Gucken rundfunkbeitragsverweigernde Reichsbürger eigentlich Erstes Deutsches Fernsehen? Das ist so eine Frage, auf die der Münchner Tatort: Freies Land (BR-Redaktion: Stephanie Heckner, BR-Redaktionsassistenz: Florian Marschall) auch hätte kommen können. Beim Versuch, sich einen Begriff zu machen von der "irren Wahnwelt", wie die Boulevardpresse titeln würde, in der Menschen leben, die eigentlich andere Sorgen haben.

Der Tatort (Drehbuch: Holger Joos, Regie: Andreas Kleinert) lässt nämlich seine Protagonisten gegen die Wand von Widersprüchen rennen, die aus der Schnapsidee derer resultieren, die sich von der Gegenwart in den Glauben verabschiedet haben, Deutschland sei in Wahrheit eine GmbH.

Vor allem der Franz (Udo Wachtveitl) muss den späten Nachfahren Immanuel Kants geben, wenn er immer wieder in die Wortgefechte mit den Bewohnern der Freiland-Kommune geht: Warum die sich etwa in der "GmbH" rumtreiben würden, also außerhalb ihres selbst gebastelten Staats auf einem hübsch runtergerockten Bauernhof am Rande Bayerns (Szenenbild: Myrna Drews, Location-Scoutin: Ute Platzer).

Das führt alles zu nix, wie der Ivo (Miro Nemec) aus dem Verfassungsschutzbericht weiß ("Jeder missionarische Eifer im Sinne einer Gegenreformation hat in jedem Falle zu unterbleiben"). Wobei der Verfassungsschutz im echten Leben mit der von ihm unterschätzten Gefahr durch die mit Waffen bewehrten Reichsbürger eine eher unrühmliche Rolle spielte.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Freies Land jedenfalls zieht aus den unterschiedlichen Ansichten der beiden so ehrenvoll ergrauten ("erweißten" sagt man ja nicht) Ermittler einen kleinen, plausibel entworfenen und gespielten Konflikt: dass der Franz sich am Schwachsinn reibt und der Ivo versucht, in den Zeiten des Schwachsinns seine Arbeit zu machen.

Die besteht darin, den Tod eines Reichsbürgers in einer Münchner Badewanne aufzuklären, der bis zum Schluss aussehen soll wie ein als Selbstmord getarnter Mord (sonst würde ja nicht ermittelt außerhalb des S-Bahn-Rings). Der Reichsbürgerwelt kommt darin eher die Rolle einer Gegenwartsillustration zu, auf die der Tatort häufiger zielt, wenn er anderswo von virulenten Phänomenen der Jetztzeit gelesen hat.

Also besuchen der Ivo und der Franz als Stellvertreter der Zuschauerin Agitationsveranstaltungen, bei denen der Reichsbürgermeister (mit schön schwerem Sächsisch: Andreas Döhler) das Vokabular des Milieus herunterrattert. Ironisch daran ist, dass die Freilandfrettchen die Filmhandlung dabei durchaus in die Bredouille bringen. Zum Wesen der Deutschland-GmbH-Jünger gehört ja eine ausgeprägte Bürokratenmentalität, die Behörden mit seitenlangem und massenhaftem Papierkram zu beschäftigen.

Und da Freies Land diese Haltung zeigen will, wird also von Filmfiguren dauernd infrage gestellt, was der ermittlerbasierte Tatort-Film permanent tut: Polizeiarbeit vorführen, die im richtigen Leben so nicht existiert – etwa dass ein Kommissar mal eben an ein Kind heranspazieren kann, um es zum Fall auszuhören. Da kann man natürlich sagen, dass ein Film ein Film ist, aber dass dieser Tatort für das eine Mal sein Muster nicht variiert und andere Ermittlungstechniken und Erzählweisen findet als die, die er immer verwendet, fällt so als Schwäche schon auf.

Reichsbürgerquatsch auf Abstand halten

Andererseits ist Freies Land dennoch ein schöner Film geworden. Es scheint fast so, als hätten seine Macher während der Arbeit entschieden, den ganzen Reichsbürgerquatsch auf Abstand zu halten. Eigentlich ist dieser Tatort eine Form von Tourismus, bei der das Thema den Zielort programmiert, als Sehenswürdigkeit bestaunt wird. Nur um sich schließlich dagegen zu entscheiden, das Reichsbürgerding konsequent in eine Krimihandlung hineinzudenken.

Das macht die Auflösung etwas unbefriedigend, wenn der scheinbare Selbstmord am Ende doch einer war und die ambivalente Reichsbürgerin Lene (Anja Schneider) den Fall einzig dafür benutzt hat, um Reichsbürgermeisterin anstelle des Reichsbürgermeisters zu werden.

Aber die Bilder aus dem Sommer in der Provinz (Kamera: Johann Feindt), die Kulissen in ihrem Verfall sind malerisch, das Bairisch der resigniert-beschäftigungslosen Dorfpolizisten (Sigi Zimmerschied, Konstantin Moreth) hübsch. Das lakonische Erzähltempo passt sich der Trägheit an, die die Hitze verbreitet, und wenn der Franz nach einem Streit mit dem Ivo einer Kuh ins Auge schaut, dann ist das ein fast surrealer Moment.

Und so könnte sogar die Pointe des Films für die Reichsbürger versöhnlich sein, wenn die nicht schon genug Probleme damit hätten, die Realität von ihrer Realität zu unterscheiden. Und demnach unmöglich offen sind für die tatsächlichen Ironien, die bei ihrer fiktionalen Verwurstung entstehen.

In seiner für den ARD-Sonntagabendkrimi sehr typischen Deutschheit wird die Kavallerie, das SEK, erneut erst spät gerufen und stellt sich in dem finalen Battle dann auch noch so gut sichtbar auf wie die Chorus-Line eines sehr müden Westerns, weil sich am Ende doch eh alles relativ friedlich lösen wird (der Jugendschutz!).

Ein Film, der auf dem Gebiet der "USA AG" entstanden wäre, hätte einen Gegenstand wie das Reichsbürgermilieu, ohne mit der Wimper zu zucken, als Vorwand begriffen, am Ende ein ausdauerndes Geballer erster Kajüte zu veranstalten. So gesehen geht es den Mühselig-Beladenen (und im echten Leben durchaus nicht Ungefährlichen) im Ersten Deutschen Fernsehen ziemlich gut.