Vor der Premiere hatte das Filmfestival Cannes eine schriftliche Warnung herausgegeben: Lars von Triers jüngster Film The House That Jack Built, der hier außer Konkurrenz gezeigt wird, sei nichts für sensible Gemüter. Und es stimmt, man sieht in ihm zum Beispiel, wie Jack mit einem Küchenmesser einer jungen Frau beide Brüste abschneidet. Die Wunden sind groß und blutig, auf den wirklich riesigen Leinwänden des Festivalpalastes lässt sich das in Nahaufnahme sehr gut erkennen. Die Frau schreit dabei um ihr Leben. Es nutzt nichts, sie wird das 61. Opfer des Serienmörders Jack. Eine der beiden abgeschnittenen Brüste klatscht dieser Jack (Matt Dillon) wenig später auf dem Heimweg an die Windschutzscheibe eines parkenden Autos. Die zweite wird er fortan als Geldbörse verwenden.

Oder man sieht, wie Jack die Leiche des kleinen Jungen, den er samt dessen Bruder und Mutter erst gejagt und dann erschossen hat, so präpariert, dass sie von alleine steht. Da Jack der Ausdruck auf dem Gesicht des toten Jungen nicht gefällt, verzieht und fixiert er es mithilfe von kleinen Draht- und Holzstückchen zu einem fratzenhaften Lachen. Auch diesen Vorgang kann man detailreich verfolgen. Etliche Zuschauer verließen bei dem Spektakel den Saal. Viele beklatschten es nach dem Abspann aber auch frenetisch. Der dänische Filmemacher hat es also wieder geschafft: Er polarisiert. Manchen, so hat es den Anschein, ist das Verdienst genug.

Da kann er doch nichts für!

Das Spalten hat bei Lars von Trier Tradition. Tat er es zunächst formal, indem er sich neuen Arbeitsweisen verschreib, die kurz darauf unter dem Namen "Dogma" Karriere machten, so hat er sich vor einigen Jahren inhaltlichen Extremen zugewandt. Seine jüngeren Filme handeln von exzessivem Grauen (Antichrist, 2008), exzessiven Depressionen (Melancholia, 2010) exzessivem Sex (Nymphomaniac, 2014). Diesmal geht es also um exzessive Gewalt.

Ansonsten ist vieles wie immer: Auch in The House That Jack Built übernehmen Wasser und Feuer metaphorische Rollen. Und wie so oft hat von Trier Footage-Material in die Spielszenen montiert: enzyklopädisches Wissen zur Statik gotischer Kathedralen, Dokumentaraufnahmen von Glenn Gould am Klavier, Aufmärsche der Nazis in Nürnberg, eine historische Fotografie aus dem Konzentrationslager Buchenwald und sehr viel gemalte Kunst wie Botticellis Geburt der Venus und Joseph Stielers Porträt von Goethe. Dessen Faust hat von Trier übrigens gleich mehrfach herangezogen. Und für alle, die mit der Figur nicht so vertraut sind, tritt Mephisto am Ende sogar persönlich auf. Bruno Ganz spielt ihn mit – vermutlich diabolisch wirkendem – deutschem Akzent in seinem Englisch. Vielleicht kann man als deutscher Kritiker die Wirkung nicht richtig beurteilen. Vielleicht ist es aber auch ein wenig platt, den Teufel als Deutschen darzustellen, selbst wenn es dafür gut belegte Argumente gibt.

In fünf Kapiteln erzählt von Trier diesmal also von einem Mann namens Jack, der eher zufällig zum Mörder wird. Sein erstes Opfer ist wie die meisten aller folgenden Opfer eine Frau (Uma Thurman). Die hat aber auch so was von genervt! Und dumm war sie auch noch! Da hat sie eine Reifenpanne auf einer einsamen Straße im Wald und bittet ausgerechnet Jack um Hilfe. Wo der doch sogar noch vorausschauend ablehnt. Doch dann insistiert die Frau: wegen der Kälte, wegen des kaputten Wagenhebers, vielleicht auch wegen ihres Lebens in Wohlstand, das ihr selten einen Wunsch abschlägt. Jack sagt, sie labert ihn voll. Klar greift der Arme da zum Wagenheber und schlägt ihn ihr mitten ins Gesicht.

Halb psychologischer Quatsch, halb philosophischer Kitsch

So geht das dann weiter: Jack mordet zunehmend planvoller, aber auch zunehmend riskanter. Man wundert sich spätestens nach dem zweiten Mord, was eigentlich die Polizei im Film angesichts der verschwindenden Frauen unternimmt. Über Monate oder gar Jahre offensichtlich nicht viel und das, obwohl Jack sogar beginnt, seine Opfer zu inszenieren, zu fotografieren und die Bilder an die Presse zu schicken. Es gibt – neben all den Frauen – eine ganze Menge weiterer Idioten in dem Film. Wäre das alles nicht so wahnwitzig blutig und laut, man könnte problemlos wegnicken. Nichts an der Darstellung der Gewalt ist originell, nichts erscheint dringlich.

Anfangs reizt noch ein Dialog im Off zwischen Jack und seinem Mephisto. Aber auch der entpuppt sich bald als eher ödes Gespräch, in dem es um Krankheitsbilder und Kindheitsprobleme geht. Halb psychologischer Quatsch, halb philosophischer Kitsch, der es nicht bis ins Obergeschoss schafft.

So wartet man irgendwann nur noch darauf, worin das alles gipfeln soll. Nun, der Titel gibt einen recht wörtlich zu nehmenden Hinweis. Was Lars von Trier dem als Epilog folgen lässt, ist so eine Art Abstieg in Dantes Höllenschlund, dessen optische Umsetzung irgendwo zwischen Botticellis Mappa dell'Inferno und Peter Jacksons Der kleine Hobbit liegt. So ein Finale war Lars von Trier in Melancholia grandios gelungen. Hier ist es gescheitert. Und das noch nicht mal grandios.

"The House That Jack Built" hat noch keinen Starttermin in Deutschland.