Die Familie bildet so was wie den inneren Kern der Kinogeschichten Hollywoods. Die Trinität aus Vater, Mutter, Kindern wird im Melodram gefeiert, in der Komödie bestärkt, im Thriller und Horrorfilm gegen äußere Feinde verteidigt. Schon immer und immer noch singen diese Filme die heilige Messe der Ehe und der Geburt. Ein Kind als Erfüllung bürgerlicher Träume und Versprechen auf die Zukunft ist das Ideal, an dem sich Hollywood abarbeitet. Die neue Komödie Tully mit Charlize Theron macht da allerdings nicht mit.

Die Geburt ist hier ein durch und durch geschäftsmäßiger Termin. Marlo (Theron) bekommt in einem Krankenhaus ihr drittes Kind. Um sie herum blinken Apparate, ihr wird eine Infusion verpasst. Ein Arzt nimmt das Kind gelangweilt in Empfang. Auch nach der Geburt zeigen Marlo und ihr Mann Drew (Ron Livingston) keinen Gefühlsüberschwang, keine Freudentränen, keine innigen Umarmungen. Irgendwann ist der erste Besuch der Familie überstanden, jetzt steht Marlo noch eine letzte Demütigung bevor: Sie soll einer strengen Krankenschwester beweisen, dass sie selbstständig pinkeln kann.

Tully will die Wahrheit über Mutterschaft im Jahr 2018 zeigen und dazu gehört auch diese: Marlo ist schon vor der Geburt von Kind drei zu erschöpft, um sich zu freuen. Kind eins und zwei haben sie so ausgelaugt, dass sie sich nur noch schicksalsergeben in die dritte Runde schleppt.

Der Film ist die dritte Zusammenarbeit der Drehbuchautorin Diablo Cody und des Regisseurs Jason Reitman, die in den Komödien Juno (2007) einen schwangeren Teenie zeigten und in Young Adult (2011, ebenfalls mit Charlize Theron) eine Frau, die sich weigert, erwachsen zu werden. Tully komplettiert die beiden Komödien zu einer Trilogie, die eine Abwesenheit starker Frauen in der amerikanischen Gesellschaft thematisiert. Der jüngste Film offenbart jetzt allerdings eine Oberflächlichkeit, die eigentlich in Reitmans Filmen schon immer da war, nur besser kaschiert.

Was nicht bedeutet, dass Tully nicht unterhaltsam wäre. Tatsächlich dürften Menschen, die selbst Kinder haben, viele Szenen aus eigener Erfahrung kennen – und keine hat unmittelbar mit der Freude der Elternschaft zu tun. Jene etwa, in der eine fremde Frau die hochschwangere Marlo wohlmeinend darauf hinweist, dass auch entkoffeinierter Kaffee noch Spuren von Koffein enthält.

Marlos Erschöpfung ist nach der Geburt schließlich so groß, dass sie auf ein Angebot ihres wohlhabenden Bruders eingeht und eine Nacht-Nanny engagiert. Fortan kümmert sich die Mittzwanzigerin Tully (Mackenzie Davis) nachts um das Neugeborene und bringt es Marlo nur ans Bett, wenn es gestillt werden muss. Der Luxus der (beinahe) durchschlafenen Nächte bringt neues Leben in Marlo, zumal Tully nächtens auch lustige Cupcakes für die Kinder backt, das Haus wienert und zum Beste-Freundinnen-Ersatz wird, dem Marlo ihr Herz ausschütten kann.

Denn klar stellt sich Marlo bald schon die Frage: Ist das nun das Leben, das sie sich erträumt hat? In einem langweiligen Job zu arbeiten, weil die Familie das Geld braucht; abends eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben, weil die Energie für mehr nicht reicht und später, wenn die Kinder endlich schlafen, eine Dokusoap über Gigolos zu schauen, weil an eigenen Sex gar nicht zu denken ist?

Cody begegnet diesen Fragen mit dem ihr eigenen bissigen Witz, der mit Gegensätzen arbeitet. Als Marlo und Drew etwa den reichen Bruder besuchen, prahlt der mit einem Geschenk, das ihm sein Boss gegeben hat. Marlos lakonische Replik: "Mein Chef hat mir mal einen Schnupfen gegeben." Und Tully, die als junge, ungebundene Frau durchs Leben zu schweben scheint, bekommt von ihr zu hören: "Klar, in den Zwanzigern ist das Leben super. Aber dann kommen die Dreißiger um die Ecke wie ein Müllwagen um fünf Uhr früh".