verbot den Film sogleich, sie sah darin eine Anstiftung zum Widerstand gegen einen Staat, an dessen Spitze ein Mann stand, der in den (damals noch zahlreichen) Kinos des Landes opulente Historiendramen und systemstabilisierende Kostümfilme sehen wollte und abends im Privatkino seiner Villa amerikanische Krimiserien. Jemand wie Pintilie galt als Staatsfeind. Als er 1972 Gogols Revisor ins Theater brachte und die Regierung das Stück nach nur drei Aufführungen absetzte, floh er ins Exil. Von der Absetzung erfuhr Pintilie aus den Abendnachrichten, ein Mann verlas die Nachricht, als sei es, sagte Pintilie einige Jahre später, "eine Naturkatastrophe oder eine Kriegserklärung". In Frankreich und den USA inszenierte Pintilie fortan Opern und Theaterstücke. Im Jahr 1981 kehrte er vorübergehend nach Rumänien zurück, um Ion Luca Caragiales Stück Warum klingeln die Glocken, Mitica? zu verfilmen. Bevor er die Dreharbeiten beenden konnte, wurde der Film verboten. Heute zählt er zu den bedeutendsten der rumänischen Kinogeschichte.