Auch die Tatort-Kritik darf im Zuge der Erfüllung der Berichterstattungspläne zum 200. Geburtstag von Karl Marx nicht zurückstehen, und deshalb beginnt dieser Text mit einer kleinen Abschweifung. Zu den Lieblingszitaten der Familie Kuczynski gehört ein Satz von Niels Bohr, der geht so: "Nur bei den flachen Wahrheiten ist das Gegenteil falsch, bei den tiefen Wahrheiten ist auch das Gegenteil wahr." Man findet ihn sowohl in Texten des Wirtschaftswissenschaftlers Jürgen Kuczynski (geboren 1904 in Elberfeld/Wuppertal, wo Friedrich Engels aufs Gymnasium ging, gestorben 1997 in Berlin) als auch im Sprachschatz seines Sohnes Thomas (geboren 1944 in London), der, das wäre der aktuellste Marx-Bezug, zuletzt eine neue Textausgabe von Das Kapital vorgelegt hat.

Wollte man nun das Niels-Bohr-Zitat aus dem Hause Kuczynski auf den ARD-Sonntagsabendkrimi anwenden, so müsste es abgewandelt werden etwa in diese Richtung: "Nur bei den tiefen Wahrheiten ist das Gegenteil wahr, bei den flachen Wahrheiten ist beides falsch – die sogenannte Wahrheit und ihr Gegenteil." Denn der Kölner Tatort: Familien (WDR-Redaktion: Götz Bolten) ist so ziemlich das Gegenteil des äußerst kruden Polizeiruf von letzter Woche – hier ist nichts wirr, sondern alles aufgeräumt, alles erklärbar. Und trotzdem wüsste man nicht zu sagen, welche von beiden Varianten die schrecklichere ist.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Familien ist Synonym für das grauenvolle Mittelmaß der ARD-Sonntagabendkrimi-Produktion: ein Dialog-aufsagen-Horror, der klingt wie das Protokoll der Redaktionssitzungen, in denen man sich am Ende freut, dass keine Information über den sogenannten Fall fehlt. Ein Film, der vergessen hat, dass er ein Film werden sollte, weil dem Publikum genauso gut lauter Texttafeln mit diesen ganzen beflissenen Informationen zur Verfügung gestellt hätten werden können, durch die es sich dann arbeiten muss wie durch eine Steuerklärung. Ein Hörspiel mit Bildern von den Leuten, die gerade sprechen.

Oder auch: der Kriminalfilm als Vorabend-Soap. Nichts wird gespielt, alles nur behauptet. Das geht schon mit dem Auffinden der ermittlungsstiftenden Leiche los (ein junger Stutzer, der volltrunken von seinem Junggesellenabschied heimkehren will und sich auf der Straße denkbar blöde überfahren lässt). Weil man sich dauernd fragt, in welcher Reihenfolge die Kollegen am Tatort eingetroffen sein müssen, damit sie sich gegenseitig immer schon tausend Sachen erzählen können, die sie bereits rausgefunden haben.

Der Doc (Joe Bausch) kommt mit einer äußerst präzisen Untersuchung der Leiche um die Ecke, die doch noch relativ unverändert auf dem Asphalt liegt. Ballauf (Klaus J. Behrendt) hat bereits den nächstgelegenen Busfahrplan gecheckt und knallscharf kombiniert, was die Zuschauerin mit eigenen Augen gesehen hat: dass der nun tote junge Stutzer mit einem Bus hier ankam. Und Fab Five Freddy (Dietmar Bär) ist nur dazu da, um berichtet zu kriegen, was die Leute vor der Knipse wissen sollen.

So geht das die ganze Zeit in einer Geschichte (Drehbuch: Christoph Wortberg, Drehbuchbearbeitung: Christine Hartmann), die dann zur scheinbaren Entführung einer Charlotte (Anke Sabrina Beermann) wechselt. Die ist, stellt sich am Ende als großer Clou heraus, durch einen Unfall ums Leben gekommen, aus dem ihr Vater (Harald Schrott), der gar nicht ihr Vater ist, gemeinsam mit Sohn und Halbbruder Paul (Johannes Franke) sowie mit Kasper, dem Freund von Charlotte (Anton von Lucke) Kapital schlagen wollte für die defizitäre Tischlerei. Das dicke Geld sitzt bei dem Schwiegervater (Hansjürgen Hürrig), der den minderleistenden Schwiegersohn nicht mag und außerdem als Anwalt dafür gesorgt hat, dass Kasper und seine alkoholkranke Mutter (Claudia Geisler-Bading) nach dem Arbeitsunfalltod von Kaspers Papa keine Entschädigung bekommen haben.

Das ist das überschaubare Set an langweiligen Geheimnissen, fadenscheinigen Erklärungen und angeklebten Motiven, durch die der Film sich langatmig entwickelt. Dauernd müssen irgendwelche Figuren aus den Befragungen der Kommissare verschwinden ("So, muss jetzt los", "Ich muss eigentlich auch gleich weiter", "Ich geh mal in die Schreinerei"), damit die Lösung des Falls nicht vor Ablauf der 90 Minuten ans Tageslicht kommt. Einmal schmeißen Balle und Schenk den superverdächtigen Kasper sogar selbst raus, damit der sich nicht zu früh verplappert. Es ist so arg.

Schauspielerisch (Regie: Christine Hartmann) gibt der Textbewältigungsmarathon nicht mehr als Vorabendschrott her: Wie schlecht gelaunt Paul bei der ersten Befragung Schlechtgelauntheit performt, kann einem fast leidtun. Wie man sich für Fab Five Freddys Eheprobleme interessieren soll, wenn der seinen Hochzeitstag vergisst, das Vergessen wieder gutmachen will, dann den Termin für die Wiedergutmachung wieder vergisst oder, noch schlimmer, ausfallen lassen will, weil die Pflicht doch ruft, die aber die ganze Zeit als gleichförmiges, monotones Gerede erscheint – das wäre eine andere Frage.

Von filmischen Handlungen ist Familien so weit entfernt wie eine Laubsägearbeit vom Holzfällen. An die jungen Leute von heute wanzt sich der Film mit onkeligen Gegenwartsgesten heran (den Aufenthaltsort einer Charlotte-Freundin hat Checker-Freddy über "Social Media" rausgekriegt; der Essenslieferdienst, bei dem Kasper arbeitet, trägt zwar zeitgemäßes Outfit, kassiert aber noch in bar und nicht per App). Und Jütte (Roland Riebeling), der neue Assistent, der dem Betrachter als, wie es in der Oper heißt, Buffo ans Herz wachsen soll, wird als Vielfraß interpretiert. Als arbeitsscheues Faultier, das er irgendwie auch sein soll, kann er nämlich schlecht in Erscheinung treten, weil er im besinnungslosen Informationsdiktat, das dieser Tatort ist, auch dauernd etwas wissen muss – etwa den KTU-Bericht zu irgendwelchen Lackspuren, den er seinen beiden Vorgesetzten schon vortragen kann, wenn die gerade erst aus dem Wald mit der Lackspur zurückkommen. Wunder der Erzähltechnik. Produktivkräfte der Qual. Es ist so arg.