Die dieswöchige Tatort-Folge trägt den Titel Sonnenwende (SWR-Redaktion: Katharina Dufner) und führt in ein nicht zu häufig betrachtetes Problemfeld ein. Es geht um das schwierige Schicksal Heranwachsender in "artgläubigen" Neonazigroßfamilien, die der Scholle verbunden sind und nicht nur das Saatgut der selbstangebauten Obstsorten reinhalten wollen.

Der Familienverbund ist so abgedichtet wie das Gerede martialisch. Wie sich die Technikfeindlichkeit im Hause Böttger allerdings mit den hochfliegenden Vernetzungswünschen mit anderen Sippen verträgt, wäre so eine Frage (Kommt da die gute, alte Brieftaube zum Einsatz?). Dissidenz oder ein – wie es in der biologistisch geprägten Sphäre heißen müsste – Aus-der-Art-schlagen ist in diesem Milieu nicht vorgesehen; die Freiheit der Meinung und die Diversität der Lebensentwürfe stehen da einfach nicht hoch im Kurs, obwohl von "Kultur" schon ab und zu schwadroniert wird.

Heidi Benneckensteins vor nicht allzu langer Zeit erschienenem Buch Ein deutsches Mädchen ist zu entnehmen, wie diese Szene im echten Leben aussieht, in der solche elitäre Familien als Hubs für künftige Neonaziführungskader fungieren. Tradiert wird dort nicht nur das Wissen um den Gemüseanbau in Großmutters Manier, sondern in erster Linie ein geschlossenes Weltbild, in dem menschenverachtender Hass gedeihen kann.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Aber diese Assoziationen führen vom Film selbst schon weg. Eine wahrhaft intrinsische Erkundung der Zwänge innerhalb dieser nicht ungefährlichen Parallelgesellschaft, denen gegenüber der pubertierende Nachwuchs flüsternd seine Zweifel formuliert, wäre zwar ein spannendes Unterfangen – der kommissarsbasierte Tatort ist dafür aber wohl nicht die richtige Form. Die mit dem Frühlingserwachen der Tochter Sonnhild (Gro Swantje Kohlhoff) verbundenen Ausbruchsgelüste aus dem hermetischen Hofleben benutzt der Film (Buch: Patrick Brunken, Regie: Umut Dağ) jedenfalls zuerst zur Produktion eine Leiche, die das Ermittlerteam auf das Thema des Tages aufmerksam machen soll.

Spekulieren über den NSU-Komplex

Eben noch hatte Sonnhild so tapfer aus den Nibelungen rezitiert, schon bricht sie im Klassenraum erschöpft zusammen. Ihr Tod sieht aus wie Diabetes, erweist sich aber als das aufregendste Element im überschaubaren Krimipuzzle, das Berg (Hans-Jochen Wagner) und Tobler (Eva Löbau) zusammensetzen müssen (eher 20 als 200 Teile, was den Schwierigkeitsgrad angeht). Irgendwann sind nämlich Täter (Sonnhilds sogenannter Freund Torsten) und Motiv (Eifersucht auf eine Liebesgeschichte Sonnhilds und ihre Ausbruchspläne) gefunden; allein der Mord kann nicht bewiesen werden, weil er als Krankheit getarnt wurde. Zum Glück rückt die Gerichtsmedizinerin Dr. Andrea Binder (Christina Große) am Ende doch noch mit der Erklärung heraus: ein verbotenes Rattengift war es gewesen!

Der Tatort versucht, sein "Thema" zu weiten, indem er es über die Gerichtsmedizinerin und die tödliche Diabetes an den baden-württembergischen Sprengel des NSU-Komplexes heranspekuliert. Dort gab es bekanntlich eine Häufung von Todesfällen unter Zeugen, die vor NSU-Untersuchungsausschüsse geladen waren. Sonnenwende erfindet sich mit Vergifter-Torsten (David Zimmerschied) eine Parallelfigur zum echten Thomas Richter alias "Corelli", im Film Marco K. genannt, an der das Problematische an der Staatsschutz-V-Mann-Liaison durchfiktionalisiert werden kann.

Wobei das eigentlich Verdienstvolle mit Blick auf den echten NSU-Komplex und das Schweigen der in ihn verwickelten Apparate wohl darin besteht, dass dieser Tatort eine Vokabel wie "Staatswohl" einmal vor einem Millionenpublikum ausspricht – hinter dem Begriff samt seiner kalkulierten Schwammigkeit verschwindet nämlich alles, was am NSU-Komplex und dem Verhalten der Dienste skandalös ist. 

Hans-Jochen Wagner muss doofer tun, als er spielen kann

Ansonsten kommt Sonnenwende leider häufig stullig daher. Damit das handelnde Milieu der Betrachterin zu Hause näher kommt, wird der in der Auftaktfolge doch als zupackend entworfene Friedemann Berg runtergefahren auf demonstratives Nullcheckertum. Was erlauben Frieder? oder Du Lauch!, möchte man ihm einigermaßen erbost zurufen: Hans-Jochen Wagner muss doofer tun, als er spielen kann, und darf erst nach der feurig-verlogenen Beerdigungsfeier für Sonnhild begreifen, dass sein alter Buddy Volki Volkmar (Nicki von Tempelhoff) nicht nur top geschult ist in Biobauernregeln, sondern auch in nazistischer Ideologie.

Das ganze Reichs-Bio-Blut-und Bodenwesen wird also angestaunt wie ein eben gelandetes Ufo aus den Fernen des Alls (dabei kennt Berg Volki doch von ganz von früher). An dieser Stelle lässt sich wieder einmal registrieren, dass der Tatort dem Theater näher steht als der Fernsehserie: Die Figuren fangen immer wieder bei Null an, statt im Laufe der Reihe Entwicklungen durchzumachen.

Höhepunkt des unfreiwilligen Humors

Der Konflikt zwischen Berg und Tobler – er kann bei seinem alten Buddy beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, sie ist von der NSU-Geschichte zusätzlich angespitzt – wirkt aufgesetzt, nicht nur weil die beiden Schauspieler bei ihrem Debüt doch viel besser miteinander konnten. Sie sind für den plumpen Antagonismus, den mancher ARD-Sonntagabendkrimi für dramatische Reibung hält, viel zu ähnlich im Spiel. Die Musik (Iva Zabkar) meint es besonders ernst mit dem Beeindrucktsein und zärtelt sich impressionistisch was zurecht, dass man Sorge hat, ihr könnten irgendwann Töne und Tempo ausgehen vor lauter Ergriffenheit.

Dabei offenbart die deutliche Inszenierung von Umut Dağ das Komödienmaterial, das in dem Stoff steckt. Höhepunkt des unfreiwilligen Humors ist, wie Volki angestochen vom Schwiegersohn schreiend auf dem Boden seines Guts liegt, sich dann aber interessiert Tochter Mechthild zuwendet, die angefasst von Papas Schmerz noch wichtige Informationen loswerden muss. Auch nicht schlecht: wie die Gerichtsmedizinerin Binder der Columbo-mäßig mit immer noch einer Frage nervenden Kommissarin Tobler aus dem Weg geht. Sie richtet den Blick stur nach vorn, eilt zum Ende, wo Tobler noch am Fenster der abfahrenden Scheese um Zusammenarbeit barmt. Der Witz daran ist, dass mit Wagner und Löbau zwei Darsteller bereit stünden, denen solche eine Form von subtiler Komik liegen könnte.