Thomas Stubers Film "In den Gängen" spielt in einem Großmarkt in Sachsen; hier lernt der schweigsame Christian (Franz Rogowski) die unglückliche Marion (Sandra Hüller) kennen. Zwischen den sauber einsortierten Verkaufsregalen trifft die Ordnung des Kapitalismus auf die Sehnsüchte der Angestellten, ein wenig mehr Glück vom Leben abzubekommen, als das, was sie mit dem Gabelstabler greifen können. Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer schrieb den Roman und das Drehbuch zum Film.

ZEIT ONLINE: Ihr Film In den Gängen über eine Liebesgeschichte zwischen zwei Angestellten eines sächsischen Großmarkts erscheint wie der Beitrag eines Ostdeutschen, den Nebel der neunziger Jahre ein wenig zu lichten. Sie sind Jahrgang 1981, hatten den weltweiten Umbruch direkt vor der Haustür. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Thomas Stuber: Genau genommen war ich zu jung, um wirklich zu verstehen, was passierte. Die Wende und die Zeit danach habe ich im Alter von sieben bis neun erlebt. Das war sehr einschneidend und hatte viel mit unbewussten Dingen zu tun: Bildern, Tönen und Momenten der Stille.

ZEIT ONLINE: Kann man sagen: Die Kinder der Neunziger im Osten waren Schlachtenbummler an der Hand ihrer Eltern?

Stuber: Die Zeit hatte viel mit Eroberung zu tun, und mit großer Verunsicherung. Einerseits die Verunsicherung, die jeder Teenager in sich trägt. Hinzu kamen aber auch die Unsicherheiten um einen herum. Die Lehrer wechselten oft, das Gefühl einer gewissen Leere um dich herum stellte sich ein. Du spieltest in verlassenen Fabrikgebäuden. Das ist sicher etwas, an das sich viele ostdeutsche Kinder der Neunziger erinnern können. Das zieht sich bis Ende des Jahrzehnts durch. Bis heute sind die kleinen Unterschiede spürbar. Da geht es gar nicht um den riesigen Bruch, um richtig oder falsch. Aber wenn man sich als Spurensucher versteht, nimmt man die andere Atmosphäre deutlich wahr.

ZEIT ONLINE: Die Leere der Neunziger, die Sie erwähnen, die leer gefegten Orte haben die Menschen vielleicht auch nachhaltig aggressiv gemacht. Sie erzählen diese Einsamkeit der Arbeiterklasse am Beispiel eines sächsischen Großmarkts.

Stuber: Genau das ist unser Thema, nicht nur von In den Gängen, sondern auch von Herbert (Stubers 2015 erschienener Film über einen kranken ostdeutschen Profiboxer, ebenfalls eine Zusammenarbeit mit Clemens Meyer). Ich möchte allerdings das Thema nicht über die Handlung erzählen, sondern lieber über die Atmosphäre des Films. Das geschieht instinktiv, wenn ich mit Clemens Meyer am Drehbuch sitze. Wir sind genau da aufgewachsen in den Neunzigern und erzählen von den Menschen, die wir sehr gut kennen. Daher können wir davon berichten, ohne etwas anzuprangern. Dadurch lösen sich auch vorgefertigte Bilder auf und das Thema wird unabhängig, zeitlos und universell verständlich. Es strahlt über den Landstrich, über das Neunziger-Jahre-Fundament hinaus und erzählt etwas über das Menschsein an sich.

ZEIT ONLINE: Dieser Eindruck verstärkt sich, weil keine moralische Botschaft zu erkennen ist. In den Gängen ist kein Sozialdrama. Mich hat gerade das Untragische extrem gerührt.

Stuber: Nichts liegt mir als Filmemacher ferner als moralische Botschaften zu vermitteln. Das Entscheidende ist, dass du dich für deine Figuren interessierst, dann kommen alle anderen Dinge von selbst. Ich höre meinen Protagonisten selbst gerne zu. Ich werde mit meinen Figuren, ihrer Wut und ihrer Angst auch im nächsten Projekt weiter arbeiten.

ZEIT ONLINE: Interessant fand ich Ihre Farbregie: die wenigen Farben sind stark und sehr intensiv. Das Grau, das wir immer sehen, wenn wir an den Osten denken, kommt im Film nicht vor. Null Tristesse.

Stuber: Ich will nichts düsterer zeichnen als es ist. Die Figuren machen es sich schön in ihrem Großmarkt. Sie grillen abgelaufenes Fleisch, sie haben einen eigenen Code, miteinander zu sprechen, sie werfen sich Sachen zu, gehen verbotenerweise aufs Klo, um eine zu rauchen. Und ich finde es auch schön da. Ob das etwas damit zu tun hat, dass ich selber als Junge in heruntergekommenen Fabrikhallen gespielt und diese Atmosphäre so aufgesogen habe, dass ich mich sogar dort zu Hause fühlte? Möglich.