An jedem Zufahrtsweg zum Festivalpalast in Cannes stehen schwer bewaffnete Polizisten in kugelsicheren Westen. Jede Limousine, die am Roten Teppich vorfährt, wird scharf kontrolliert: der Chauffeur muss den Kofferraum öffnen, jeder Gast sich ausweisen. Die Maßnahmen sollen für Sicherheit sorgen. Dabei ist die größte Angst, die hier seit Dienstagabend umgeht, die Angst vor Spoilern. Disney hat mit seinem jüngsten Star Wars-Film Solo Europapremiere gefeiert, und keiner, der nicht hineindurfte, will erfahren, was darin passiert. Die Herausforderung besteht also darin, trotzdem etwas über diesen Film zu sagen.

Natürlich: Man weiß schon eine ganze Menge darüber, was passieren muss. Schließlich geht es darum, wie eine der berühmtesten (und übrigens auch wertvollsten) Filmfiguren aller Zeiten, Han Solo, zu dem Mann wurde, den später vermutlich alle Menschen des Planeten Erde kennen, die jemals ein Kino von innen gesehen oder – als Spätergeborene – einen Film gestreamt haben. Warum dieser draufgängerische und von sich selbst so überzeugte Weltraumcowboy, der Harrison Ford 1977 berühmt machte, beispielsweise nicht nur keine Freundin hat, sondern überhaupt ziemlich wenig von Frauen zu halten scheint. Oder wo er seinen pelzigen Co-Piloten und einzigen wahren Freund Chewbacca her hat. Und überhaupt sein Raumschiff, den Millennium Falcon. Es geht also weniger um das, was in Solo passieren wird, als um das wie.

Wie, beispielsweise, macht sich Alden Ehrenreich als Harrison Ford in spe? Mal abgesehen davon, dass Ehrenreich tatsächlich wagemutig sein muss: Welcher Schauspieler riskiert schon, den Rest seiner Karriere mit einem der bekanntesten und beliebtesten Hollywooddarsteller verglichen zu werden? Nun, Ehrenreich macht sich als Han Solo nicht schlecht. Die Star Wars-Fans werden ihn wohl akzeptieren. Sein Grinsen hat durchaus Charme, auch wenn es ein bisschen knabenhaft bleibt und irgendwie wirkt, als habe Ehrenreich lange daran gearbeitet (böse Geister denken an den Schauspielcoach, der ihm für diese Rolle zur Seite gestellt wurde, nachdem die Dreharbeiten bereits begonnen hatten).

Auch ein Weltraumcowboy muss üben

Tatsächlich wirkt Ehrenreich nicht immer ganz locker. Kann sein, dass es so im Drehbuch stand, um sein junges Alter in der Rolle zu betonen. Kann auch sein, dass die Querelen während der Produktion (Ron Howard übernahm auf halber Strecke die Regie von Phil Lord und Chris Miller) Ehrenreich verunsichert haben. Jedenfalls fehlt ihm am Ende auf der Leinwand die Chuzpe und vielleicht auch das glückliche Quentchen optische Unperfektheit, die Ford so erfolgreich machten.

Aber keiner will hier miese Laune verbreiten. Die Action ist spektakulär. Es gibt gleich zu Beginn einen hübschen Verweis zu Han Solos späteren Flugkünsten, als er – legendär – in Das Imperium schlägt zurück seinen Falcon hochkant stellt, um durch ein Asteroidenfeld und den Magen eines Riesenmonsters zu jagen. Nun, so viel sei verraten: Das muss auch der talentierteste Pilot der Galaxis erst mal üben.

Es taucht eine ganze Reihe neuer, interessanter Figuren auf: Die ebenso schöne wie undurchschaubare Qi`ra, die von Game of Thrones-Star Emilia Clarke gespielt wird und für Solos Frauenproblem verantwortlich ist. Tobias Beckett (Woody Harrelson), ein ähnlicher Hallodri wie Han Solo später selbst einer wird, der sich als eine Art Mentor Solos annimmt. Eine weibliche Droidin namens L3-37, die herrlich selbstbewusst daherkommt und sich obendrein dafür einsetzt, dass Droiden die gleichen Rechte erhalten wie Lebewesen. Gerne würde man ihnen in der gar nicht mehr geheimen Fortsetzung von Solo weiter folgen. Leider überleben aber schon den ersten Teil nicht alle. Spoilerfrei darf man sich ja nur auf Chewbacca und Lando Calrissian (Donald Glover) wieder freuen. Tun nach der Premiere auch alle.

George Lucas hatte 1977 für den allerersten Star Wars-Film, Episode IV, sämtliche Genres geplündert, die Hollywood so erfolgreich gemacht hatten: Piratenfilme, Western, Kriegs- und Abenteuerfilme. Das machen auch wieder die Produzenten und Drehbuchschreiber der Disney Company, zu der das Star Wars-Imperium inzwischen gehört, und obendrein zitieren sie noch aus den eigenen neun Filmen: Es gibt also nicht nur ein staubiges Westernduell und eine wirklich schlammige Schützengrabenschlacht, sondern auch Szenen in einer intergalaktischen Bar, an einem Pokertisch und in einem Asteroidenfeld. Alles schon mal dagewesen. Aber eben noch nicht genau so.