Für die Freunde des sogenannten Realismus gibt es im Münsteraner Tatort: Schlangengrube (WDR-Redaktion: Nina Klamroth) eine Szene mit hohem Erregungspotenzial. Tohuwabohu im Tierpark: Thiel (Axel Prahl) arbeitet hier undercover als Pfleger und ist gerade erkannt worden von einer Frau (die er als Kommissar befragt hatte) – und zwar bei einem Plausch mit Boerne (Jan Josef Liefers), der wiederum als Interessent an illegal gehaltenen Schlangen mit einem Kontaktmann verabredet ist.

Boerne ist also selbst enttarnt worden, sitzt aber gleich darauf auf einer Parkbank, um – hinter einer Zeitung versteckt wie ein Detektiv spielendes Kind aus einem Kästner-Buch – wichtige Beobachtungen zu machen. Thiel dirigiert derweil eine Pinguinparade vor lächelndem Besucherspalier, außerdem ist ein Fernsehteam anwesend für eine dieser Tierparkdokus (die hier Löwe, Seehund, Pinguin heißt, was zeigt, wie absurd die Namen der Originalformate schon sind, weil diese sich kaum mehr parodieren lassen). Und just in diesem Moment tritt der Zooarzt Doktor  Gremlich (Dirk Martens) auf die Bühne des Spektakels, um im Freigehege einen Pinguin k. o. zu spritzen und in einen Behälter zu verfrachten, den ihm Boerne später entreißen wird.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

Ist das "realistisch"? Ein Mord am Tier am helllichten Tag und vor aller Augen? Natürlich nicht, aber "Realismus" ist auch eine eher problematische Kategorie für die Betrachtung von Filmen, die ja immer schon gemacht sind, also erfunden und geformt. Greift man dagegen zu einem Kriterium wie "Plausibilität" innerhalb dessen, was dieser Tatort erzählt, werden die Widerstände gegen die Szene geringer. Sie ist vielleicht nicht besonders originell, weil der Film alles in einem Aufwasch erledigt (an Boernes konspiratives Treffen wird erzähl- und drehökonomisch günstig dessen investigative Beobachtung drangepappt).

Aber die plumpe Tiertötung vor ungeeigneter Kulisse wird die Gemüter vermutlich kaum erregen, weil sie in das Setting von Schlangengrube passt: zu Boernes übertriebenem Hinter-der-Zeitung-Tarntrick, zu Thiels freudigem Spiel als Pinguindompteur, zur Erzählhaltung dieses Münsteraner Tatorts. So geht es der Folge erkennbar nicht um möglichst ausgetüftelte, detektivische Winkelzüge, sondern allein um die drollige Weitung von Krimimaterial ins Komische.

Eine krebskranke Frau ist tot, eine – ob ihrer Tierliebe – nervende Nachbarin von Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann). Und dieser Mord führt in den Zoo, wo dauernd Tiere sterben und verschwinden, was sich am Ende als Anfang einer Logistikkette herausstellt, die auf dem Teller eines pathologischen Gourmets und steinreichen Medienunternehmers (der große Robert Hunger-Bühler) endet, der für sein Geld alles verlangen kann.

Das Seltene-Tiere-Ding wird outgesourct

Andere Tatort-Filme würden aus solchen Handlungsbausteinen ihr "Thema" kondensieren. Die Krise der Zoos, die auf Mittel privater Geldgeber angewiesen sind und deshalb Tiere verhökern, oder auch das Problem illegalen Geschachers mit seltenen Tieren. Schlangengrube aber kennt eine Idee wie Kritik oder wenigstens Beschreibung gesellschaftlicher Probleme nur aus dem Fernsehen – wenn sich andere ARD-Sonntagabendkrimifolgen zumeist auf plakative Weise daran versuchen.

Das Seltene-Tiere-Ding wird hier etwa outgesourct an die putzig-zynische Figur des Filmemachers Henry Schlör (dessen Name der bornierte Boerne konsequent verhohnepiepelt), den Thomas Arnold als auf Dienstleistung abgebremsten Künstler spielt: als einen, der von tollen Dokumentationen über exotische Arten träumt, aber sein Geld mit dem genervt dirigierten Löwe-Seehund-Pinguin-Schrott fürs Nachmittagsprogramm verdienen muss.