Es gibt in dem Dresdner Tatort: Wer jetzt allein ist (MDR-Redaktion: Sven Döbler, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) eine bemerkenswerte Szene auf dem Revier. Die ersten Ermittlungen im Mordfall der erdrosselten Studentin Doro Meisner, die als "Birdy" in einem Datingportal Opfer von Männerhass wurde, sind gelaufen. Der Täter ist noch nicht gefunden, also beraten Henni Sieland (Alwara Höfels) und ihre Kollegin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) mit dem Vorgesetzten Schnabel (Martin Brambach), was weiterhin zu tun ist.

Die Szene ist auffällig, weil der Dialog nicht nach zwei Wortwechseln abbricht. Im Gegenteil: Es wird erwogen und diskutiert, der gesprochene Text dient nicht als Überleitung zum nächsten Bild, es geht um unterschiedliche Ansichten. Die Kommissarinnen schlagen vor, sich selbst als Lockvögel in dem entsprechenden Datingportal einzusetzen, um an die verdächtigen Männer heranzukommen. Der Chef ist dagegen, und er führt dafür lauter gute Gründe auf (Befangenheit, vor Gericht nicht verwertbares Beweismaterial).

In einem Krimi, der ernst nimmt, was er seinen Figuren als Argument aufschreibt, müsste an diesem Punkt ein anderer Plan zur Investigation ausgeheckt werden. Der Dresdner Tatort benimmt sich aber wie ein Kind, das gerade das ausprobieren muss, was die Eltern eben untersagt haben. So entsteht zwar noch eine schauspielerisch hübsche Szene, weil man den Eindruck hat, dass das Anlegen von Profilen mit ziemlich depperten Namen und das Verfassen von Anmachtexten zwischen Höfels und Hanczewski einiges an – womöglich improvisierter – Spielfreude freisetzt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Für einen spannenden ARD-Sonntagabendkrimi ist aber spätestens mit der Ermittlerinnen-Mimikry alles zu spät. Offensichtlich dachte man, es sei eine originelle Idee – wenn man schon mal zwei Kommissarinnen hat –, die beiden auf Liebe, vielmehr Sex suchende Ladys umzuschminken. Die Begegnungen mit den angeflirteten Verdächtigen geraten ausgesprochen peinvoll. "Kinky" Sieland landet bei einer Art Norman Bates aus Elbflorenz (Aleksandar Jovanovic), während "Star" Gorniak mit dem gut aussehenden Reichen Andi Koch (Daniel Donskoy) schick essen geht. In beiden Fällen wird die Verlegenheit der Frauen, die gar nicht auf Dates aus sind, durch ihre ungestümen Versuche verdoppelt, am Angeklampfere vorbei noch Ermittlerinnen-Fragen zu stellen, die nicht wie Ermittlerinnen-Fragen klingen.

Wer jetzt allein ist (Drehbuch: Erol Yesilkaya, Regie: Theresa von Eltz) zerfällt in diesen zähen Momenten in zwei Teile – in sein beachtliches Potenzial und die traurige Realität. Man ahnt in diesem letzten Fall mit Alwara Höfels, was im Dresdner Tatort mit diesen Schauspielern möglich gewesen wäre. Und das nicht nur, weil Martin Brambach selbst durchschnittliche Einfälle (Schnabel wird zum Sitten des Gorniak-Sohns abgestellt, als die datende Mama ermittelt) bravourös in die spezifische Komik seiner Figur integriert. Die Spannung zwischen den beiden die Ermittlung vorantreibenden Frauen und dem leicht verzagten Chef ist eine Konstellation, die mit ihren unfreiwillig flachen Hierarchien aus dem Gros der restlichen ARD-Sonntagabendkrimischauplätze heraussticht.

Angefangen wird damit wenig. Der thematische Überbau (Datingportale) ist lausig entwickelt, wie man an dem jungen Friseur sehen kann, der die Seite Love Tender betreibt. Thomas Frank (Bernd-Christian Althoff) gerät für einen Moment selbst in Verdacht, der Mörder von Doro Meisner zu sein, weil "Birdy" den meisten Traffic produzierte. Über die Nöte und Zwänge im Onlinebusiness wird mit solchen Gelegenheitsideen naturgemäß nichts erzählt.

Und dann geht der Fall, in dem sich Gorniak gegen alle Intuition und Psychologie auch noch in den "Birdy"-Mörder in seinem Märchenschloss verliebt, so lahm zu Ende, wie der SEK-Einsatz inszeniert ist. Im pathetischen Epilog wird der Abschied von Henni Sieland als Lebenskrise verkündet. In den gravitätischen Pausen des Gesprächs mit der Kollegin würde man am liebsten vorspulen, weil die Erfahrung des höchstens mittelmäßigen Films unmöglich zu dem tiefen Eindruck geführt haben kann, der Sieland gleich den Job an den Nagel hängen lässt.

Viel eher bestätigt Wer jetzt allein ist, was Höfels in der Erklärung ihres Abschieds verkündet hatte ("ein fehlender künstlerischer Konsens"). Wenn die zuständigen Redaktionen diesen Dresdner Tatort für ein gelungenes Projekt halten, haben sie mit Kunst nichts am Hut.