Dass diesmal etwas anders ist, zeigt sich schon in den ersten Sekunden. "Wir werfen einen Blick auf sexuellen Missbrauch, Drogensucht, Suizid und mehr. (…) Wenn du selbst mit solchen Themen kämpfst, könnte diese Serie nicht das Richtige für dich sein oder du solltest sie mit einem Erwachsenen deines Vertrauens sehen." Die Hauptdarstellerinnen und der Hauptdarsteller der Serie Tote Mädchen lügen nicht sprechen diesen Appell zum Auftakt der zweiten Staffel, die nun auf Netflix zu sehen ist. Vor den Episoden, in denen besonders explizite körperliche oder sexuelle Gewalt zu sehen ist, wird eine Warnung eingeblendet. Und am Ende jeder Folge erscheint ein Hinweis auf die Website 13reasonswhy.info. Dort sind Hilfsorganisationen oder Anlaufstellen für alle Länder aufgeführt, in denen die Netflix-Serie abrufbar ist. In Deutschland sind das die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention und Jugend.support, eine von Jugendlichen mit gestaltete Website, die sich gegen Cybermobbing einsetzt.

Um all das zu verstehen, muss man ein Jahr zurückblicken. Als Tote Mädchen lügen nicht (im Original wesentlich treffender mit 13 Reasons Why betitelt) am 31. März 2017 erschien, kam die Geschichte auf den ersten Blick daher wie eine typische Teenie-Serie über Mobbing an einer Highschool: ein mieser Baseball-Teamchef, ein schlauer, rechtschaffener Nerd und dazwischen Hannah, die unkonventionelle Protagonistin, die um ihren Ruf kämpft.

Doch es dauerte nicht lange und Tote Mädchen lügen nicht löste eine der größten Debatten aus, mit denen Netflix seit seinem Bestehen konfrontiert wurde. Denn das Mädchen Hannah Baker (Katherine Langford) kämpfte nicht, wie in anderen Jugendserien, mit Hilfe ihrer Freunde erfolgreich gegen ihre Angreifer. Sie schnitt sich die Pulsadern auf. Und hinterließ in Form von Audiokassetten 13 Gründe, die zu ihrem Suizid geführt hatten. Diese 13 Reasons Why waren ihr Vermächtnis, ihre Rache, ihre Anklage gegen alle, die sie verletzt oder im Stich gelassen hatten.

Sowohl Hannahs Suizid wie auch ihre Vergewaltigung durch den Baseball-Captain Bryce Walker (Justin Prentice) wurden sehr deutlich gezeigt. Jugendschutzverbände, Ärzte und Psychologen kritisierten den Streamingdienst vor allem wegen seines Umgangs mit dem Thema Suizid. Jugendliche könnten durch die Geschichte zu Nachahmungstaten verleitet werden, ohne elterliche Unterstützung sollten Kinder die Serie nicht sehen. Tatsächlich meldeten vor allem in den USA einige Schulen Reaktionen auf die Serie. Die Washington Post zitierte im April 2017 einen Schulleiter aus Florida, der von mehreren Fällen von Selbstverletzungen oder Suiziddrohungen seiner Schülerinnen und Schüler berichtete, die sich auf die Serie bezogen. Andere Stimmen bewerteten es eher als positiv, dass in Tote Mädchen lügen nicht sehr direkt und ungefiltert über Mobbing und sexuellen Missbrauch zwischen Teenagern gesprochen wurde und es damit möglichen Opfern leichter gemacht werde, das zu verbalisieren.  

Nachdem Netflix Warnhinweise vor den drastischsten Episoden angebracht und eine Art Kindersicherung für Zuschauerinnen und Zuschauer unter 16 Jahren eingerichtet hatte, wurde es ruhiger. Rückblickend kann man dem Streamingdienst zwei Dinge zugutehalten: Er hat mit Tote Mädchen lügen nicht einen Auftakt zu einer neuen Art von Jugendserien geschaffen, die er seitdem konsequent fortsetzt. Es geht darin um Depressionen, Essstörungen, Krebserkrankungen. Themen, die auch in früheren Jugendserien anklangen, aber in Formaten wie Beverly Hills, 90210 patent am Ende jeder Folge gelöst wurden. 

Wie funktioniert sexualisierte Gewalt in einem geschlossenen System?

Tote Mädchen lügen nicht hat zudem auch viele Fragen vorweggenommen, die in der #MeToo-Debatte wenige Monate später aufgegriffen wurden: Wie funktioniert sexualisierte Gewalt in einem geschlossenen System wie einer Highschool? Welche Lobby hat ein Mädchen, das betrunken war, als es vergewaltigt wurde? Warum wird die sexuelle Aktivität von Mädchen und Jungen immer noch in die Kategorien Schlampe/Held eingeordnet? Und letztlich: Wer hat am meisten zu verlieren, wenn es zu einer Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs kommt? Der Täter oder das Opfer?

Abgesehen von diesen gesellschaftlich relevanten Themen war Tote Mädchen lügen nicht aber einfach auch eine handwerklich gut gemachte Serie mit großartigem Soundtrack, die man gern am Stück schaute: Bis zum Ende der 13. Folge wollte man unbedingt wissen, wer von all den Mitschülerinnen und Mitschülern noch ein dunkles Geheimnis besaß, wer sich – im eigenen oder in Hannahs Sinne – schuldig fühlte? Vielleicht würde sich sogar der brave Erzähler Clay (Dylan Minnette), der unglücklich in Hannah verliebt war, am Ende als Monster entpuppen? Und wie glaubwürdig war Hannah selbst?

Diese Unsicherheit wird auch in der zweiten Staffel fortgesetzt, die stärksten Momente sind jene, in denen Hannahs Glaubwürdigkeit erschüttert wird. Denn, das wird sehr geschickt und manchmal wie nebenbei erzählt, auch das hochgelobte Vorzeigemädchen hat Schuld auf sich geladen. Das ist aber auch schon die einzige Ungewissheit, denn wer gut und wer böse und wer irgendetwas dazwischen ist, hatte die erste Staffel ja schon erschöpfend behandelt. Täter wie Opfer sind ausgemacht: Der Baseball-Captain Bryce ist der Vergewaltiger, Hannah und ihre Freundin Jessica (Alisha Boe) sind die Vergewaltigten.